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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-10 · Heft 32 (10.8.1906) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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liebenden, Ungerechtigkeit hassenden Menschen gedrängt, ganz allein den Kampf mit dem Drachen aufnahm. Drei Jahre laug hat er ihn unerschrocken, geführt, er hat die Wahrheit entdeckt und ansgesprochen, er hat ausgehellt, was die-Untersuchung im Dunkel gelassen und die Verhandlung künstlich getrübt, verworren und entstellt hatte. In seinen Flugblättern ist der wirkliche Mörder der Hruza, sind seine Helfershelfer und Gönner mit Namen genannt, die Beweggründe und Umstände der Mordtat überzeugend angegeben, die Beweise aller Behauptungen sorgfältig angeführt, das Material ist bereit und wartet nur darauf, daß eine zuständige Stelle es prüft. Doktor Bulowa aber hat in dem heroischen Feldzüge seine geringe Habe, seine Praxis, seine Gesundheit und schließlich sein Leben eingebüßt. Er ist nicht der einzige Streiter für Wahrheit und Recht geblieben. Auch die anderen Helden der Dreyfus-Affäre haben ihr Gegenstück in der Hilsner-Affäre. Dr. Arthur Nußbaum hat in seinem Buche „Der Polnaer Ritualmordprozeß" für diesen getan, was Josef Reinach in seiner monumentalen bis jetzt fünsbändigen „Ilistoire de l’affaire Dreyfus“ für den französischen Fall. Der Vortrag des Rechtsanwalts Dr. Friedrich Elbogen im Wiener „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" steht nicht hinter denen zurück, womit de Pressenss das Gewissen des französischen Volkes wachschrie. Obergerichtspräsident Krall hat über die Angelegenheit Worte gesagt, die an die gewaltigsten Streitschriften von Trarieux erinnern. Alle diese großen Kundgebungen haben aber bisher keinen Widerhall geweckt. Sie fallen in eine Todesstille und werden von ihr verschlungen. Warum? Aus Gleichgültigkeit? Ich weigere mich, an sie zu glauben. Die Erscheinungen der letzten Jahrzehnte rechtfertigen wahrlich keine hohe Einschätzung des Verstandes und der Sittlichkeit der Regierungen und Völker, aber für derartig vertiert .kann ich dennoch beide nicht halten, daß ein nachgewiesenes Justizverbrechen und dessen Opfer sie gänzlich indifferent lassen. Also aus Furcht? Gewiß, die Gewalten, die man in die Schranken fordern muß, um das Urteil von Pisek nach dem von Kuttenberg zu vernichten, sind mächtig und übermächtig, und ihr Einfluß, ihr Reichtum an Hilfsmitteln aller Art ist nur geringer als ihre Bedenkenfreiheit. Aber wozu hätte dann Frankreich sein Beispiel gesetzt? Lehrt dieses nicht, daß der Panzer des Klerikalismus nicht undurchdringlich ist? Ist der in seinem Blute daliegende, niedergehauene Lindwurm keine genügende Aufmunterung zur Wiederholung des Abenteuers? Was wagt der Ritter ohne Furcht und Tadel, der es bestehen will? Beschimpfung unflätigster, ruchlosester Art? Wen hat man teuflischer besudelt als Picquart und Zola? Hat es den einen gehindert, mit 52 Jahren Divisionär zn werden und den anderen, die Ehren der Beisetzung im Pantheon zu erlangen? Verfolgung, Gefängnis, Armut, Lebensgefahr? Picquart hat elf Monate in Geheimhaft geschmachtet; Zola wurde zugrunde gerichtet und mußte außer Landes flüchten; Labori trägt noch die Kugel des Meuchelmörders im Leibe. Und haben sie nicht trotz alledem gesiegt? Stärker als der französische ist auch der österreichische Antisemitismus nicht. Fehlen in Oesterreich die Männer, die ihm in Frankreich seine Beute entrissen und die Zähne in den Hals geschlagen haben? Ich zweifle nicht daran, daß der österreichische Antisemitismus und Klerikalismus seine „Gazette de France", „Croix", „Libre Parole", „Eclair", seinen General Mercier und Roget, seinen Richter Delegorgue und Perivier, seinen Staatsanwalt van Cassel, seinen Rechtsanwalt Auffray seinen Belastungszeugen Cernucky,. seinen Bandenführer Guerin hat. Aber Frankreich hat gelehrt, daß sie alle zusammen nicht unbesiegbar sind. In Oesterreich wird der Kampf leichter sein als in Paris, wo er gleichwohl zum Triumph der Wahrheit geführt hat. Denn die Niederlage des französischen Klerikalismus gibt den Angreifern von vornherein eine Zuversicht, die sie in Frankreich nicht haben konnten und nicht hatten, und das Kampfgelände ist in Oesterreich für den Klerikalismus nicht entfernt so günstig, wie es in Frankreich war. Dort konnten die Lügner und Fälscher vorgeben, daß sie die Ehre, ja den Bestand des Heeres, die Sicherheit des Landes, die Fahne und die Grenze verteidigten. Der Antisemitismus konnte sich die falsche Nase des Patriotismus vorbinden, die Klerikalen konnten die Verteidiger des Rechtes als vaterlandslose Gesellen und Anarchisten diskreditieren. In Oesterreich ist nichts dergleichen möglich. Den»! auch der abgefeimtesten Rabulistik wird es nicht gelingen, Hilsuers Festhaltung im Zuchthaus als ein Erfordernis der österreichischen Staatssicherheit, Fahnen- und Volksehre vorzuschwindeln. In Frankreich setzten sich für das Justizverbrechen auch gutgläubige Franzosen ein, denen die anfgepeitfchte vaterländische Leidenschaft mit dem Verstand und Rechtssinn durchging. Welche besseren Volksgefühle können in Oesterreich die klerikal-antisemitischen Camorristen und Maffiosi anrusen? Ihnen antwortet nur der pöbelhafteste Judenhaß, der Houston Chamberlainsche und Gobineausche Faseleien stammeln muß, wenn er sich in gebildeter Gesellschaft zeigen will. Es mag sein, daß es schwierig ist, die Rechtsform für die Anfechtung des Piseker Urteils zu finden. Ich glaube, daß Bulowas Schriften die erforderliche Handhabe bieten, doch bin ich in diesem Punkte nicht zuständig. Ich müßte mich indes bis zur Besinnungslosigkeit wundern, wenn die Gesetzkenntnis und der Scharfsinn österreichischer Juristen den Weg nicht entdecken sollten, auf dem sie das Recht zum Siege führen können. Eines aber ist gewiß möglich: die Begnadigung Hilsners. Die Wiederaufnahme mag bedächtig in die Wege geleitet werden; sie kann ohne Schaden warten. Die Gnade für Hilsner jedoch ist dringend. Jede Stunde, die dieser Unschuldige in Ketten vertrauert, ist ein nicht zu widerlegender Vorwurf für alle anständigen Oesterreicher. Ich begreife nicht, wie ein Wiener, der die Anfangsgründe des Lateinischen noch nicht vergessen hat, im Vorübergehen das „Justitia regnorum fundamentum" am äußeren Burgtore lesen kann, ohne schamrot zn werden, solange das Unrecht an Hilsner nicht gesühnt ist. Und noch weniger begreife ich, wie die Juden Oesterreichs sich bei dem Erkenntnis beruhigen können, das in, der jämmerlichen Person Hilsners sie alle des Ritualmordes schuldig erklärt und im Abwesenheitsverfahren verurteilt hat. Sie müssen alles daransetzen, um Hilsners Unschuld zu beweisen und damit die Schmach der furchtbarsten Beschuldigung von sich abzuwaschen. Wenn sie ihre Pflicht nicht erkennen und nicht tun, rechtfertigen sie die Antisemiten, die sie feig und ehrlos schimpfen. Aheinilcher ffirirt Köln, im Juli. ^hr Wunsch, von Zeit zu Zeit etwas aus dem schönen Rheinland zu erfahren, überrascht mich keineswegs- Herr Redakteur. Denn die Westmark des Reiches ist stets ein Schmerzenskind der jüdischen Presse gewesen. Es ist uns rheinischen Juden eine außerordentliche Genugtuung, daß über uns so wenig geschrieben wird. Nicht als ob wir Leisetreter . wären; aber die besten Juden sind die, über die man am

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