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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-03 · Heft 31 (3.8.1906) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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371 - Karl ©oebefe sicher wohl den ersten Platz ein. Er schreibt darüber *): „Es ist zu bedauern, daß diese Arbeit nicht über die Anfänge hinaus gefördert wurde, da sie unter allem, was Heine versucht hat, das Gediegenste zu werden versprach. Sind auch die einzelnen Züge in dem Erhaltenen meistens aus der Gegenwart hergenommen, zeigt sich auch eine entschiedene Nachahmung der Hoffmannschen Bizarrerien, und nimmt auch die Satyre auf das Treiben der Frankfurter Judengasse einen großen Raum ein, so ist die Erzählung doch ruhig und bedächtig mit dem Charakter der mittelalterlichen Zeit in Einklang gebracht, die Grundlegung der Motive geschickt und ungesucht bewerkstelligt, die Darstellung einfach, fest und anschaulich gehalten, zugleich der Haß gegen die Verfolger unter den Christen energisch in Taten derselben versinnlicht und vom geschichtlichen wie vom persönlichen Standpunkte wohl begründet; auch sind die Charaktere inhaltreich und entwicklungsfähig angelegt, leider aber wenig über die Anlage hinaus geführt." Und ein anderer Literarhistoriker, Adolf Stern, bemerkt hierzu : „Goedeke hätte hinzufügen dürfen, daß der „Rabbi von Bacharach" außerdem allen buntfarbigen Glanz des Heineschen Kolorits, alle»! Zauber seiner lyrischen Stimmung aufweist." Im gleichen Sinne, wenn auch erheblich kürzer, sprechen sich Julian Schmidt, Rudolf Gottschall, Johannes Scherr und andere Literarhistoriker über das Fragment aus. Soweit ich die Heine-Literatur übersehen kann, ist dem Werke in neuerer Zeit nur ein einziger Gegner erstanden, und dieser eine Gegner ist einer der wärmsten Verehrer des Dichters — Wilhelm Bölsche. Dieser meint3), „daß die übermäßige formlose Fülle von subjektiver Gemütserregung", die Heine gegeben war, sich in der Lyrik am reinsten ausleben mußte, daß dieselbe aber im Drama wie im Roman die Kunstsorm sprengen und „hoffnungslosen Schiffbruch" erleiden mußte. „Anstatt einzusehen, daß jene strengen Kunstformen — Drama oder Roman — eben nicht für ihn taugen, weil sie das Subjektive in solcher Fülle nicht vertragen, glaubte er den Knoten gelöst zu haben, wenn er einfach das Subjektive ganz herausstreicht. In Wahrheit unterbindet er sich damit die Herzader. Das Werk, das entsteht, ist allerdings objektiv, aber es ist nicht objektiv in dem Sinne, daß es eigenes Leben hätte, sondern es ist vom ersten Satze an tot, leer, schattenhaft, ohne Blut und Wärme." Das ist ein hartes Urteil, und ich glaube nicht, daß viele Leser, die unbefangen an das Werk herantreten, dieses Urteil billigen werden. Sehr interessant sind die Bemerkungen, die Helene Hermann in einem eben erschienenen Buche: Studien über Heine's Romanzen, Berlin 1906, über den „Rabbi" macht. Sie sieht in diesem Werke das „Kunstwerk des Juden Kat exochen". Alles darin sei getragen „von der großen Welle des Mitleidens und Verstehens. Das tiefe Gefühl der Zusammengehörigkeit ist Grundstimmung, und die dem Judentum entgegengesetzten Regungen sind sachlicher, gereinigt vom Selbstischen des Lebens. Und doch: Die Auffaffung selbst ist nicht eigenartig. Es ist kein freies Darüberstehen, keine Größe in der Anschauung." 6. K. l) Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, Bd. III, S. 449. 2) Geschichte der neuen Literatur, Bd. VI, S. 267. 3) Heinrich Heine, S. 139 ff. Auch Georg Brandes, Die Literatur des XIX. Jahrhunderts in ihren Hauptströmungen, Bd. VI, S. 142, findet, daß das Werk „mit Unrecht mit Lob" überschüttet worden sei. Interessant'ist ein Urteil von Ernst^Keil im „Leuchtturm" 1841, der die Juden gegen Heine verteidigt. 8LW Im Moorbad. Von Iwan Naschiwin. Aus dem Russischen übersetzt von Eugenie Kliorin-Werth. I. er alte Reb Leiser ließ sich müde auf eine hohe unbequeme Bank nieder, welche, zum Ruheplatz für Kranke bestimmt, sich in der Nähe eines schiefen, halbverfallenen Zauntürchens befand. Seine bronzefarbene Brust, von den elenden Fetzen eines seltsamen Rockes und dem langen weißen Bart kaum bedeckt, atmete schwer in dieser trockenen, glühenden Luft; sein ganzer Körper, geschwächt und ausgemergelt von Zangen Entbehrungen, tat ihm jetzt weh, und die traurigen, tiefliegenden Augen unter den grauen herabhängenden Brauen starrten in eine ungewisse Ferne . . . Vor ihm, inmitten einer Hellen, endlosen Sandebene glitzerte unter den Strahlen der scheidenden Sonne die weite ruhige Fläche des Limans. Rechts, in weiter Ferne, war zwischen den grauen, trostlos öden Hügeln ein schmaler Streifen vom Meere zu sehen, und links, umgeben von schwindsüchtigen staubigen Bäumen, lagen zerstreut die elenden Häuschen des Städtchens; über denselben erhoben sich niedrige, steile Felsen, die grau und bleich, gleichsam krankhaft aussahen ... Und kein Laut ringsumher, keine Bewegung — weder aus Erden, noch in diesem von der glühenden Hitze erblaßten trockenen Himmel, als wäre alles in einem tiefen, totähnlichen Schlaf erstarrt, umweht von schweren, qualvollen Träumen ... Da kamen von irgendwo zwei Kranke zum Vorschein, stiegen langsam zu den toten Wassern herab und ihre müden, gebrochenen Gestalten verstärkten um ein Bedeutendes den schmerzlich wehmütigen Eindruck des Ganzen. Reb Leiser war ein Mann von frommem Lebenswandel. Streng wie kein anderer befolgte er alle Vorschriften des Gesetzes, und obwohl sein Leben ein ununterbrochenes Hungern, eine endlose Plage war, trug er ohne Klage dessen Last. Niemals hatte er gemurrt, nicht, als der Tod ihm den ältesten Sohn, die einzige Stütze einer zahlreichen Familie, raubte, nicht, als er selbst vom Schlage gerührt wurde und seine Familie brot- und obdachlos werden sah, und dann nicht, als seine zwei blutjungen Enkelinnen, Hanna und Mindel, eine nach der andern in ein gewisses „Haus" kamen, welches zu nächtlicher Zeit von allerhand gebildeten Herren: Studenten, Offizieren, Gymnasiasten besucht wurde . . . Nein, niemals hatte er gemurrt, im Gegenteil, stets und immer Gottes Namen gepriesen! . . . Und so klagte er auch jetzt nicht, da er, mit knappen«, von seinen Enkelinnen „verdienten" Gelde hierhergebracht, nun ohne einen Pfennig dafaß, weder imstande sich einer Kur zu unterziehen, noch in der Lage nach Hause zu fahren. Doch muß bemerkt werden, daß der Gedanke, hier in der Fremde, fern von seinen Lieben zu sterben, ihm unsägliche Qualen bereitete . . . Und um das Maß vollzumachen, verbreitete sich am Liman das grauenerregende, schauerliche Gerücht von einem neuen Pogrom, der die Heimatstadt betroffen — Reb Leiser zuckte zusammen wie ein wunder Vogel — ach, wenn er doch Flügel hätte! Wie geschwind würde er dann nach Hause fliegen, um sich möglichst schnell zu überzeugen, um es mit eigenen Augen zu sehen, daß alle seine Teuren noch am Leben sind!

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