Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 382 -- jungem Grün sich schmücken und wenn die Blätter zu fallen beginnen, eine mit Waren und Menschen aus aller Welt angefüllte Stadt. Es ist natürlich, daß alle früheren Poetischen Schilderrrngen Frankfurts vorzugsweise die Blütezeit der Messen, in welcher Frankfurt die besuchteste Handelsstadt der Welt hieß, „des alten Tyrus Ebenbild" verherrlichen. Die große historische Vergangenheit Frankfurts kam jedoch in solchen poetischen Bildern fast nie zur vollen Geltung, wenn nian nicht etwa einen Roman von C. Spindler, der auf dem Lokalterrain der Frankfurter Judengasse spielt, als Poetisches Bild gelten lassen will. Die Schilderungen Goethes in „Dichtullg rrnd Wahrheit" gehören natürlich nicht in diesen Rahmen. Heine war der erste, der mit feinem poetischen Blick, mit einer historischen Sachkenntnis, die uns heute in Erstaunen seht, wenn wir seinen Quellen nachgehen, die geschichtliche Bedeutung Frankfurts, die Größe und Pracht seiner Messell, die Attertüinlichkeit und die Geschichte seines Ghetto zum getreuesten und schönsten Ausdruck gebracht hat. Und gern folgen wir dem Dichter durch das starke Gewühl der Ostermesse, wenn er seine Reisenden durch das dunkle Maintor in die Stadt führt rrnd ihnen das bunte Treiben, das Gewühl des Handels, die Masse kostbarer Sacken, die nie gesuchte Pracht zeigt; wenn er die breiten Ratsherren mit goldenen Halsketten rrnd roten Mänteln, die ehrsamen, stolzen Altbürger mit schwarzem, bauschigem Wams, die schweren Reitersknechte in eiserner Pickelhalrbe, gelbledernem Wams und klirrenden Pfundsporen, die rosigen Frankfurter Mädchen mit dem schwarzen Samthäubchen, die zu einer Spitze an der Stirn zusamnlenliefen, und die jungen Gesellen mit gelbgeziertem Barett, klingenden Schnabelschuhen und hellfarbigen seidenen Kleidern, die gleich witternden Jagdhunden hinter ihnen dreinsprangen, uns vorführt. Und auch über den hochgegiebelten Marktplatz der Stadt, vor den Römer folgen wir dem Dichter, wenn er uns ein Ritterspiel und Ringelstechen zu Ehren des Kaisers Maximilian II. schildert. Welch eine anschauliche Darstellung, welch eine plastische Abrundung bei dieser Fülle von Gestalten, die auf dem Kampfplatz erscheinen, von dem langen, blonden Köllig Max, den Rittern und Damen des Adels an bis zum Wunderdoktor, der seine Tinkturen und Wundersalben anpreist, bis zur ehrsamen Schützengilde, ja bis zu dem Rudel fahrender Frauen hin, die aus dem Frauenhause „zum Esel" von Wurzburg herüberkanlerr und nach dem Roselltale fllhren, wo die hochlöbliche Obrigkeit ihnen während, der Meßzeit Quartier angewiesen, und bei derell Anblick der fromme Rabbi erschreckt seiner Gattin die Augen schließen möchte. Einen wundersamen Kontrast zu diesem Zuge mittelalterlicher Hexen bildet der traurige Zug von kahlköpfigen und barfüßigen Mönchen, die in feierlicher Prozession sich dahinbewegen. Den seltsamsten Eilldruck macht aber neben dieser Herrlichkeit und Pracht, neben all diesem Gewübl und Treiben, die hohe, enge, traurige Judengasfe. Wenn wir den Dichter in diese Gasse begleiten, dann leben all die Gestalten derselben in unserer Seele auf, sie gewinnen Fleisch und Blut und werden lebendig in unserer Erinnerung, als ob wir selbst alle gekannt hätten, so wahr, so treffend, so anschaulich weiß er sie mit zwei oder drei Strichen vor unser geistiges Auge zu zaubern. Das ist nun ein eigenartiger, seltsamer Zug komischer Gestalten. Er wird eröffnet von dem lahmen Gumperz und der Muhme Täubchen, die den kleinen Gottschalk am Arme führt. Diesen folgen Mendel Reiß und der Nasenstern, Jäckel der Narr und Beitel Rindskopf, Schnapper Elle und Hündchen Reiß, Vögele Ochs und Süschen Flörsheim. Der scheele Aron Hirschkuh aus Homburg an der Lahn beschließt den seltsam wunderlichen Aufzug — viel 31t früh, da wir gern dem Dichter bis ans Ende der Judeugasse gefolgt wären. Es erscheint als ein müßiges Beginnen, darüber nachzuforschen, wie sich die fernere Entwicklung und der Schluß des Romans gestaltet hätten, da Heine uns in dieser Beziehung ohne jede Andeutung gelassen hat. Der einzige Wink, den er in seinen Briefen gegeben, daß im Verfolg die ketzerischesten Ansichten über Juden und Christen hervorgetreten wären, gestattet doch wohl nur den Rückschluß, daß der junge Maranne Don Isaak Abarbanel dazu bestimmt war, eigentlich die Hauptfigur und der Held des Romaus zu werden. Er sollte das Gegenstück zu dem ernsten Rabbi Abraham aus Bacharach bilden, beide aber hatten in ihren Eigentümlichkeiten die zwei großen Richtungen innerhalb des mittelalterlichen. Judentums darzustellen: die glänzende arabisch-spanisch-jüdische Kulturperiode mit ihrer Poesie und Koketterie, neben der tiefsinnig talmudischen Forschung und mystischen Glaubensstrenge der deutschen Juden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Frage der Judentaufen noch eine weitere und tiefergehende Erörterung finden sollte. Das verloren gegangene Gedicht, von dem schon oben die Rede, das Jahuda Abarbanel, der sich „aus Luxusübermut" hat taufen lassen, „aus den: Maurischen" übersetzt und seinem dem Judentum treugebliebenen Freunde zuschickt, weist darauf hin. Jahuda Abarbanel, den sich der Dichter vielleicht als jüngeren Bruder seines Helden gedacht hat, sollte wohl ein Gegenstück zu Jsak Abarbanel werden, der sich in der neuen Glaubenslivree sehr behaglich fühlte, während jener es doch scheut, „eine nicht sehr noble Handlung dem Freunde unumwunden zu schreiben", und ihm dafür jenes Gedicht schickt. Das Thema des Romans war also hauptsächlich die Glaubenstreue und der Glaubenswechsel. Dieser wie jene hatten in der spanischen Periode des XIV. wie in der deutschen des XIX. Jahrhunderts ihre charakteristischen Vertreter, llnd schon aus obiger Andeutung geht hervor, wie viel Heine von seinen eigenen Bekenntnissen und Anschauungen in den Roman hineingelegt haben mochte. Darüber hinaus sollte aber auch — nach einer weiteren Andeutung Heines^) — der Gegensatz zwischen dem Schwärmer, der fein Leben für eine schöne Idee hinopfert, und dem Menschen, der behaglich egoistisch seine Tage verbringt, zum Ausdruck kommen. Das war die Tendenz des Werkes. 6. K. Im Moorbad. Von I wa n Nasch iw in. Aus dem Russischen übersetzt von Eugenie Kliorin-Werth. II. elig Silberschatz lief nun von einer reichen Villa zur anderen und bat flehentlich, man möge doch ihm, einen armen ehrlichen Mann, den die Frau Goldenberg persönlich kennt, ein wenig Geld zur Heimreise geben. Er sei ja hierher gekommen, um für seine Gesundheit etwas 31t tun, aber nun habe er kein Geld mehr und fein einziger Wunsch sei jetzt, möglichst bald nach Hause zu fahren. Doch kaum hat Selig einen halben oder einen ganzen Rubel zusammengebettelt, so läuft er Hals über Kopf in die Moorbadeanstalt . . . Wie kann er denn wegfahren? Die Rettung ist ja so nah! Er . i) VIII. 457.