Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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379 wenigsten spricht. So auch hier: Wir können verhältnismäßig wenig mit sogenannten Ereignissen aufwarten; es „Passiert" nicht viel bei uns; und doch ist die rheinische Judenschaft Wohl wert, daß man mehr von ihr erzählt. Das Rheinland hat die Juden, die es verdient. Der ehrliche und heitere Sinn des Rheinländers, der gerne lebt und leben läßt, kennt konfessionellen Zwiespalt und Parteiung nicht in dem Maße, wie es anderwärts wohl Mode und guter Ton ist. Ultraradikale Strömungen haben hier selten einen Nährboden iin Bürgertum gefunden, dennoch treten alle politischen und religiösen Parteien in einer stark demokratischen Schattierung auf, der wir Juden nicht zum wenigsten unsere gute Position verdanken. Das Gefühl, im allgemeinen vor rohen Ausbrüchen von Rassenhaß sicher zu sein, hat den rheinischen Juden jenes Selbstbewußtsein gegeben, das in erster Linie notwendig ist, um vor Andersgläubigen und vor sich selbst geachtet dazustehen. Man darf wohl sagen, daß in den wenigen rheinischen Gemeinden, wo noch Ghettomauern und Ghettogeist unsere Glaubensgenossen hemmen, diese Schranken, selbstverschuldete sind. Die biederen Rheinländer sind keineswegs sämtlich verkörperte Nächstenliebe; aber in Anbetracht der Verhältnisse im übrigen Vaterlande ist unseren Glaubensgenossen hier ein immerhin beträchtlicher Anteil am Lichte der Sonne gewährt. Das hat teilweise seinen recht materiellen Grund in der vielfach ausschlaggebenden Stellung des' jüdischen Kapitals und der jüdischen Wähler. In umnchen Großstädten der Provinz wird bei den kommunalen Wahlen kein Teil der Wähler so nmworben, als gerade die jüdische Wählerschaft, weil sie das Zünglein an der Wage bildet, so daß es weiter kein Wunder nimmt, daß bei solchen Anlässen die beiden streitenden Parteien — zumeist Zentrum und Nationalliberale — ihrer möglichst großen Toleranz dadurch Ausdruck zu geben suchen, daß sie von vornherein einige angesehene jüdische Mitbürger als gemeinsame Kandidaten aufstellen und wählen. Auch die gesellschaftlichen Schranken sind nicht unüberwindlich; in den geselligen, künstlerischen und literarischen Vereinen nehmen Juden vielfach eine leitende Stellung ein. Die antisemitischen Parteien haben ihre Tätigkeit im Rheinland, die aus Anlaß der unglückseligen Xantener Affäre etwas verstärkt eingesetzt hatte, fast eingestellt; die Agitatoren kamen hier nicht auf die Kosten. Allerdings muß einschränkend hinzugefügt werden, daß die christlich-soziale Partei in den Industriezentren in letzter Zeit einigen Boden gewonnen hat. Eine kennzeichnende Erscheinung ist der Selbstündigkeitsdrang des rheinischen Judentums in seiner Stellung zu jüdischen Fragen. Die Gemeinden setzen ihren Stolz darein, möglichst unabhängig von den großen Organisationen ihre Geschäfte zu sühren und ihre Angelegenheiten zu erledigen, ohne sich viel dreinreden zu lassen. Andererseits wird man keine gemeinjüdische Tagung finden, wo sie nicht würdig vertreten sind, wie sie auch alle gemeinschaftlichen Bestrebungen in angemessener Weise durch geistige und finanzielle Hilfe unterstützen. Die geachtete Stellung in der Gesamtbürgerschaft und insbesondere der Ueberschuß an geistiger Kraft, der sich in den Städten zeigt, hat einen verständlichen Stolz hervorgerufen, der den Grundsatz predigt: Alles aus eigener Kraft. So ist es z. B. eine alte Erfahrung, daß in den Vereinen auswärtige Redner nicht allzu liebenswürdig empfangen werden und die Stimmung nach solchen Vorträgen löst sich meistens in den Worten ans: Unsere Redner sprechen mindestens so gut. Wir glauben, daß ein solcher Stolz, der aus dem berechtigten Gefühl der eigenen Kraft hervorgeht und der den Zusammenhang mit den gemeinjüdischen Bestrebungen nicht außex acht läßt, einen gesunden Kern in sich birgt. Von der Bedeutung des rheinischen Judentums mögen einige Ziffern ein Bild geben. Nach der Volkszählung von 1900 zählt die Provinz 52 251 Israeliten (die Ziffer für die Gesamtmonarchie belief sich auf 392 322), eine stattliche Zahl! Unter den 248 öffentlichen Gemeinden, zu denen noch etwa 200 sogenannte Filialorte kommen, nehmen die sechs Großgemeinden Köln (11 000), Düsseldorf (2131), Esten (1884), Krefeld (1882), Elberfeld (1664) und Aachen (1580) naturgemäß die einflußreichste Stellung ein; aber auch Coblenz, Kreuznach, Barmen, Duisburg, Mülheiin a. d. Ruhr, Bonn, St. Johann und Trier werfen mit ihren 700 bis 800 Gemeindeangehörigen ein gewichtiges Wort in die Wagschale. Von aktuellem Interesse ist der Umstand, daß allein die Rheinprovinz 44 öffentliche jüdische Volksschulen besitzt, die nunmehr den Bestimmungen des neuen Schulgesetzes unterworfen sind. Religionsschulen zählt man 58; in den kleinen Orten ist durch einen gut organisierten Wanderunterricht dafür gesorgt, daß die Jugend wenigstens in die Grundbegriffe der jüdischen Religion eingeweiht wird. Die Seelsorge verteilt sich auf 12 Rabbinate. Nur ein kleiner Bruchteil der Gemeinden ist ohne Gottesdienst, da im Laufe der Zeit 184 öffentliche Synagogen errichtet worden sind. Eine Organisation besitzen die rheinischen Gemeinden in dem rührigen Provinzialverband rheinischer Synagogengemeinden, einer Unterabteilung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Man muß den Gottesfrieden, der über der rheinische» Glaubensgenossenschaft lagert, kennen, um die Erregung im heiligen Köln über die neuerlichen Vorgänge in der hiesigen Gemeinde zu verstehen. Sie haben Ihre Leier bereits kurz orientiert über das Vorgehen der Neligionsgesellschaft Adaß Jeschurun, das zu einer Spaltung der ältesten und vielleicht festgefügtesten deutschen Großgemeinde geführt hat. Ich muß inir eine eingehende Darstellung dieser Angelegenheit Vorbehalten, da eine Sichtung des beiderseitigen Materials bisher noch nicht möglich war. Es muß aber schon jetzt betont werden, daß die in den jüdischen Blättern den hiesigen Vorkommnissen gewidmeten Betrachtungen insofern ein falsches Bild geben, als man nicht genügend darauf hinweist, daß nur etwa 40 Mitglieder der starrvrthodoxen Gruppe ihren Austritt aus der Kölner Synagogengemeinde erklärt haben — daß also eher von einem Abfall, als von einer Spaltung die Rede sein kann — und daß insbesondere der bisherige langjährige Leiter der Adaß Jeschurun-Gesellschaft, der ehrwürdige, allverehrte Rabbiner Dr. Plato, und mit ihm eine ganze Reihe angesehener Personen, die Sache nicht mitgemacht haben. Ferner erhält sich mit Hartnäckigkeit das Gerücht, daß hinter den Kulissen der genannten Vereinigung Dinge persönlicher Natur von wesentlicher Bedeutung für das Vorgehen der „Vierzig" waren. Wer auch nur oberflächlich die moderne Geschichte des Judentums seit Mendelsohn kennt, weiß solche Vorkommnisse auf ihren wahren Wert zurückznführen; es ist der alte Kreislauf, der mit furchtbarer Gewißheit in periodischen Zwischenräumen derartige innere Kämpfe Hervorrust. Die neuerdings sich mehrenden Bestrebungen, durch möglichst geschlossenes und einheitliches Vorgehen der deutschen Judenheit Gehör im Tagesgetriebe zu verschaffen, werden durch diese Untergrabung des Gemeindelebens auf das Empfindlichste gehemmt. Einer unserer Kölner Rabbiner, der auf streng gesetzesgläubigem Boden steht, hat völlig Recht, wenn er nur die Berechtigung einer solchen Orthodoxie anerkennen will, die eine weise und maßvolle, den Zusammenhang und Zusammenhalt des deutschen Judentums nicht zerstörende, sondern befördernde Stellungnahme zu den großen jüdischen Frpgen der Gegenwart einnimmt. klbenaiuis.