Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 37 5 Er lebt wahrscheinlich noch des kindlichen Glaubens, der ganze Antisemitismus fei schnöde religiöse Intoleranz, und wenn er dieses Glaubens nicht ist, so hat er durch seine Frankfurter Rede diesem Märchen, das auch der einfältigste Deutsche nicht mehr glaubt, das aber eine gewisse Sorte von Philosernitismus noch immer benutzt, neue Lebenskraft gegeben und eine stumpfe Waffe, der sich die Juden selbst zu schämen beginnen, aufs neue geschärft." Und dies alles wird im Namen der vielgepriesenen alldeutschen Humanität verkündet. „O närrische Leute, o komische Welt!" * In Verfolg des Gesuchs, das vom Zentralkomitee der Alliance Israelile Universelle im Interesse der vom Aergsten bedrohten Odessaer Juden an den französischen Minister des Aeußern gerichtet worden ist, hatte der Präsident der Alliance, Narcisse Leven, — da der Minister auf Urlaub ist — mit dem Direktor der politischen Angelegenheiten eine längere Unterredung. Der Direktor erklärte, daß die Regierung Informationen erhalten hätte, die lediglich auf Mitteilungen der französischen und englischen Konsuln beruhten und die darin übereinstimmten, daß die Bewegung, die in Odessa eingesetzt habe, augenblicklich zum Stillstand gekommen sei. Infolgedessen liege für die Entsendung von Schiffen zur Aufnahme von Flüchtlingen kein unmittelbarer Anlaß vor. Ueberdies sei diese Maßnahme nicht leicht zu nehmen. Ohne Präzedenzfall könne sie leicht als eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes gedeutet werden. Jedenfalls werde der Minister den angeregten Schritt im Auge behalten und werde wohlwollend prüfen, wie weit der Anregung Folge zu geben sei. Hierzu wird uns aus dem Bureau der Alliance I.sraelite Universelle geschrieben, daß der Grund für das außergewöhnliche Ansuchen der Alliance Israelite Universelle wahrlich nicht unbedeutend gewesen ist. „Wenn man sich erinnert, welche entsetzlichen und verheerenden Greueltaten vor wenigen Monaten an der jüdischen Bevölkerung von Odessa verübt worden sind, so wird man die Unruhe begreifen, die durch die ersten Anzeichen eines neuen Pogroms in Odessa hervorgerufen werden mußte. Neueren Nachrichten zufolge sind durch die beklagenswerten Vorkommnisse vom 24.. und 25. Juli nicht nur eine größere Zahl Läden und Wohnungen demoliert und ausgeraubt worden, sondern nicht weniger als sechs blühende Menschenleben, alles junge Arbeiter, sind den Pogrombeschützern zum Opfer gefallen. Zwei, Gewert und Trebelew, wurden auf der Stelle getötet, die anderen starben in den darauffolgenden Tagen im Krankenhause. Die höchsten Beamten des Odessaer Militärbezirks machten ihnen im Krankenhause Besuch und forschten sie aus. Das hinderte aber nicht mehr, daß sie an den Kosakenkugeln verbluteten. Wie in Bialystok, griff das Mititär ein, sobald sich die Juden der Ausplünderung widersetzten. Daß ein Haufe echt russischer Männer armen Uhrmachern, Strumpfwirkern, Wäschern und Färbern das letzte Hab und Gut raubte, ließ das Militär gleichgültig. Das sollte vielmehr eine gerechte Rache dafür sein, daß zufällig einmal ein einzelner Kosak seine Niedertracht mit dem Leben gebüßt hatte. Es steht fest, daß der Kosak Wassili Schurawlew in ein Handgemenge geriet, als er mit dem Nufe: „Nieder mit den Juden!" durch die dichtbesetzten Gassen ritt. Nicht erwiesen ist, daß Juden es waren, die ihn erschlugen. Wenn diesmal das weitere Umgreifen des Pogroms verhindert wurde, so ist das wohl zumeist dem einsichtigen, entschlossenen Eingreifen des Stadtgouverneurs Generalmajor Grigorjew zuzuschreiben, der nicht müde wurde, in den bedrohtesten Stadtteilen persönlich die Volksmengen zu beruhigen. Das Auftreten des Oberbefehlshabers Baron Kaulbars, der an die in das jüdische Krankenhaus Geflüchteten eine Beschwichtigungsansprache hielt, hätte kaum Eindruck gemacht, auch die Versicherungen des zeitweiligen X Generalgouverneurs, GeneralmajorsKarangosow. hätten kaum irgendwo Glauben gefunden. Richtig ist, daß, solange es diese obersten Spitzen nicht wünschen, ein Pogrom nicht in die Erscheinung treten wird. * Die Annahme und strenge Anwendung der Fremdenbill in England zwang die holländische Regierung auch ihrerseits die Auswanderung nach und über England zu erschweren. Wer sich in einem der holländischen Häfen einschifft, um nach oder über England weiter zu wandern, muß beim Betreten Hollands eine bei den Agenturen der Dampfergesellschaften erhältliche Eintrittskarte des holländischen Auswanderungskommiffärs zu Rotterdam vorzeigen. In Ausnahmefällen genügt auch eine von den großen Wohltütigkeitsvereinen ausgestellte Legitimation, in welcher die betreffende Gesellschaft sich verpflichtet, den Inhaber wie beffeu Familie möglichst rasch einzuschiffen und während des unumgänglichen Aufenthalts in Holland auskömmlich zu ernähren. * Die Niederlage der Nativisten am 25. v. M. in Washington hat in ganz Nordamerika ungeheures Aufsehen erregt. Nicht nur wnrden die beiden Gesetze, auf welche die amerikanischen Autialienisten so großes Gewicht legten, die Einführung eines Bildungszeusus und die Erhöhung der Einwanderungssteuer von zwei auf fünf Dollar pro Kopf, vom Hause der Repräsentanten abgelehnt, es wurde sogar ein Antrag Littauer- Goldvogle angenommen, wonach ein etwaiger Bildungszensus sowie das Gesetz gegen Paupers auf politische oder religiöse Flüchtlinge keine Anwendung finden soll. Der Sieg kam um so unerwarteter, als der Senat die beiden abgelehnten Gesetze mit großer Mehrheit bereits angenommen hatte und das Repräsentantenhaus sich so durch sein Votum zum Senat in Widerspruch setzte. Hervorgerufen wurde dieser Sieg durch die von den Juden in zwölfter Stunde entfaltete mächtige Gegenagitation. Die Kongreßmitglieder, die bis dahin geglaubt haben mochten, ganz Amerika bestehe aus lauter Fremdenhassern, wurden bald belehrt, daß unter ihren Wählern sich Hunderttausende befinden, die entweder selber Einwanderer oder doch Freunde der Einwanderer sind. Der Speaker des Hauses, Cannon, der bis dahin selber auf Seiten der Antialienisten stand, erfuhr, daß Dutzende von Abgeordneten in Hinsicht auf ihre drängenden Wähler genötigt sind, die Bill um jeden Preis zu Falle zu bringen. Er trat darauf den Vorsitz an den Abgeordneten Watson, dem bekannten republikanischen Einpeitscher ab, während er selber seinen Abgeordnetensitz einnahm, um von da ^rus die Abstimmungen besser überwachen und dirigieren zu können. Die erste Kraftprobe wurde mit dem Gesetze über die Erhöhung der Einwandernngssteuer gemacht, das auf Antrag Steenerson mit 94 gegen 79 Stimmen abgelehnt wurde. Es folgte eine heftige Debatte über derr Bildungszensus; General Großvenor beantragte, die Bill an eine Kommission zurückzuverweisen, was angesichts der bevorstehenden Parlamentsferien mit der Vertagung der ganzen Bill gleichbedeutend wäre. Daher gaben sich die Nativisten unter Führung Gardners alle Mühe, den Plan zu vereiteln. Sie bekamen jedoch dabei manches zu hören, was auch für ihre Wühler zu erfahren von großem Interesse sein dürfte. Abgeordneter Benett von Newyork rechnete den Antialienisten, die sich fortwährend auf den großen Einwanderungsstrom beriefen, vor, daß von den 1026 000 Emigranten, welche in den zwölf Monaten vom 1. Juli 1904 bis 31. Juni 1905 in Nordamerika Einlaß begehrt hatten,