Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- Seite 372 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber leider hatte er weder Flügel noch Geld — nur ein paar alte, den kranken Körper kaum tragende Beine. Nachdem er einen Tag gehungert, kaufte er für dasersparte Geld eine Marke und sandte nach Hause einen Brief ab. Und nun wartete er mit qualvoller Ungeduld auf eine Antwort, und sowohl beim hellen Licht des Tages, als im Dunkel langer schlafloser Nächte sah er im Geiste grausige, grausige Svenen. Wofür, wofür? flüsterte er bitter, ähnlicher Greuel gedenkend, die er in seiner Jugend erlebt und von denen eine tiefe blaue Narbe auf seiner Schläfe zeugte, die jetzt mit grauen Haaren bedeckt war. — Wofür? Doch er fand keine Antwort. Es war ihm schwer, allein zu sein mit seinem bangen Sehnen, mit seiner kalten Furcht, und er öffnete ächzend das Tor und trat in einen kleinen dürftigen Garten, wo auf der Erde in den verschiedenartigsten Posen Menschen umherlagen. Links war ein Haufen angebrannter Balken zu sehen; zerbrochene Ziegel und verrostetes, wie krampfhaft zusammengekrümmtes.Eisen lagen daneben — Spuren eines im vorigen Jahr abgebrannten Landhauses. Früher pflegte der Wirt dieses Landhaus samt dem Garten an reiche Patienten zu vermieten, aber jetzt nach dem Schadenfeuer — da er nicht die Mittel besaß, ein neues Landhaus aufzubauen — zimmerte er aus dünnen Brettern in aller Eile einige elende, wie Hühnerställe aussehende Zellen, wo sich die ärmsten unter den Armen einmieteten. Bald jedoch sah der Wirt ein, daß diese Zellen mehr eintrugen, als ehedem das Landhaus. Der Liman war sehr berühmt, namentlich unter den Juden, und lockte zur Badesaison eine solche Menge Menschen herbei, daß ungeachtet der horrenden Preise alle Quartiere besetzt waren. Die Holzzellen, welche gleich Pilzen an Stelle der abgebrannten Datscha') emporschossen, waren mit Fremden überfüllt. Selbst die halbverdorrten Sträucher und Bäumchen des Gartens dienten als Obdach: der Kranke breitete aus der Erde, im Schatten der Zweige, irgendwelche Lumpen aus, Gedeckte den Strauch mit einem alten, verwitterten Mantel oder mit einem Stück löcheriger Leinwand, und so saß er in der improvisierten Hütte, bei Regen unter Nässe, bei Sonnenschein unter den sengenden Strahlen leidend, bei windigem Wetter in Staubwolken gehüllt, und zahlte dem Wirt für dieses Vergnügen zehn Kopeken pro Tag. Reb Leiser schlich sich zu seinem Strauch, der am Rande der Brandstätte wuchs, und nachdem er sich auf sein Lager aus schmutzigen Lumpen niedergelassen, drückte er sein Kinn gegen die hochgezogenen Knie und ließ seine Blicke umherschweifen, sich unwillkürlich bemühend, durch äußere Eindrücke die ihn quälende tödliche Angst und die schrecklichen Erinnerungen zu verdrängen. Hier im Garten befanden sich steinalte, schier hundertjährige Greise und Greisinnen, kaum ein Jahr alte Kindlein, Männer im Arbeitsalter und ganz junge Mädchen, die wie halbverdorrte, kranke Bäumchen aussahen. Hier waren auch solche, die, gleich ihm, aus weiter Ferne hergereist, die letzten Groschen schon verbraucht hatten, und unter diesen Unglücklichen gab es Böse und Gute, Verzweifelnde und Hoffnungsvolle, Sterbende und anscheinend Genesende: aber eilis war ihnen allen gemeinsam, eins vereinte diese vielgestaltige, bunte Gesellschaft, und dieses eine war das Leiden, das physische, welches der gefolterten Brust ungeduldige Schmerzensrufe entrang, und das seelische, welches lautlos aus diesen großen, entzündeten Augen sprach, sich nur selten in ohnmächtigen Klagen oder kalten Tränen der Verzweiflung äußernd. Doch y Landhaus. unaufhörlich offenbarte sich der wühlende Gram in den trockenen, rauhen, erbitterten Stimmen und den häufigen Streitigkeiten bei dem geringfügigsten Anlaß. Die meisten hatten vor ihrer Reise nach dem Liman ein Empfehlungsschreiben entweder von irgendeinem Ortsrabbiner oder von irgendeiner mildherzigen Frau Goldenberg zu erlangen gesucht, die sich nicht weigerte zu bestätigen, daß der Vorzeigende Selig Silberschatz ein sehr ehrbarer, jeglicher Teilnahme und Hilfe würdiger Mann sei. Aber wenn die Kranken mit genauer Not den wundertätigen Liman erreichten, erfuhren sie zu ihrer größten Bestürzung, daß niemand da war, an den sie sich mit dem ins Blaue adressierten Brief der Frmi Goldenberg wenden könnten und daß hier nur Geld nötig war, das gewöhnlichste Silber- und Papiergeld, welches ihnen leider fehlte. Und mit dem kostbaren Brief in der Tasche (die Aermsten konnten sich unmöglich von ihm trennen!) gerieten die unglückseligen Pilger in irgendeinen Stall oder Garten, wo sie obdachlos, hungernd, losgelöst von allem, was ihnen teuer war, wie verloren unter einem Sträuchlein hockten. Manche, die kräftiger waren, suchten nach Arbeit, aber natürlich war in diesem abgelegenen Städtchen, das nur von Kur° gästen lebte, von Arbeit keine Spur. Der Liman glitzerte vor ihren Augen, sie gleichsam neckend und sie in ihrem naiven Glauben bestärkend, daß die Rettung ganz nah sei, bloß zwei Schritte von ihnen, und daß das einzige sie von dieser Rettung trennende Hindernis die fünfzig Kopeken seien, welche für ein Bad entrichtet werden mußten! Und nur die Armen bekamen es so billig — die Reichen mußten einen ganzen Rubel zahlen. Nur schade, daß die Armen von dieser Preisermäßigung keinen Gebrauch machen konnten, weil es ihnen auch an den fünfzig Kopeken gebrach. Vergebens zeigen sie zum hundertsten Mal den zerknitterten, schweißbefleckten Brief der Frau Goldenberg vor und versichern, daß sie wirklich krank seien, sehr krank, daß sie sehr leiden und nur um eine einzige Wanne bitten — sie werden auch von einer genesen. „Ich, Selig Silberschatz, bin ein ehrlicher Mann, ich will kein fremdes Gut . . . Frau Goldenberger. . ." Aber da wird die Tür zugeschlagen und Selig bleibt stehen wie vor einer unerschütterlichen Mauer. In tiefe Gedanken versunken, steht er nun auf dem Steg, der in die Kuranstalt führt, schaut er auf die toten, glitzernden Wasser des Limans, und in seinem starren Blick, in seiner ganzen zerlumpten, verwahrlosten Gestalt liegt etwas, wovor einem aufmerksamen Beobachter bangen würde. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchk Mitteilungen. Das Jahrbuch des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur für 1906 ist soeben in zweiter Auflage erschienen. Für die Beliebtheit, deren sich das Werk in weiten Kreisen zu erfreuen hat, legt die Tatsache sicher ein beredtes Zeugnis ab, daß das Jahrbuch nunmehr in fast 8000 Exemplaren in Deutschland verbreitet ist. Wegen der Judenmetzeleien in Rußland richtet Rabbiner Dr. Wilhelm Münz in Gleiwitz einen offenen Brief an die regierenden Fürsten und Staatsoberhäupter der Kulturwelt. Das Schriftchen ist im Verlage von Koebner-Breslau erschienen, und es wäre wohl zu wünschen, daß die beherzten, ehrlichen und überzeugenden Worte an die richtige Adresse gelangten. Es gehört allerdings ein großer Optimismus dazu, dies zu erhoffen. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.