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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-03 · Heft 31 (3.8.1906) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Heim behalten. Sie unterstehen fortgesetzter Aufsicht in der Werkstatt, essen im Heim und müssen neben dem Unterricht in den gewerblichen Fortbildungsschulen auch am Unterricht und Turnen im Heime teilnehmen. Derartige Zöglinge waren in diesem Jahre 5, so daß mit den 31 im Heim wohnenden Zöglingen die Zahl der darin beköstigten 36 betrug. Dazu kamen 6 frühere Zöglinge, die als Gesellen gegen billiges Entgelt im Heim kürzere Zeit oder dauernd wohnten. Ein Schlosserlehrling verblieb nach dreijähriger beendeter Lehrzeit im Heim, um in die Vorklasse der Königl. höheren Maschinenbauschule einzutreten, ein anderer mit einjährig-freiwilligem Zeugnis wurde nach zweijähriger Lehrzeit in einer Maschinenfabrik in die Königliche Maschinenbauschule, ausgenommen und blieb im Heim. 2 Schlosser, 1 Polsterer, 1 Sattler, 1 Installateur bestanden die Gesellenprüfung, 2 Schneider und 1 Schlosser traten nach beendeter Lehrzeit ays, ohne die Prüfung abzuwarten. Alle Zöglinge besuchen zweimal wöchentlich von 6^/2—8^2 abends den Unterricht in den gehobenen gewerblichen Fortbildungsschulen und Sonntags von 8—11 deren Zeichenunterricht. Außerdem erteilt im Heim für alle hiesigen Zöglinge Herr Inspektor Feige Fortbildungs- und Gesangunterricht, und der Turnunterricht Mittwoch abends von 7^—9Va liegt nach wie vor in den bewährten Händen des Herrn Turnlehrers Kramps. Die Freude, die wir über die Ausdehnung dieser Vereinstätigkeit empfinden, erstreckt sich leider nicht auf die finanziellen Erfolge. Wie der Rechnungsabschluß zeigt, übersteigen die regelmäßigen Ausgaben die regelmäßigen Einnahmen in einer Weise, daß der Vorstand sich von dem Zwange bedroht sehen müßte, das Hilfswerk in Zukunft einzuschränken. Dem muß entschieden vorgebeugt werden. Der Vorstand besteht aus den Herren: Vorsitzender Dr. med. B. Auerbach, Schriftführer Rechtsanwalt Ludwig Cahen, Kassierer Jac. Gottschalk, Friedr. Drucker, B. Feilchenfeld, Rabbiner Dr. Frank, Herm. Jonas, Moritz Levy jr., Herm. Löwenstein, Otto Rothschild, Eugen Sternberg, Leonhard Tietz, Dr. med. Joses Wallerstein. i. Frankfurt a. M., 23. Juli. Am 19. d. M. starb in Homburg v. d. Höhe der um das jüdische Gemeindeleben und um das Judentum hochverdiente Herr Alfred Geiger im Alter von 72 Jahren. Geiger entstammte einer Altfrankfurter Familie; sein Vater war Rabbiner Salomon Geiger und sein Bruder Lazarus Geiger, der berühmte Sprachforscher. Ursprünglich Kaufmann, widmete er sich seit Mitte der 70 er Jahre der literarischen Tätigkeit. Lange Jahre war er Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung", für die er regelmäßig die Stadtverordnetenberichte lieferte. Was Alfred Geiger gewesen, das schilderte bei der Beisetzung Rabbiner Dr. Horovitz. Mit seltenen Gaben des Geistes und des Gemütes ausgestattet, hat Geiger sein ganzes Leben hindurch seinen Glauben und seine tiefinnerliche religiöse Ueberzeugung bewahrt. Diese Ueberzeugung war es auch, die ihn leitete, als er die Religionsschule mitgründen half, und wenn es galt, Werke der Menschenliebe zu errichten; er war der ersten einer, der den israelitischen Hilfsverein gründen half; die Haushaltungsschule ist sein eigenstes Werk; im Verein für Jüdische Geschichte und Literatur leistete er Hervorragendes, aber seine Hauptaufgabe stellte er sich im Verein L'maan Zion; da half er im geheiligten Lande Schulen, Waisenhäuser und Krankenhäuser errichten, welche segensreich zum Nutzen des Judentums und auch des Deutschtums gedeihen. Ferner sprachen Wilhelm Posen für den „Verein Gegenseitigkeit", Lehrer H. Schwab für den Zentralverein israelitischer Gemeindemitglieder, N. Fromm für die Westendshnagoge, Dr. Beer für den israelitischen Hilfsverein, Dr. W. Hanauer für den Verein für jüdische Geschichte und Literatur, dessen langjähriger Vorsitzender Geiger war. — Darmstadt, 30. Juli. Die langen Kämpfe zwischen der Gemeinde und deren Rabbiner Dr. Selver sind nun beendet. Der seitherige Vorstand, unter dessen Aegide die Affäre Selver spielte, unterlag in der Neuwahl vor einigen Wochen vollständig, der beste Beweis, daß die große Majorität der Gemeinde mit dem Vorgehen des Vorstandes nicht einverstanden war. — Herr Dr. S.. dessen Gesundheit schon seit Jahren angegriffen war, ist. nachdem er mit dem neuen Vorstande einen für ihn äußerst günstigen Pensionsvertrag abgeschlossen hatte, um seine Versetzung in den Ruhestand eingekommen. Seine Königl. Hoheit der Großherzog von Hessen hat ihm solche unter Anerkennung seiner ersprießlichen Dienste gewährt. Wir wünschen Herrn Dr. Selver, daß proeul negotiis seiner Gesundheit recht bald wieder hergestellt und dem Gelehrten es möglich ist. ferner zum Wohle der Menschbeit und besonders des Judentums zu arbeiten. Dem Vorstande der Gemeinde Darmstadt ist es zu wünschen, daß es ihm gelingen möge, einen Mann zu gewinnen, der dem hohen, angesehenen Posten in der Residenz voll und ganz gewachsen ist, und wird es gerade jetzt einem tüchtigen Rabbiner sehr leicht werden, sich die Sympathien von allen Seiten zu erwerben. --- Stuttgart, 26. Juli. Der König Wilhelm II. von Württemberg hat den Hinterbliebenen des verstorbenen Direktors Samuel Kocherthaler in Berlin „die aufrichtigste Teilnahme an dem erlittenen schmerzlichen Verlust" ausdrücken lassen. — Kocherthaler war geborener Württemberger und hat erst in den letzten Jahren die von ihm geleitete Gesellschaft für elektrische Unternehmungen in Berlin für die Entwicklung der elektrischen Großindustrie seines engeren Heimatlandes interessiert. — Kolmar, 24. Juli. Eine bedeutsame Entscheidung hat das Oberlandesgericht in Kolmar am 19. Mai erlassen. Es war in einem Prozesse das persönliche Erscheinen der Parteien in der Sitzung, die an einem Sonnabend stattfand, angeordnet worden. Der Kläger — ein Israelit — gewann den Prozeß und beantragte dann die Festsetzung seiner Kosten und Auslagen, die ihm der Gegner zu erstatten hatte. Mit der Begründung, daß die Religion, ihm verbiete, am Sabbat zu reisen, berechnete er auch die Auslagen für den Freitag und Sonntag. Das Landgericht hatte ihm nur die Reisekosten und die Auslagen für den Sonnabend bewilligt. Gegen die Streichung der übrigen Auslagen erhob unser Glaubensgenosse Beschwerde an das Oberlandesgericht in Kolmar. Dieses ordnete an, daß die Auslagen für den Freitag und den Sonntag zu erstatten sind, weil dem Kläger als Israelit das Reisen am Sonnabend durch religiöse Vorschrift verboten ist und ihm die Verletzung einer solchen Vorschrift jedenfalls dann nicht zugemutet werden kann, wenn er ohne dieselbe der richterlichen Anordnung Nachkommen kann. Gesterretch-Nngsrn. SSt«**, 29. Juli. Ju Ischl ist am 20. d. M., hochbetagt, Frau Regina Kur an da, geborene Wittelshöfer, gestorben. Die Verblichene, die das Alter von 82 Jahren erreicht hat, war die Witwe nach dem berühmten Politiker und Publizisten Ignaz Kuranda, der ihr im Jahre 1884 in den Tod vorausgegangen ist. Nach Ausbruch der Märzbewegung des Jahres 1848 war Kuranda aus Leipzig, lvo er die „Grenzboten" herausgab, nach Wien zurückgekehrt. In dasselbe Jahr fällt seine Vermählung, die in Kolin gefeiert wurde. Kuranda.gehörte dem Fünfzigerausschuß an, den Wien nach Frankfurt entsendete, und die Stadt Teplitz wählte ihn zu ihrem Vertreter in der Paulskirche. Bald war Kuranda neben Schuselka der von den Tschechen bestgehaßte Mann. Mit dem berühmten Rechtslehrer Kanzler Wächter erschien er als Abgesandter in seiner Vaterstadt Prag, um zur Beteiligung an den Wahlen für das Frankfurter Parlament aufzufordern. Die Tschechen, von Palacky geführt, der den Abfagebriefnach Frankfurt richtete, und der feudale Adelunter dem Grafen Matthias Thun, wehrten mit Leidenschaft ab. Die beiden Abgesandten hatten Not. mit heiler Haut den Argumenten des Prager Pöbels zu entkommen. Damals wurde von den Tschechen ein Schmählied gegen Kuranda mit Vorliebe gesungen, dessen einzelne Strophen mit den Worten begannen: „Kuranda schreibt uns." Diesen nationalen Haß der Tschechen bekamen der berühmte Politiker und seine junge Gattin sogar am Tage ihrer Hochzeit zu verspüren. Vor dem Hause in Kolin, in dem Kuranda Wohnung genommen hatte, sammelte sich am Abend seines Hochzeitstages eine fanatisierte Menge an, die eine so drohende Haltung einnahm, daß Kuranda und seine junge Frau am Leben und an der Sicherheit ernstlich bedroht waren und sich nur mit Mühe flüchten konnten. Nach der Revolution hat sich Ignaz Kuranda bekanntlich dauernd in Wien angesiedelt. Er begründete die „Ostdeutsche Post", und im Jahre 1861 wurde er von der Wählerschaft der Innern Stadt in den Landtag, und von diesem in den Reichsrat entsendet. Dieses Mandat behielt er auch in der Aera der direkten Wahlen zwanzig Jahre hindurch. Später, da sich seine ökonomischen Verhältnisse gebessert hatten, erwarb Kuranda das

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