Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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383 nimmt eine Wanne, eine zweite... Keine Spur von Besserung! Freilich wurde ihm gesagt, daß zwei Bäder nicht genügten, daß man einige Dutzend nehmen müßte, und überdies dürfte er aus Sparsamkeit nicht zwei, drei Tage hintereinander hungern, nicht bei Regenwetter unter freiem.Himmel schlafen, und das alles hatte er ja nicht befolgt. Er hoffte, der wohltätige Liman werde seine Lage berücksichtigen. Und nun beginnt von neuem das krampfhafte Hin- und Herlaufen, das Sichberufen auf Frau Goldenberg, das demütige Flehen mit vor Furcht, Scham und Verzweiflung stockendem Herzschlag. Manchmal erkennt man ihn und jagt ihn hinaus als einen Betrüger, ein andresmal, wenn man vergessen, daß er schon dagewesen—laufen denn wenig solcher Seligs herum? — gibt *man ihm wieder fünfundzwanzig oder fünfzig Kopeken, und wiederum werden sie von den heilenden Wassern des Limans verschlungen, der noch immer nichts dafür gibt, und von neuem steht Selig auf dem Steg und schaut mit starrem, seltsamen Blick auf die toten, gleichgültigen Wasser. Und an einem drückend heißen Vormittag, wann es ringsum so sonnig und still ist, oder in einer lieblichen sternenhellen Nacht, wann die Zikaden so schön musizieren, geschieht es nicht selten, daß so ein Selig Silberschatz unter seinem mit dem verwitterten, zerfransten Mantel bedeckten Strauch in ein besseres Jenseits hinüberschlummert. Er wird im heißen Sande verscharrt, wo schon so viele Lebensmüde ruhen, und sofort wird der freigewordene Platz unter dem Strauch von irgendeinem anderen Selig besetzt, welcher anstatt eines verwitterten Mantels einen löcherigen Sack oder eine modrig riechende Bastdecke ausbreitet. — Das verfallene Pförtchen öffnete sich und in den Garten trat schwankenden Schrittes eine kleine, magere Jüdin mit einem sechzehnjährigen gelähmten Sohn in den Armen, den sie jeden Tag eigenhändig ins Bad trug. An ihren Strauch gelangt, bettete die Alte mit Vorsicht den Jüngling auf einen Haufen Lumpen und fiel ganz erschöpft nebenbei auf die Erde. Ihr müdes Gesicht war von entsetzlicher Blässe, die unnatürlich geweiteten Augen schauten wie geistesabwesend ins Leere; aus dem halbgeöffneten Munde rang sich geräuschvoll der kurze, heiße Atem. Der Sohn, ein lockiger, schlanker Jüngling mit feinem Profil, scharrte mit dem Ausdruck eines verwundeten Elentiers in seinen schönen Augen voller Mitleid auf die Mutter und flüsterte ihr etwas leise zu. „Seht mal, wie abgequält sie ist, die Unglückliche!" — sagte mit weicher Bruststimme ein junger, bleicher Fuhrmann arrs der Sekte der Stundisten. „Da, trink mal einen Schluck!" Seine blauen Augen strahlten in mildern, beruhigendem Glanz: er reichte der Alten eine Blechkanne mit Wasser. Unter dem Nächstliegenden Strauch flickte ihre Lumpen eine rothaarige stattliche Judenfrau mit roten: Gesicht und breiten: Arbeiterrücken; neben ihr lagen drei kranke Kinder mit magern krummen Beinen und aufgedunsenen Leibern; das vierte, das älteste, ein neunjähriger Knabe mit ernstem Gesicht, saß etwas abseits und behobelte mit einem verrosteten Stück Eisen ein Stäbchen. Das war eine Witwe, die ihre letzten Groschen für die Reise an den Lima:: verausgabt hatte. Lange Zeit suchte sie mit zähneknirschendem Starrsinn nach Arbeit, doch trotz ihrer starken, schönen Gestalt, trotz den sehnigen, schwieligen Händen wollte ihr niemand Arbeit geben, und das versetzte die Frau in helle Wut, entriß ihr manchmal schreckliche Verwünschungen . . . Wenn die , Kinder weinend um Brot baten, wenn keines da war und die arme Mutter die Kleinen nicht beschwichtigen konnte, sprang sie plötzlich auf, hob die Augen gen Himmel und schwang drohend die starken Fäuste; aber dann, als wäre sie selber über diesen Ausbruch entsetzt, stürzte sie sich zu den Kindern, begann sie mit zitternden Händen zu liebkosen und flüsterte angstvoll: „Pst . . . Ruhig . . . Der Schutzmann . . . Dort, dort kommt er! . . . Und der Revieraufseher ist dabei . . . Wenn er Euch hört, weh uns dann! ... Pst . . Au: nächsten vor: Reb Leiser saß eine junge Frau mit durchsichtigem, wachsbleichen Gesicht und großen schwarzen Augen. Sie hielt ein dreijähriges Kind auf den Armen, wie es schien über ihre Kraft. Sein kleines, bleiches Gesichtchen, sein dünner Hals, seine magern wie leblos unter den Lumpen hervorhängenden Aermchen und Beinchen, das alles war so zart und schwach, als wäre im Innern des kleinen Körperchens anstatt Knoche:: Watte und als halte alles nur durch ein Wunder zusammen und könne jeden Augenblick zerschmelzen, sich zerstreuen zugleich mit diesem ununterbrochenen, leisen, aber herzzerreißenden Stöhnen, welches sich dem trocknen, halbgeöffneten Mündchen mit den blaugewordenen Lippen entrang . Hinter dem Zaun wurde der schwache zischende Laut von Rüder:: hörbar, die langsam durch tiefen Sand rollten, und es ließ sich das Schnauben eines Pferdes vernehmen. „Joine kommt!" rief ein aufgeweckter Knabe, der einem munteren Spatz glich, und schnell vom Holzzaun herunterspringend, lief er zum Tor, um es zu öffnen. Alle wurden lebhafter. In den Garten fuhr über die Brandstätte das kleine bestaubte Wägelchen des Bäckers hinein, welches mit einer zerzausten, grünlich-gelben, schattenühnlichen Mähre bespannt war. „Halt, meine Schöne!" sprach der Bäcker, herunterspringend, ein hagerer Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit rothaarigem Krauskopf und schwarzen Augen auf dem lebhaften, klugen Gesicht. Von allen Seiten drängten sich die Kranken zum Wägelchen. Joine öffnete das Türcheu und dem gierigen Menschenhaufen schlug der angenehme Duft von frischgebackene::: Brot entgegen. „Ein halbes Pfund!" — „Ein Pfund!" baten ungeduldige Stimmen, und den: Joine streckten sich von allen Seiten schmutzige Hände entgegen, welche ihr Geld so fest hielten, als täte es ihnen leid, diese alten, schmutzigen Kupfermünzen fortzugeben. „Gleich, gleich! Wird für alle genug sein," sprach Joine, geschickt und energisch das weiche, duftige Brot mit dem Messer zerteilend. „Hier — und wieviel haben Sie nötig?" „Ich werde abgeben, ich sag' Ihnen, ich werde abgebeu! Sobald ich Arbeit kriege, bezahle ich!" erschallte plötzlich die gereizte Stimme der rothaarigen gesunden Witwe. „Was, sollen wir vor Hunger krepieren? Herschel, Sieffel, Riwka, Beml alle heulen sie, alle weinen sie — was soll ich ihnen geben, nu? Oh, geschwollen sollt ihr werden!" „Schrei' nicht, Chawe, schrei' nicht!" ertönten von allen Seiten Stimmen, „Du machst es schlimmer." „Ha! Ihr habt gut reden!" wütete Chawe. Aber was soll ich denn anfangen? Der eine gibt kein Brot, die andern lassen nicht ins Kurhaus. Nur eine, eine einzige Wanne, sag ich! Eine hilft sowieso nicht, antworten sie! Euch, den Reichen, wird sie nicht helfen, aber uns wohl. Ach, sollt Ihr . . ." Und sie brach wieder in Verwünschungen aus. Joine hatte trotz dem strengen Verbot seines Prinzipals der Chawe schon zweimal Kredit gewährt. Um das Fehlende zn ersetzen, mußte er eine reiche Villenbewohnerin übervorteilen, und mehr war er außerstande zu helfen — mit Uebervorteilen kommt man nicht weit! Jetzt passen auch die Reichen gut auf! Sein Gesicht umwölkte sich. Chawes Flüche