Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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381 Vou den Vorwürfen, die man gegen dasselbe erhoben hat, dürfte der, den Heines Vetter, Hermann Schiff'), zuerst ausgesprochen, daß die Vorgeschichte am wenigsten fehlen dürste, wenn das Ganze Wahrscheinlichkeit haben sollte, vielleicht am ehesten begründet sein. „Wer waren die lieben Gäste, welche auf einen so empörenden Verrat ausgingen? Waren es Christen, so durste sie der Rabbi nicht in seinem Hause aufnehmen. Waren es Juden, was konnte sie bewegen, eine Bartholomäusnacht über sich und ihre Glaubensgen offen heraufzubeschwören?" Auf diese berechtigten Fragen gibt Schiff freilich selbst die triftige Antwort : „Es konnten also nur getaufte Juden sein!", eine Antwort, welche der Verlauf der jüdischen Geschichte im Mittelalter unzähligemal bestätigt hat. .Schiff hat deshalb kein Recht, weiter zu sagen: „Heine konnte nicht gut ohne Erbitterung an eine Judenverfolgung denken, und hier überließ er sich rücksichtslos seinem lyrischen Zorn, was einer Novelle nicht ersprießlich ist." Das ist kein lyrischer Zorn, der sich in diesem Werke ausspricht, sondern die blutige Tragik der Weltgeschichte. Ein anderer Vorwurf, daß die einzelnen Züge in dem Fragment aus der Gegenwart herübergenommen seien, dürste eher als ein Verdienst des Dichters anzuerkennen sein, wenn es ihm gelungen ist, diese Züge glaubhaft in die Vergangenheit zurückzulegen. Strenge Beurteiler wollen ja dem historischen Roman nur dann eine künstlerische Berechtigung zugestehen, wenn er in seiner geistigen Sphäre ein Spiegelbild der Gegenwart bildet. Auch ein dritter Vorwurf, daß die Satyre auf das Treiben in der Frankfurter Judengasse einen zu breiten Raum einnehme, ist unbegründet, dabei deinfelben nur das kurze Fragment, nicht aber die breite epische Anlage eines Romans berücksichtigt wurde. Der „Rabbi von Bacharach" sollte aber ein großer Roman werden, zu dem die vorhandenen drei Kapitel wohl wenig mehr als die Exposition bildeten. Aber welche starke dramatische Kraft liegt nicht schon in diesen wenigeil Kapiteln, die allein schon eine Tragödie für sich bilden und den Versuch geradezu herausfordern, dieses dichterische Werk in dramatische Formen zu Pressen. Allerdings ist dieser Versuch bis jetzt nicht geglückt. Ein Drama, „Rabbi David", welches in jüngster Zeit viel besprochen wurde, ist im wesentlichen auf der Fabel des „Rabbi von Bacharach" ausgebaut, wenn es auch in der Ankündigung dieses Dramas heißt: „Wer Heines Novellenfragment wirklich je gelesen hat, der weiß, daß man dasselbe höchstens als Exposition eines Dramas verwerten kann. Der Dichter des „Rabbi David" hat auch nur wenig aus dem Heineschen Torso benutzt, und manches sogar geändert, und zwar zur Verschärfung des dramatischen Konflikts, den er allein ersonnen und von dem sich bei Heine keine Spur vorfindet." von Kap. I. zeigt hin und wieder eine gewisse Aehnlichkeit mit Hoffmanns Weise, doch ist die Verwandtschaft nicht so stark, daß man unbedingt an eine Abhängigkeit denken müßte. Auch was sich an Anklängen findet, ist nicht ausschlaggebend (Kap. I, IV, 235). Ein Eisstrom ergoß sich in ihre Seele; Hoffmann lim Fragment aus dem Leben dreier Freunde. Werke l, 112: „Ich ging unter dem Eisstrom tiefsten Entsetzens"). An Hoffmann könnten vielleicht noch die Worte auf derselben Seite des „Rabbi von Bacharach" erinnern: „Plötzlich aber glaubte sie dort ihre Freunde und Verwandten zu sehen, wie sie mit Leichengesichtern und weißwallenden Totenhemden schreckhaft vorüberliefen, den Rhein entlang." ') Heinrich Heine und der Neuisraelitismus, S. 16. In demselben Buche S. 29 ff. erzählt Schiff von einer Judenverfolgung, die der zu Bacharach sehr ähnlich ist. Seine sonstigen Mitteilungen sind wenig zuverlässig. Das klingt ja recht hübsch und man könnte dem anonymen Dichter für diese Ehrenrettung Heines eigentlich dankbar fein, aber die Sache verhält sich in Wirklichkeit doch etwas anders als es in dieser Ankündigung heißt, und man braucht nur einen Blick in das Drama zu werfen, um sich davon des weiteren 31t überzeugen. Der Vollständigkeit wegen möge hier noch in kurzeln der Inhalt des Dramas „Rabbi David" folgen, dessen Stoff natürlich ebenfalls der „Ritualmord" bildet. Rabbi Davids Tochter Lea ist aus einer heimlichen Verbindung mit einem christlichen Arzt Mutter eines totgeborenen Kindes geworden, an welchem der verworfene Diener Joel den Schächtschnitt ausführte, um den Kindesmord seiner Geliebten, deren „Madonnengesicht" so etwas nicht zuzutrauen ist, zu verheimlichen. Der Rabbi flüchtet mit seiner Tochter nach Frankfurt, wo er durch einen getauften Juden vor Gericht angeklagt wird. Es erfolgt nach der Verhandlung Freisprech,tilg, aber in der folgenden Nacht dringt der aufgeregte Pöbel mit Flagellanten, Raubgesindel und Landstreichern ins Judenviertel und inszeniert eine Judenschlacht. Erst durch Aufgebot kaiserlicher Macht kann der Aufstand gedämpft werden. Im Angesicht der brennenden Synagoge reichen sich der Rabbi, der Erzbischof und der Stuhlherr des Reichsgerichts die Hände zum Bunde — es tagt ein neuer Morgen, aus Blut und Schutt steigt sieghaft das Dreigestirn: „Wahrheit! Liebe! Menschlichkeit!" und versöhnend klingt der Schlußakkord aus, bei dem die weltbeglückende Botschaft der Liebe das Bethlehemglöcklein mit den Worten des Talmuds harmonisch verbindet. Wie wenig auch dieser dramatische Versuch aus den, Geiste und dem Verständnis der Weltanschauung Heines hervorgegangen, so ist er doch durch die humane Gesinnung, die ihn erfüllt, immerhin der Achtung würdig. Zumal in einer Zeit, in der auch in den stillen Lorbeerhain der Dichtung der Haß und die Vernichtung eingezogen sind. Ist doch selbst ein Mann wie Eugen Dühring bei der Besprechung unseres Dichterwerkes so verblendet, daß er die Grundidee Heines (Christen, die eine Kindesleiche im Hause eines Juden niederlegen) für eine „Umkehrung der Wahrheit" ansieht und in seiner liebreichen Weise dazu bemerkt: „Wäre auch ein solcher Fall ausnahmsweise einmal möglich, so bewiese er doch nichts gegen die sonstige Tatsächlichkeit des hebräischen Blutaberglaubens und der zugehörigen rituellen und nichtrituellen Verbrechen." Wenden wir uns von diesen Verirrungen der Zeit de», Werke des Dichters wieder zu, so treten uns hier vor alle», die gegenständlichen Schilderungen und die lebenatmenden Charaktere entgegen, die er uns in diesem Jugendwerk seiner Liebe der Reihe nach vorführt. Und wie gern übersieht man alle anderen Mängel, wenn man immer und immer wieder von neuem sich an jenen plastischen Schilderungen erfreut, wenn man ,nit Rabbi Abraham und der schönen Sarah die weltberühmte freie Reichs- und Handelsstadt Frankfurt a. M. mit ihren lachenden Häusern, umgeben von grünen Hügeln, zum erstenmal erblickt. Nicht allzuoft ist Frankfurt a. M. früher, trotz seiner hohen Bedeutung, Gegenstand poetischer Darstellung gewesen. Die poetischen Schilderungen von Stephanus, Julius Scaliger, Micyllus und selbst von Hans Sachs haben kaum historischen, geschweige denn poetischen Vollwert.') Höchstens könnte man das von jenen Versen des Micyllus sagen, in welchen er ausspricht, Frankfurt sei jährlich zweimal, wenn die Gärten mit ') Willibald Alexis, „Walladmor" 1825. Carl Spindlers Ronian „Der Jude" ist erst 1827 erschienen.