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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-10 · Heft 32 (10.8.1906) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
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380 Lu Garthe und dir Juden. Von Professor Ludwig Geiger. in wackeres periodisches Unternehmen von W. Bode: „Stunden mit Goethe", das nicht mit dem schweren wissenschaftlichen Rüstzeug wie das Goethe-Jahrbuch ausgestattet ist, sondern in populärer Weise dem breiten Leserkreise Goethe-Anregungen verschaffen, die Liebe zu dem großen Meister in die weitesten Schichten tragen oder die dort herrschende befestigen will, veröffentlicht in dem eben erschienenen 4. Hefte des II. Bandes eine Notiz: „Der jüdische Gymnasiast." In diesem kleinen Aufsatz wird Kunde gegeben von einem 1811 geführten Gespräche, das in der großen Biedermannschen Sammlung von Goethes Gesprächen fehlt. Es stand ursprünglich in Joseph Wolffs (1796—1862) großem englischen Werke, der Selbstbiographie eines bekannten, hauptsächlich in England wirkenden Judenmissionars. Dieses Werk muß in Deutschland gänzlich unbekannt sein, denn die sonst so gewissenhafte Biographie Wolffs in der Allgemeinen Deutschen Biographie, Band 44, erwähnt sie nicht und weiß demgemäß auch nichts von dem kurzen Aufenthalt Wolffs in Weimar. Wolff kam, so schreibt L. Martens in dem angeführten Aufsatz von Bodes Zeitschrift, 16 jährig nach Weimar, um das Gymnasium zu besuchen, und wurde von Johannes Falk, dem bekannten Schriftsteller, einem sehr verdienten Philanthropen, der sich hauptsächlich um Waisenpflege und Rettung verwahrloster Kinder bemühte, freundlich ausgenommen und gefördert. Und nun erzählt Wolff selbst, von sich in dritter Person redend. „Eines Tages machte er mit Falk einen Spaziergang. Da kam ihnen ein Mann entgegen, der durch sein stattliches und imponierendes Aeußere auffiel. Wolff sagte, das ist gewiß Goethe, und auf die Frage, woher er das wiffe, antwortete er: „Ich habe seinen Egmont gelesen, danach urteile ich. Denn nur ein Mann, der so aussieht, kann Egmont geschrieben haben." Goethe kam auf Falk zu und umarmte ihn treuherzig nach deutscher Sitte. Falk sagte: „Denken Sie sich, dieser Knabe erkannte Sie, weil er Ihren Egmont gelesen hat." Goethe fühlte sich dadurch geschmeichelt und streichelte ihm die Backen. Dann erzählte Falk: „Er will Christ werden und ein Mann wie Franz Xaver. Aber ich rate ihm, Jude zu bleiben. Denn als Jude wird er gewiß ein berühmter Mann werden. Tüchtige Christen aber gibts gar zu viele in der Welt." Da sagte Goethe zu Wolff: „Junger Mann, folgen Sie dem Trieb Ihres eigenen Herzens und hören Sie nicht auf Falk." Diese kleine Erzählung soll nicht mit einer Kritik beschwert werden. Sonst könnte man Anstoß daran nehmen, daß Goethe den Begegnenden umarmt habe, was des Dichters Sitte gewiß nicht war und daß Falk den Meister so formlos und nicht etwas höflicher oder formeller mit Exzellenz angeredet habe. Falk erwähnt von dem für ihn freilich höchst unwichtigen Faktum in seinem stark angezweifelten Buche: „Goethe aus näherem persönlichen Umgang dargestellt," nichts; auch Goethe hat natürlich den kleinen Vorfall weder in seinen Werken noch in seinen Briefen berichtet, auch den später so bekannt gewordenen Missionar nirgends erwähnt. Ein Zweifel an dein Begegnis ist schwerlich erlaubt. Es ist freilich merkwürdig' daß Wolff, auf den das Zusammentreffen doch einen sehr großen Eindruck gemacht haben muß, in der ersten Fassung seiner Selbstbiographie, die für weite Kreise bestimmt war (diese erschien in seinem Missionar^ Journal, 1827, Band I), davon nicht spricht, und erst in dem größeren selbständigen englischen Werke (1860) darüber berichtet. Da fast 50 Jahre zwischen Ereignis und Bericht liegen, so könnten besonders skeptisch angelegte Leser an der Wahrheit zweifeln. Ich halte eine solche Aeußerung Goethes für möglich. Sie ist für ihn ungemein charakteristisch, ohne daß sie erlaubt, große Folgerungen für Goethes Gesinnung daraus zu ziehen. Am wenigsten darf man hier ein Berdammungsurteil über das Judentum sehen. Vielmehr kann man in ihr, wenn sie wörtlich richtig und dem Sinne nach ganz zutreffend überliefert ist, woran ja der Zeit wegen ein kleiner Zweifel erlaubt ist, nur die echt Goethesche, auch sonst häufig vorgetragene Mahnung sehen, der inneren Stimme zu folgen und sich in seinen Entschlüssen nicht von anderen wankend machen zu lassen. Auch darf man nicht sagen, daß durch Goethes Zureden etwa ein Jude seinem Glauben entfremdet oder ein Schwankender in seinem Entschlüsse, die väterliche Religion zu verlassen, bestärkt wurde, denn Wolff war schon als dreizehnjähriger Knabe aus dem Elternhause entflohen, weil er innerlich mit dem Judentum gebrochen hatte und entschlossen war, dem Christentum sich zuzuwenden. In jedem Falle ist das kleine Begegnis, von dem man bisher nichts wußteinteressant genug und ein. nicht unwichtiger Beitrag zu dem vielbesprochenen Thema: Goethe und die Juden. Der Nrlbbi von öschsrach. Ein Beitrag zur Charakteristik HeineS. V. er „Rabbi von Bacharach" ist nach eigenem Geständnis ein Denkmal der Liebe des Dichters zu seinen Stammesgenossen, einer Liebe, die sich manchmal allerdings recht seltsam äußert, die aber in unbewachten Augenblicken um so stärker hervortritt, je eifriger sie sich vorher zu verbergen suchte. Es liegt über dem Werke der Hauch der Stimmung, welche Heine in jenen Tagen erfüllte, da er leichtsinnigerweise die Glaubenskokarde wechselte. Es tritt dies am deutlichsten in der Selbstschilderung, welche Heine unter fremder Maske in dem Roman entworfen hat, hervor. Und er behauptete nicht zu viel, wem» er dem Freunde, der an dem Werke so lebhaften Anteil nahm, wenn er Moses Moser erklärte, daß nur er allein dies Werk schreiben konnte. Als Heine seinen „Rabbi" zu schreiben anfing, lag der historische Roman in Deutschland sozusagen noch in seinen Anfängen. Für den psychologischen Roman lag in den „Wahlverwandtschaften" bereits ein erhabenes Muster vor; für den historischen Roman existierte nur das Vorbild Walter Scotts, dessen eifriger Verehrer Heine war, wenn er auch die Ueberzeugung aussprach, daß es mehr die Themata der Romane Scotts seien, welche seinen Dichterruhm bewirkt haben, als die poetische Kraft derselben ’). Der Einfluß Walter Scotts zeigt sich bei Heine in der Magie des Lokalkolorits und in der objektiven Treue der Darstellung; gerade darin liegt aber auch der Hauptwerk des Werkes. Auch von „Hoffmaunschen Bizarrerien" habe ich in dem Fragment nur wenig finden können. Es mag sein, daß bei der Schilderung der Rheinfahrt und im besondern bei der Charakteristik des „stummen Wilhelm" das Borbild E. Th. A. Hoffmanns, den Heine damals eifrig las, wirksam war. Darüber hinaus findet sich aber gerade in dieser Arbeit wenig, was an den bizarren Schriftsteller erinnert?) >) III. 99 ff. 2) Auch der jüngste Biograph Hoffmanns, Georg Elliuger, der einer der seinsten Kenner dieses Dichters ist, neigt derselben Ansicht zu. Er schreibt mir hierüber: „Nur die Vision der Sarah am Ende

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