Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 zahlreichen Zitaten belegt werden, aber es sollen nur zwei angeführt werden, eines von dem Propheten Jesaja, das andere von dem königlichen Sänger Israels, David. Von keinem von beiden hat jemals einer behauptet, daß sie Israeliten „nur dem Namen nach" gewesen seien. Hören wir, was nach ihrer Ansicht ein wirklicher Israelit ist. Zu denen seiner Zeitgenossen, die töricht glaubten, daß sie durch Gebete, Opfer, Fasten und dergleichen ihre religiösen Pflichten erfüllten, sagt Jesaja im Namen Gottes das Folgende, was erst am vorigen Sonnabend in den Synagogen verlesen wurde: „Wenn ihr hereinkommt, zu erscheinen vor mir, wer fordert solches von. euren Händen, daß ihr in meinen Vorhof tretet? Bringet nicht mehr Speiseopfer so vergeblich. Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel; der Neumonde und Sabbate, da ihr zusammenkommt und Mühe und Angst habt, deren begehre ich nicht. Meine Seele ist feind euren Neumonden und den Jahrzeiten; ich bin derselben überdrüssig, ich bin es müde zu leiden. Und wenn ihr schon eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch, und ob ihr schon viel betet, höre ich euch doch nicht, denn eure Hände sind voll Bluts. Waschet, reinigt euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen, lasset ab vom Bösen. Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helfet dem Unterdrückten, schaffet der Waise Recht und helfet der Sache der Witwe." David fragt: „Wer wird auf des Herrn Berg gehen und wer wird stehen an seiner heiligen Stätte?" Und er antwortet : „Der unschuldige Hände hat und reines Herzens ist; der nicht Lust hat zu loser Lehre und schwöret nicht fälschlich. Der wird den Segen vom Herrn empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils." Da steht es in den klarsten Worten, das sind die Zeichen eines wahren Juden. Mit Recht fragen wir deshalb: Wenn jemand wirklich nur dem Namen nach Jude ist, wozu bleibt er denn Jude, wenn er doch ebenso gewissenhaft sich irgendeiner christlichen Sekte anschließen könnte und nicht mehr Mitglied einer mißverstandenen Minorität zu bleiben brauchte? Das ist doch wohl nicht die Art eines vernünftigen Menschen. Wir möchten bei der Gelegenheit noch bemerken, daß die Redensart, jemand sei nur dem Namen nach ein Jude, nicht bloß von Christen auf Juden angewandt wird, sondern auch sehr häufig von orthodoxen Juden auf solche Juden, die nicht alle überlieferten Gebote und Verbote befolgen, also etwa auf sogenannte Reformjuden. Der Unterschied ist nur, daß die Christen mit jener Redewendung loben, die orthodoxen Juden hingegen mit jener Redewendung tadeln wollen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß die orthodoxen Juden trotz ihres ganz anderen Standpunkts ebensowenig auf die oben zitierten Stellen aus Jesaja und den Psalmen Rücksicht nehmen, wie die Christen. Ja, die orthodoxen Juden, die so abfällig über ihre Glaubensgenossen urteilen und am liebsten sich von diesen trennen würden, begehen sogar das größere Unrecht. Denn sie, die so peinlich alle Gebote, Verbote, Zeremonien und Ueberlieferungen befolgt wissen wollen, beachten selbst nicht nur die zitierten Stellen, sondern auch zahlreiche den Christen natürlich unbekannte Lehren des Talmuds, Lehren unserer größten und anerkanntesten Weisen, nicht. Sie, die die anderen, welche vielleicht mehr wirkliche Juden im Sinne des Psalmisten, des Propheten Jesaja, Hillels und vieler anderen Tanaim und Gaonim Israels sind, „Juden nur dem Namen nach" schelten, sind selbst Juden nur den Aenßerlichkeiten nach. Vorn wahren Geiste des Judentums haben sie kaum einer: Hauch verspürt; denn sie wissen ja tatsächlich nicht einmal, wer ein Jude ist. Dir Woche. Berlin, 8. August. man soll wirklich keinen für verloren halten, selbst die antisemitische Presse nicht. Wir wissen alle, wie schlecht die antisemitische Presse von der deutschen Justiz gedacht und geschrieben hat in den Tagen des Konitzer „Ritualmordprozesses". Da sollten jüdisches Geld und jüdischer Einfluß die vermeintlich jüdischen Mörder vom wohlverdienten Henkertode gerettet haben, und das Gleiche wurde bei Gelegenheit anderer angeblicher Ritualmorde, von welchen die Antisemitelr nun einmal nicht lassen können, mehr oder weniger verblümt gesagt. Wie bekannt, können die Antisemiten die Tatsache, daß die deutsche Justiz noch keinen jüdischen Ritualmörder ausfindig gemacht hat, sich nicht damit erklären, daß es keinen jüdischen Ritualmörder gibt, weil es eben keinen jüdischen Ritualmord gibt, sondern nur damit, daß die deutsche Jrrstiz den Juden zuliebe, d. h. unter dem Druck der „Judenmacht" und unter dem Einflüsse jüdischen Geldes, die Herren Ritualmörder entschlüpfen läßt. Jetzt finden wir in einer Briefkastennotiz des hiesigen Antisemitenblattes folgenden irr seinem ersten Teile durch Sperrdruck hervorgehobenen Satz: „Ueber den Vorwurf der Parteilichkeit und Bestechlichkeit ist ein deutscher Richter erhaben, auch wenn ein jüdischer Handelsrichter und Inhaber des Roten Adlerordens 4. Klasse „dahinter steckt". Wenn also schon ein jüdischer Handelsrichter und Ritter des Roten Adlerordens 4. Klasse nicht einmal einen vermeintlich meineidigen „Hebräer" der deutschen Justiz entreißen kann, werden die Leser jenes Blattes in Zukunft hoffentlich überzeugt sein, daß ein jüdischer Ritualmörder in Deutschland erst recht nicht der wohlverdienten Strafe infolge vor: „Parteilichkeit und Bestechlichkeit" entgehen kann. Man wird die antisemitische Presse an die jetzt sogar von antisemitischer Seite bescheinigte Unbeugsamkeit der deutschen Justiz erinnern, wenn sie es wieder einnral für gut findet, ihr altes Ritualmordmärchen zu erzählen nnd wenn sie, falls es zur gerichtlicher: Verhandlung eines vermeintlichen Ritualmordes kommt, wieder klagen sollten, daß „der jüdische Herr Ritualmörder" freigesprochen wird. 4? Niedriger gehängt müssen rrach dem bekannten Rezept Friedrichs des Großen die folgenden Randbemerkungen der „Deutschen Zeitung" vom 29, v. M.: „Es autipogromelt weiter. Die Bildung des Wortes pogromeln verdanken wir dem „Kladeradatsch"; man gestatte, es weiter zu bilden und auf die Protestversammlungen gegen die russischen Judenmetzeleien anzuwenden. Ob diese Versammlungen wohl auch stattfinden würden, wenn man in Rußland Mongolen tot schlüge? Ob auch einem Menschen der Gedanke käme, eine Antipogromrede unter das Stichwort zu stellen: „Die erschlagen werden, sind Heiden, und die sie erschlagen, sind Christen," wie der Herausgeber der „Christlichen Welt", Professor O. Rade, bei der Frankfurter Versammlung tat (die Rede ist abgedruckt in Nr. 20 der „Christlichen Welt")? Und diese Gegenüberstellung wäre noch eher berechtigt, obwohl man^ n den letzten Jahren nicht zweifelhaft sein konnte, was einem lieber war, japanisches Heidentum oder russisches Christentum. Daß Friedrich Naumann bei so etwas dabei war, das war für Leute, die das politische Leben verfolgen, selbstverständlich; daß Rade nicht fehlen durfte, das war für die nicht verwunderlich, die die Haltung der „Christlichen Welt" mit ihrer nationalen protestantischen und kirchlichen Selbstentäußerung kannten. ' Rade war es Vorbehalten, das, was nach seinen eigenen Worten seine jüdischen Mitbürger, klüger als er, nicht sagten, auszusprechen: Die erschlagen waren, sind Juden, und die sie erschlugen sind Christen. Auf den Gedanken, hier den religiösen Gegensatz zwischen Juden und Christen hereinzubringen, konnte wirklich niemand kommen als Rade.