Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 nicht weniger als 75 600 bereits' früher in ben Vereinigten Staaten gewohnt haben, und daß von dem übrigbleibenden Rest von 850 000 nicht tveniger als 350 000 wieder ausgewandcrt seien. Schließlich wurde derAutragGroßvenor mit128 gegen 116 Stimmen angenommen. Die darauf eingesetzte sechsgliedrige Kommission ist nicht mehr dazu gekommen, ihren Bericht zu erstatten, da der Kongreß sich am 30. Juni vertagt hat. Der Bildungszensus wird also einstweilen nicht angewendet werden und die 45 000 Juden, die entweder bereits unterwegs nach den Vereinigten Staaten sich befinden oder binnen wenigen Wochen sich auf die Reise dahin begeben werden, haben eine Zurückweisung nicht zu befürchten. Die Juden in den Vereinigten Staaten selber sollten aber die Frist benutzen, um einerseits die Agitation gegen die Bill fortzuführen, andererseits aber, um die Hunderttausende in Amerika wohnenden Juden, welche bis dahin nicht daran gedacht haben, sich zur Naturalisation anzumelden, zu veranlassen, dieses endlich doch zu tun. Eine dritte, überaus wichtige Bestimmung der Fremdenbill ist nämlich auch vom Repräsentantenhause angenommen und somit zum Gesetze erhoben worden. Danach darf in den Vereinigten Staaten von Nordamerika fortan niemand zur Naturalisation zugelassen werden, der der englischen Sprache nicht mächtig ist. Wie viele von den in Amerika in den letzten zehn Jahren eingewanderten Juden sind wohl der englischen Sprache schon mächtig? Gehrt hin und tuet desgleichen ... Von Max Nordail.h Paris, 26. Juli. it Recht sprach der Vorsitzende Brisson in der geschichtlichen Kammerfitzung vom 13. Juli von „dem Triumph der Gerechtigkeit, der Frankreich seit zwei Tagen die jubelnden Zurufe der Welt einbringt". Die jubelnden Zurufe drangen aus allen Windrichtungen und in allen Sprachen der Welt nach Paris. Mißtöne mischten sich kaum in das Aufjauchzen einmütiger Begeisterung. Denn die Zuhälter der Verbrecher, deren Stirn der weisglühende Richterspruch des Kassationshoses gebrandmarkt hatte, zogen meist ein tückisches Verstummen dem gewohnten Gekläffe vor, das in diesem Augenblicke bedenklich gewesen wäre. Auch in Oesterreich feierte die öffentliche Meinung den Sieg der Wahrheit, auch in Oesterreich beglückwünschte sie Frankreich zu seinem herrlichen Jdealisiuus, zu seiner charaktervollen Ausdauer in der Verteidigung der guten Sache, zu den großartigen Tugenden, die seine Helden und Dulder in dem zehnjährigen Verzweiflungskampfe mit den Gewalten der Hölle täglich und stündlich enthüllten. Ich las die österreichischen Kundgebungen besonders gierig. Ich hastete über die schwungvollen Lobsprüche, über die hochgestimmten Betrachtungen und die schwärmerischen Gedankenflüge eines allgemeinen menschheitlichen Optimismus hinweg, zum Ende der Ausführungen. Ich erwartete, daß sie zu einem bestimmten Schluffe führen würden, der sich ihnen von selbst aufdrängen mußte. Aber sie klangen nicht natürlich aus. Sie hielten verlegen inne. Es fehlte die Folgerung, in der sie notwendig ') Die Affäre Hilsner. des Mannes, der in der Zeit der Ritualmord- Epidemie verurteilt wurde und seither im Gefängnis schmachtet, wird seit Wochen in der Presse ventiliert. Nur die angeklagte österreichische Justiz rührt sich nicht. Vielleicht bringt der ausgezeichnete obige Artikel, den die „Neue Freie Presse" an der Spitze des Blattes gebracht hat, nunmehr den Stein ins Rollen. Die Red. gipfeln sollten, wenn sie aufrichtig wären. Und in meiner Enttäuschung kann ich den Vorwurf nicht unterdrücken: „Und Hilsner?" Denn Oesterreich hat gleichfalls seinen Dreyfüs. Auch in Oesterreich ist die Gerechtigkeit in eine Fallgrube getaumelt, und wenn sie nicht buchstäblich einen Justizmord begangen hat, so ist dies nicht iht Verdienst, sondern das des gütigen Herrschers, dessen Gnade nicht zuließ, daß ihr Fehlspruch buchstäblich vollstreckt werde. Hilsner ist dem Galgen entronnen, aber seit sieben Jahren erleidet er die Schmach und Ouäl des Zuchthauses, und wenn das Ürteil, das ihn in betten geschlagen hat, nicht aufgehoben wird, hat er keine Hoffnung, die Kerkermauern lebend zu verlassen. Jedermann weiß in Oesterreich, daß Hilsner das ihm zur Last gelegte Verbrechen nicht begangen hat. Anders als in Frankreich, gibt es hier keine diplomatischen Hinter- und Untergründe, keine Geheimpapiere, keine Staatsraison. Der Fall ist nicht verwickelt, sondern einfach und durchsichtig. Niemand hat die Ausrede, wie in Frankreich, vorzuschützen, daß er nicht wisse, welche zerschmetternden Enthüllungen den Richtern mit Ausschluß der Oeffentlichkeit gemacht wurden, daß er von dem kurzen 120-Geschütze, der hydropneumatischen Bremse, dem „kutsch“ und „gabarir Bertillons nichts verstehe und den Fachmännern und Gelehrten glauben müsse. Es gibt auch keinen elenden Klatsch diplomatischer Dummköpfe und Schurken zu wiederholen, die aus alberner Wichtigtuerei oder niederträchtiger Verlogenheit mit vielwissenden Mienen in den Salons nichtswürdige Erfindungen umhertrugen. Alles liegt klar zutage. Die Gerichtsverhandlungen haben sich vor der breitesten Oeffentlichkeit abgespielt. Sämtliche Einzelheiten der Anklage, der Untersuchung, des Beweisverfahrens, der Verteidigung, sind jedem Zeitungsleser zugänglich gewesen. Jedermann konnte sich über die Staatsanwaltschaft, die Zeugen, die Geschworenen ein eigenes Urteil bilden. Und da können Menschen von Einsicht und Gewissen seelenruhig in den Tag hinein leben, obschon ihnen bekannt ist, daß ein Unschuldiger zum Tode verurteilt wurde, weil er einen Mord begangen habe, unt sich zu Ritualzwecken Menschenblut zu verschaffen, und daß dieses Todesurteil in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, die an dem Unglücklichen seit sieben Jahren vollzogen wird? Nein, ein Oesterreicher hat »ücht das Recht, über das Erkenntnis des Pariser Kassationshofes ein lobendes Wort zu sagen, wenn er nicht ohne Pause hi»»zufügen will: „Und nun wollen auch wir unsere Schuldigkeit tun!" Er hat nicht das Recht, die Scheurer-Kestuer und Bernard Lazare, die Trariem und Zola, die Picquart, dieJaures, die Cornely und Clemencean laut zu preise»», wenn er nicht anerkennt, daß ihre starke» Taten eine strenge Mahnung für ihn in sich schließen. Die andern Völker dürfen Frankreich Beifall klatschen; der Oesterreicher inuß sich gedrückt und still beiseite schleichen, wenn er nicht entschlossen ist, das Sittengesetz, das in Frankreich ruhinvoll gewaltet hat, auch seinerseits zu befolgen imb sich die Lektion von Mannhaftigkeit zunutze zu machen, die tapfere Franzosen der Welt gegeben haben. Durch das, was in Frankreich geschah, ist die allgemeine Menschenwürde erhöht u»»b der Menschenadel bestätigt worden. Beschämend ist es nur für den Oesterreicher, der schwächlich und stumpf daheim duldet, was ihn bei dem fremden Volke e»npört hat, und iu sich nicht den Ernst und die Kraft findet, un» die Moral des bewunderten französischen Dramas zu beherzigen »»nd in Tat umzusetzen. Wie, sieht er denn nicht, daß er sich selbst als den Franzosen an Gerechtigkeits- und Pflichtgefühl, an Menschlichkeit, sittlicher Vornehmheit, Selbstlosigkeit und Energie weit