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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-10 · Heft 32 (10.8.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang. Ko, 32. Berlin, 10. August 1903. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen ffir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rlssse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements- Pr ei s: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. z in. Re dakteur: Gustav Rarxeles. Mer ilt rin Jude? Berlin, 8. August, ie sehen gar nicht aus wie ein Jude," wird jetzt gar oft auf Reisen, in Bädern und Sommerfrischen von Juden wie von Christen einem Juden gern gesagt, und dieser betrachtet das leider meist als Kompliment. Indessen lassen wir das dahin gehen, da über den Geschmack nicht zu streiten ist. Wir wissen, daß es sehr schöne, stattliche Juden gibt, von den notorisch schönen Jüdinnen ganz zu schweigen. Aber Christen glauben einem Juden oft das höchste Kompliment zu machen, wenn sie zu ihm sagen: „Sie sind ja gar kein Jude mehr!" Und traurig, aber wahr: selbst viele vernünftige Juden fühlen sich wirklich durch eine solche Redensart geschmeichelt, statt das, in der Regel übrigens ehrlich gemeinte Kompliment, höflich, aber entschieden mit dem Bemerken zurückzuweisen, daß man durchaus und gerade durch das, was den Christen zu dem Kompliment Veranlassung gebe, Jude sei. Da das aber leider fast nie geschieht, halten wir es für angebracht, die Erklärung des amerikanischen Rabbiners Josef Jas in anläßlich eines solchen Falles zu Nutz und Frommen aller ähnlich Begrüßter weiter zu verbreiten. In Fort Worth (Texas) war einer der hervorragendsten und angesehendsten Bürger, der Jude Jakob Washer, gestorben. Der Richter W., ein hochangesehener christlicher Freund des Verstorbenen, glaubte diesen nicht besser rühmen zu können, als indem er in einem ihm in „Daily Record" gewidmeten Nachruf sagte, er sei nur dem Nmnen nach Jude gewesen. Darauf veröffentlichte dann der Rabbiner Joseph Jasin in demselben Blatte ein sehr langes offenes Schreiben, aus welchem wir das für uns in Betracht kommende hier wiedergeben wollen. Es steht unbestritten fest, daß Washer Mitglied und eifriger Förderer meiner Gemeinde war, und daß er niemals den geringsten Versuch gemacht hat, seine Zugehörigkeit zum Judentum zu leugnen. Viele Zeugen, seine Reden und Taten können beweisen, daß er großes Interesse an der Wohlfahrt und an dem Gedeihen der Gemeinde genommen hat. Dies allein würde schon, es sei denn, daß, was Gott verhüten möge, unseren, verstorbenen Freunde der Vorwurf ausgesprochener Heuchelei gemacht werden soll, dagegen sprechen, daß er „nur dem Namen nach Jude" gewesen ist. Da ich weiß, daß - Sie ein intimer Freund des Verstorbenen waren, und ich ferner weiß, welch hohes Ansehen Sie in unserer Stadt genießen, brauche ich nicht erst zu sagen, daß ich nicht im Traume daran denke, daß Sie, Herr Richter, Ihren Freund in einem falschen Lichte haben erscheinen lassen wollen. Aber Sie haben — verzeihen Sie die Kühnheit! — den Irrtum begangen, den die meisten Menschen, besonders denkende Menschen, sich zuschulden kommen lassen, nämlich denen, die man am meisten bewundert, die eigenen Gedanken unterzuschieben. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß Sie aus Verehrung für den Verstorbenen ihm sehr großherzig, aber dennoch irrtümlich, die religiösen Ansichten zugeschrieben haben, die Sie nach Ihrer aufrichtigen Ueberzeugung für die denkbar erhabensten halten. Was ist ein Jude? Diese Frage glaube ich aus billiger Rücksicht auf meine Religion beantworten zu müssen, da aus Ihrem Nekrolog geschlossen werden muß, es könne niemand ein toleranter Philosoph mit weitem Gesichtskreis sein, der nicht nur „dem Namen nach Jude" ist. Ohne viele gelehrte Erklärungen kann kurz gesagt werden : Ein Jude ist, wer jüdische Eltern hat und die Lehre des ethischen Monotheismus mit allen praktischen Folgerungen akzeptiert. Auf die wenigen zum Judentuin Uebergetretenen braucht hier keine Rücksicht genommen zu werden. Ein geborener Jude ist danach Jude, wenn er an den einen und einzigen Gott glaubt, der in der direkt ethischen Beziehung eines Vaters zu den Menschen steht, und zu dem alle Menschen in ethischer Hinsicht wie Mitglieder einer Familie in Beziehung stehen. Das bedeutet negativ, daß es zwischen dem Vater und seinen Kindern keines Vermittlers, gleichviel ob Mensch, Gott oder Halbgott, und folglich auch keines Erlösungsplans bedarf. Positiv bedeutet es die Ausübung jeder Tugend und jeder Pflicht, die durch das Zauberwort „Brüderlichkeit" angedeutet wird. Natürlich hat das Judentum, als eine Institution mit einer Geschichte, verschiedene Entwicklungsphasen durchgemacht, und als ein Glaubensprinzip ist es in zahlreichen Zeremonien und Gebräuchen verkörpert. Aber diese sind nur zeitliche Aeußerungen und nicht wesentliche Eigentümlichkeiten. Das Judentum der Wüste ist dem der mosaischen und prophetischen Auffassungen gewichen. Dann haben die Lehrer des Talmud und die Rabbiner des Mittelalters viel zu dem konkreten Inhalt unserer Religion hinzugefügt. In unseren Tagen unterscheidet sich das sogenannte orthodoxe und das sogenannte reformierte Judentum voneinander nur im Gebrauch der Zeremonien und in anderen unwesentlichen Punkten. Bei allen diesen wechselnden Formen, man könnte fast sagen: trotz ihrer, ist von den frühesten Zeiten bis zum zwanzigsten Jahrhundert das Judentum immer eins gewesen: die Lehre des ethischen Monotheismus, wie sie geglaubt und geübt wurde vom jüdischen Volke. Diese Ansicht könnte mit

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