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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-03 · Heft 31 (3.8.1906) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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—— 369 Republik der „Vereinigten Niederlande", wo das hehre Prinzip der Glaubensfreiheit verkündet wurde. In dichten Scharen verließen nun die Marannen, hervorragende Männer des Geistes und des Geldes, ihr grausames Land und legten mit ihrem bedeutenden geistigen und materiellen Kapital die feste Grundlage zum raschen Aufschwung Hollands. Amsterdam wurde die blühendste, reichste jüdische Gemeinde und hieß Neu- Jerusalem, seine bedeutendste Kolonie wurde Hamburg. Zu den Marannen, deren Seele mit der ganzen Kraft der felsenfesten Ueberzeugung dem uralten Glauben der Väter zugetan blieb, gehörte die altadelige Familie Teixeira mit dem Prädikat Sampayo, deren Wappen im Register der spanischen Granden genau beschrieben wird. Diego Teixeira ließ sich im Jahre 1643 in Antwerpen nieder. Da er hier sein Ideal, die vollständige Rückkehr zur Religion seiner Ahnen, nicht verwirklichen konnte, zog er nach Hamburg, wo seine spanischen Brüder bereits ein würdiges Gotteshaus und einen eigenen Friedhof hatten. Als 70jähriger Greis ließ er sich in den heiligen Bund Abrahams aufnehmen, dessen leuchtenden Namen er erhielt. In edlen Taten bezeugte er seine innigste Dankbarkeit seinem Gotte, er gründete zwei Vereine, einen zur Ausstattung armer Bräute, den anderen zur Auslösung von Gefangenen. Am Himmel der Hamburger Juden wurde nun die Familie Teixeira die leuchtende Sonne, deren wohltätige Strahlen auch auf die in fremden Landen wohnhaften Glaubensbrüder gefallen sind. Wie Josef, der Herzog von Naxos, in früheren Jahrhunderten, so wurde Diego Teixeira allgemein „der reiche Jude" genannt. Von dem fürstlichen Leben, das in seinem Palaste geführt wurde, von seinem überaus vornehmen Auftreten, wissen die zeitgenössischen Geschichtsschreiber viel zu erzählen. „Ich kam," so berichtet Schudt, „mit einem vornehmen Herrn nach Hamburg. Nach dem Mahle unternahmen wir einen Spaziergang zur Besichtigung der Stadt. Ihr rascher Aufschwung verblüffte mich. Als wir nach der Neustadt kamen, rollte eine sehr kostbare Karosse an uns vorüber. Vorn und rückwärts saßen Diener in überaus reichen Gewändern, der innere Teil war mit dem feinsten Sammet belegt. Plötzlich bleibt die Karoffe stehen und mit der tiefsten Referenz halfen Diener beim Aussteigen einem bejahrten Herrn, der einen langen, seidenen Talar trug. Ich hielt ihn für einen betagten Fürsten und verneigte mich so tief vor ihm wie vor dem sächsischen Kurfürsten. Wer ist der Herr? frage ich hocherstaunt. Das ist „der reiche Jude" wurde mir geantwortet. „Sein großes Bankhaus leistete der dänischen Krone hervorragende Dienste." Aus Anerkennung und Dankbarkeit dem gottessürchtigen Teixeira gegenüber gewährte König Christian IV. in seiner Urkunde vom 19. Januar 1657 denJuden die Ansiedlung, freie Religionsübung und mannigfache Privilegien. Auf dem Thron des nachbarlichen Königreiches Schweden saß damals die sehr begabte Königin Christine. Sie scharte die gefeiertsten Gelehrten und Künstler um ihren Thron und beschäftigte sich eifriger mit Kunst und Wissenschaft als mit den Geschäften ihres Staates. Die Tore ihrer Städte waren zwar den Juden nicht geöffnet, aber sie selbst zeichnete berühmte Juden aus. Der um die Wiederansiedlung der Juden in England hochverdiente, gelehrte Manafse ben Israel ordnete ihre hebräische Bibliothek, der portugiesische Jude Benedict de Castro war ihr Leibarzt, ihr Resident, Vertrauter und Freund wurde Diego Teixeira. Der spanische Gesandte am schwedischen Hofe, Don Antonio Pimentel, der Christinens Vertrauen im vollen Maße besaß, empfahl ihr den ehemaligen Landsmann als vollkommen verläßlichen, sehr klugen Mann und lauteren Charakter. Sie schätzte ihren treuen Residenten so hoch, daß sie nach ihrer am 6. Juni 1654 erfolgten Abdankung seine Gastfreundschaft mit ihrem ganzen Gefolge für längere Zeit in Anspruch nahm. Teixeiras heißeste und sehnlichste Wünsche verwirklichte die Gnade des Einzigen, zu dessen Ehre und Lob er aus dankerfülltem Herzen einen Tempel und ein Lehrhaus gründete. Hochbetagt und hochverehrt verschied er am 29. Juli 1666. Sein würdiger Nachfolger wurde sein einziger Sohn Manuel mit dem synagogalen Namen Jsak, der den gefeierten Familiennamen zu noch größerem Ansehen brachte. Mit gerechtem Stolze schauten die schwachen Glaubensgenossen verschiedener Länder auf ihren mächtigen Bruder Manuel Teixeira in Hamburg, der sich der Gunst und Freundschaft von Fürsten zu erfreuen hatte, in dessen Brust jedoch ein warmfühlendes, gottesfürchtiges jüdisches Herz schlug. Der Hamburger Senat wollte ihm die einem wirklichen Residenten gebührenden Ehrenbezeugungen nicht zuteil werden lassen, allein das energische Auftreten Christinens und die Intervention des Hauses Leopold! hatten sofort zur Folge, daß, wenn Manuel Teixeira über den großen Neuen Markt fuhr, die ganze Hauptwache im Gewehr stehen mußte. Nach sechs Jahren, die Christine in Italien, vornehmlich in Rom zubrachte, betrat sie wieder ihren heimatlichen Boden. Sie blieb nur kurze Zeit in Schweden und begab sich zu ihrem Residenten nach Hamburg, dessen Gastfreundschaft sie diesmal fast ein Jahr lang in Anspruch nahm und vertraute ihm die Verwaltung ihrer sämtlichen Güter. Die Sehnsucht führte sie nach weiteren sechs Jahren wieder nach Schweden. Bei ihrer Rückreise war sie auch jetzt gern gesehener Gast des Manuel Teixeira, dessen besondere Biederkeit und salomonische Klugheit Christine in zahlreichen Briefen pries. Manuel Teixeira stand nun am Zenit seines Ruhmes; ein jüdischer und ein christlicher Autor widmeten ihm, dem gefeierten Residenten und begeisterten Juden, ihre Werke. . . Am 1. März 1670 herrschte Todesstille unter der Judenschaft Wiens. Unter Trompetenschall erfolgte der tieftraurige Ruf, daß alle Juden Wien, Ober- und Unterösterreich binnen kurzer Zeit verlasse,: müssen. Rasch verbreitete sich die Schreckensnachricht in ganz Oesterreich. In diesen schweren Tagen schrecklicher Angst wirkte belebend auf die verzweifelten Gemüter der Wiener Juden die kaum drei Wochen nach dem Unglücksruf eingetrosfene frohe Botschaft, daß sich seiner unglücklichen Glaubensbrüder mit warmer Hingebung annähme Manuel Teixeira, Resident und Freund der Königin Christine, der mit den Großen der Erde in Verbindung stand. An ihn wandten sich nun das Rabbinat und der Vorstand der Wiener Gemeinde um Fürbitte bei den Mächtigen. Von Teixeiras Tätigkeit durfte ein glücklicher Erfolg erwartet werden. Spanische Granden, an die er sich wandte, versicherten ihm ihrer warmen Fürsprache beim Beichtvater der Kaiserin. Vom Generalissimus Grafen Montecuculi, an den er schrieb, versprach er sich die weitgehendste Unterstützung. Bei der Kurie in Rom nahm er die Hilfe des beim Konklave eingeschlossenen Kardinal Azrolino in Anspruch. Seine Königin Christine schrieb an den pästlichen Nuntius in Wien, sowie an die Kaiserin und ihre Mutter. Er konnte sich auch an die Frau des Kurfürsten von Sachsen wenden, die seine Gastfreundschaft genoß, ihm daher zu Dank verpflichtet ist. Die so umsichtig ein - geleitete große Hilfsaktion konnte jedoch nur die eng bemessene Frist zur Auswanderung bedeutend erweitern, denn die Jesuiten beriefen sich mit Erfolg auf die Unfehlbarkeit des Kaisers, dessen Befehl nicht zurückgezogen werden darf. Christine überhäufte ihren treuen Residenten mit mannigfachen Zeichen ihres ganz besonderen Wohlwollens und ihrer

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