Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- 2- Fußspuren, von denen Gipsabdrücke genommen wurden, nichts darauf schließen ließ, wer als Täter in Betracht kommen könnte. Da der Verstorbene trotz seines hohen Alters stets gesund und erst kurz vor seinem Tode plötzlich gänzlich erblindet war, so nahm man an, daß es sich um einen Leichenraub aus medizinisch-wissenschaftlichem Interesse handeln könne. Tatsächlich wurde nach dieser Richtung hin monatelang das Ermittelungsverfahren geführt. Zu positiven Ergebnissen führte es nicht. Der geraubte Leichenkopf blieb verschwunden. Die Oeffentlichkeit hatte den Fall beinahe vergessen, und nur noch in den Kreisen der nächsten Anverwandten blieb die Freveltat in lebendiger Erinnerung. Eine noch größere Erregung bemächtigte sich der Bewohner von Moschin und Umgegend, als im Herbst 1905 sich die Kunde verbreitete, auf dem Friedhose in dem Dorfe Hirschfelde sei ein Grab geöffnet und wiederum der Kopf einer Leiche geraubt. Im Februar 1906 sollte das Dunkel gelichtet werden. Frau Ogrodowski war von ihrem Ehemann mißhandelt worden, deshalb verließ sie die Wohnung und fand Aufnahme bei ihrem Gevatter, dem Fischer Baczkowski in Roheim. Diesem offenbarte sie Taten ihres Ehemannes, die wiederzugeben sich die Feder sträubt. Danach sollte Ogrodowski aus Aberglauben eine Anzahl von Köpfen und verschiedene andere Leichenteile aus den um mitternächtlicher Zeit gewaltsam geöffneten Gräbern geraubt und in seinem Pferdestalle verscharrt haben, um Glück in der Viehhaltung zu haben. Auf die später von Baczkowski erstattete Anzeige ordnete die Staatsanwaltschaft die Vornahme einer Haussuchung an. Bei dieser wurde in unmittelbarer Nähe des Einganges zum Stalle, etwa ein Meter tief vergraben, ein Kopf gefunden. Die Beobachtung des Angeklagten auf seinen geistigen Zustand hat keine Anhaltspunkte ergeben, die darauf schließen lassen könnten, daß er seine Taten in einem den freien Willen ausschließenden Zustande begangen hat. Das Gericht verurteilte den Leichenschänder zu sieben Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust. o. Chemnitz, 29. Juli. Dem Verwaltungsbericht des Vorstandes unserer Religionsgemeinde für das Jahr 1905 entnehmen wir folgende Mitteilungen von allgemeinem Interesse: Unsere Gemeinde zählt ca. 1250 Seelen. 1905 betrug die Anzahl der selbständigen Haushaltungen in unserer Gemeinde 268 und die der zur Gemeindesteuer veranlagten Gemeindemitglieder 503; von den letzteren waren 45 Mitglieder mit 29 Haushaltungen auswärts wohnhaft. Das auf Grund des Gesetzes vom 10. Juni 1900 aufgestellte Statut für die Israelitische- Religionsgemeinde zu Chemnitz wurde seitens des Ministeriums des Kultus und öffentlichen Unterrichts durch Dekret vom 26. Januar 1905 genehmigt. Nach §§ 3 und 5 des angezogenen Gesetzes, sowie § 30 des Statuts, bedurfte auch der in unserer Gemeinde bestehende Gebührentarif der ministeriellen Genehmigung; diese wurde uns durch Dekret des Kgl. Ministeriums des Kultus vom 26. August 1905 erteilt. Gegen die Synagogen-, Trauungs- und Friedhofsusw. Ordnung, welche wir ebenfalls zur Genehmigung eingereicht hatten, sind Einwendungen seitens des Ministeriums nicht erhoben worden. Die Schwesterngemeinden zu Plauen und Zwickau begingen am 1. bezw. 18. Juni die Feier der Einweihung der von denselben errichteten Andachtsstätten. An der Einweihungsseier in Plauen, bei welcher auch unser Synagogenchor-Verein, sowie die Herren Kantor Goldberg und Organist Voigt mitwirkten, nahmen als Vertreter unserer Gemeinde die Herren Bernhard Kupferberg und Moritz Fränkel teil; bei der gleichen Feier in Zwickau wurde unsere Gemeinde durch ihren Vorsitzenden, Herrn L. Ladewig, vertreten. Im März beehrte König Friedrich August die Stadt Chemnitz mit seinem Besuche. Zu dem aus diesem Anlasse seitens der Stadtbehörde dargebotenen Konzert im Kasino waren auch unser Vorsitzender nebst Gattin, sowie Herr Rabbiner Dr. Mühlfelder geladen. Am 8. Mai verstarb die zweite Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins, Frau Berta Lippmann, welche sich um die Förderung wohltätiger Bestrebungen in unserer Gemeinde unauslöschliche Verdienste erworben hat. Das Ergebnis der Sammlung für die russischen Juden betrug ca. 6000 Mk. Hierzu kommen noch 1000 Mark, welche der hiesige Israelitische Frauenverein für die Unglücklichen beisteuerte. Am 19. Dezember v. I. verstarb Herr Aron Lenneberg, welcher dem Gerneindeverordnetenkollegium als Mitglied angehörte und die als Gemeindeverordneter übernommenen Pflichten jederzeit mit Treue und Eifer zu erfüllen bestrebt war. Infolge des Gesetzes vom 10. Juni 1904 wurden Rabbiner Dr. Mühlfelder und die Religionslehrer S. Sommerfeld und A. Nathan nach Einreichung ihrer Prüfungszeugnisse seitens des Ministeriums des Kultus und öffentlichen Unterrichts für ihre Aemter bestätigt und im Aufträge desselben an hiesiger Ratsstelle am 9. bezw. 10. November eidlich in Pflicht genommen. Die Anzahl der Schüler unserer Religionsschule betrug 161 (82 Knaben und 79 Mädchen). Das Lehrerkollegium der Religionsschule bestand aus dem Schulleiter, Rabbiner Dr. Mühlfelder, und den Lehrern S. Sommerfeld, Kantor N. Goldberg und A. Nathan. Die Religionsschule, für welche uns seitens des Rates der Stadt Chemnitz vier Lehrzimmer der I. Knaben- Bezirksschule zur Verfügung gestellt sind, umfaßt drei Knaben- und drei Mädchenklassen mit je zwei Abteilungen, sowie eine Unterklasse, in welcher Knaben und Mädchen . gemeinsam unterrichtet werden. Der Vorstand unserer Gemeinde war im Jahre 1905 folgendermaßen zusammengesetzt: Louis Ladewig, Vorsitzender, Bernhard Kupferberg, stellvertretender Vorsitzender, A. I. Kalitzki, Schriftführer, Markus Bernstein, stellvertretender Schriftführer, Willy Lippmann, Kassierer, L. I. Joachimsthal, stellvertretender Kassierer. Das Gemeindeverordnetenkollegium hatte folgende Zusammensetzung: Moritz Fränkel, Vorsitzender, Felix Frank, stellvertretender Vorsitzender, Max Grünberg, Schriftführer, Josef Wolfs, stellvertretender Schriftführer, Eduard Becker, Jacob Bloch, Dr. med. Emil Fröhlich, Hermann Großmann. Salomon Seidler, Julius Simon, Hermann Schiel, Gotthold Schreiber, Salomon Schulen, Theodor Wangenheim, Raphael Tebrich. Die Chebrah Kedoschah zählte 226 Mitglieder, gegen 218 im Jahre 1905. Ehrenmitglied des Vereins ist Herr Rabbiner Dr. Mühlfelder. Der Vorstand der Chebrah Kedoschah bestand aus den Herren Jakob Kupferberg und Salo. Guttmann als Vorsteher und den vier Beigeordneten : Herren Salomon Sommerfeld, Schriftführer, Hermann Großmann, Kassierer, Samuel Rosenthal und Raphael Tebrich. Die Mitgliederzahl des Israelitischen Frauenvereins betrug 185. Der Vorstand des Frauenvereins besteht aus den Damen Marie Goeritz, Vorsitzende, Hermine Schreiber. Kassiererin, Anna Simon und Berta Kupferberg. Der Israelitische Hilfsverein hatte 142 Mitglieder. Der Vorstand war folgendermaßen zusammengesetzt: Herr Adolf Beck, Vorsitzender. Herr Salomon Seidler, stellvertretender Vorsitzender, Herren Jacob Kupferberg, Schriftführer, Jacob Cohn, Kassierer und L. I. Joachimsthal, Beisitzer. Als Vertrauensmann fungierte Herr Willy Lippmann. An Unterstützungen gewährte der Israelitische Hilfsverein 1905 ca. 3600 Mark. K. Essen, 15. Juli. Die Wohltätigkeitseinrichtungen unserer Stadt haben seit kurzem durch die Gründung eines Vereins israelitischer Krankenpflegerinnen eine wesentliche Bereicherung erfahren, die in allen beteiligten Kreisen mit Freuden begrüßt wird- Die Niederlassung von tüchtigen, geschulten Krankenpflegerinnen, wie sie andere Städte bereits seit längerer Zeit mit bestem Erfolge in die Wege geleitet haben, war auch hier wiederholt Gegenstand ernster Beratungen, die durch Gründung obigen Vereins, dem sofort viele Gemeindeangehörigen als Mitglieder beigetreten sind, greifbare Gestalt angenommen hat. Nach vielen Bemühungen ist es dem Vorstande gelungen, zwei bewährte, gut geschulte Krankenpflegerinnen zu gewinnen, welche im Oktober hier ihr Amt übernehmen. Es ist sehr erwünscht, wenn der neue Verein durch den Beitritt recht vieler Mitglieder, die ja in erster Linie den Nutzen der neuen Institution haben, in die Lage versetzt wird, seinen Verpflichtungen gerecht zu werden. Selbstverständlich werden die Krankenschwestern auch nichtjüdischen Familien ihre Hilfe angedeihen lassen. v Köln, 27. Juli. Das Israelitische Lehrlingsheim Köln, eine Abteilung Köln des Vereins zur Förderung der Handwerke und technischen Berussarten unter den Juden, berichtet, daß seine Hilfsarbeit wieder eine Steigerung erfahren hat. Es hatte 51 Zöglinge (gegen 46 im Vorjahr); im Lehrlingsheim wohnten, abgesehen von den Gesellen, 31 (1904/1905 28). Langjährige Erfahrungen haben belehrt, daß eine erfolgreiche Erziehung und Ausbildung der Lehrlinge im allgemeinen besser gewährleistet ist, wenn diese im Lehrlingsheim erzogen werden oder unter steter Kontrolle im elterlichen Hause bleiben, als wenn sie bei Meistern auswärts in die Lehre treten. Demgemäß werden, abweichend vom früheren Vorgehen, auch die Kinder der hier wohnenden ausländischen Glaubensgenossen im