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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-03 · Heft 31 (3.8.1906) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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365 Es erübrigt sich wirklich, Einzelfälle herzuzühlen. Warnen möchten wir vor einem Weitergehen auf der beschrittenen Bahn. Wer sich innerhalb der Judenheit betätigen will, dein winken andere Aufgaben als die Verbreitung von Mißstimmung. Aber nochmals betonen wollen wir, daß die Rufer im Streite Feldherren ohne Armeen sind, und die Bitte an die, die es angeht, richten, danach die Posener Kritiken zu beurteilen. Wir sind hier wirklich nicht so schlimm .... Juda. Brief aus Rußland. St. Petersburg, 10./23. Juli. Westen glaubt man, die russischen Zustände und Vorgange nur an Ort und Stelle gründlich studieren zu können. Ich gestehe, daß ich, nachdem ich bereits einen Monat in Rußland weile und die drei großen Zentren Kiew, Moskau und Petersburg kennen gelernt habe, jetzt viel weniger weiß als früher. Es ist unglaublich, welche einander völlig widersprechende Meinungen man an einer Stelle und in einem Augenblick zu hören bekommt. Heute sprach ich einen gut informierten Freund in der russischen Hauptstadt, der viel in Regierungskreisen verkehrt. Natürlich interessierte ich mich in erster Reihe für den Stand der Judenfrage. Mein Freund meinte ganz bestimmt: „In höchstens zwei Jahren haben wir in Rußland völlige Gleichberechtigung und politische Freiheit, und dann müssen Sie zu uns nach St. Petersburg kommen." Das klang gewiß sehr aussichtsvoll, und ich muß sagen, daß ich in der russischen Hauptstadt, wenn sich die Verhältnisse konsolodieren möchten, nicht ungern leben würde. Mein Freund führte mich alsbald zu einem jüdischen Mitglied der Reichsduma, wo wir gleich in ein Gespräch über die Lage der Juden gerieten. „Ich begreife wohl," sagte der Hausherr, „daß die jüdische Masse in Rußland bleibt, da sie hier bleiben muß; aber wenn man die Möglichkeit hat, auszuwandern und dies nicht tut, so ist es geradezu verbrecherisch." Im Laufe des Gesprächs äußerte der Abgeordnete selbst den lebhaften Wunsch, Rußland zu verlassen, da er bereits mit seinen Nerven zu Ende sei. Nach seiner Ueberzeugung sei die Lage der russischen Juden hoffnungslos: „Ein Teil der Juden wird unbedingt aufgerieben werden." Dieselben Widersprüche habe ich auch anderswo erfahren. Die Sache liegt so: die Juden in Rußland sind wirtschaftlich an das Land, an die heimatliche Scholle, gebunden; aber die Unsicherheit ist sehr groß, und in der herrschenden Erregung wird vieles noch übertrieben. Man kann den Leuten nicht einmal die Furcht ausreden, da in der Tat Schlimmes genug passiert ist. Und was in Odeffa, Kischinew, Kiew, Biatystok usw. geschehen ist, kann sich ja an andern Orten oder in diesen Städten selbst noch wiederholen. Was auch gemeldet wird, alles wird mit der Judenfrage in Verbindung gebracht. Jemand erzählte mir beispielsweise heute, es sei geplant, die Reichsduma aufzulösen — „und dann Gnade uns Gott!"') Bald darauf hörte ich, daß in Hofkreisen beschlossen sei, den „Kadetten" nachzugeben und ein Ministerium aus ihrer Mitte zu bilden. Man glaubt nämlich, daß dann Pogrome gegen die Juden ausbrechen würden, wodurch diese Partei eine starke Einbuße an ihrem Ansehen erleiden müßte. Ueber die Stellungnahme der Juden zu der revolutionären Bewegung höre ich überall nur die eine Anschauung, daß nämlich die Regierung die Juden in die Arme des politischen Radikalismus treibe. Nur in Moskau äußerte mir gegenüber ein hochangesehener Mann, daß die Juden besser getan hätten, sich mehr passiv zu verhalten. Aber dieser Mann steht so ziemlich fern von allem jüdischen Leben. Hingegen lebt noch jetzt in der Erinnerung der jüdischen Bevölkerung von Moskau die Schreckensherrschaft, welche der Großfürst Sergius länger als ein Jahrzehnt in dieser Stadt ausgeübt hat. Wie viel auch bereits in der Oeffentlichkeit darüber gesprochen wurde, man kann noch immer neue Tatsachen erfahren, die ich für unglaubhaft erklären möchte, wenn sie mir nicht von durchaus verläßlichen Personen berichtet wurden. Man wird völlig entwaffnet, wenn man zur Mäßigung und Besonnenheit ermahnen will und dann Dinge zu hören bekommt, welche die Phantasie nicht ausmalen kann. „Nicht wahr," meint ein sonst ruhiger Mann, „wir sollen die Regierung lieben und ihr Vertrauen entgegenbringen?" Das steht fest, daß die Regierungsmänner die Hauptschuld daran haben, wenn die Juden in den Reihen der radikalsten Opposition zu finden sind. Es gibt wohl eine kleine Zähl von Männern, die nichtsdestoweniger den Juden mehr Zurückhaltung empfehlen möchten. Aber ich habe mich im Laufe der Woche, welche ich in Rußland zugebracht habe, davon überzeugt, daß man die breiten Volksmassen gar nicht beeinflussen kann. Und schließlich ist es ja mit der christlichen Volksmasse nicht anders. Große politische Bildung ist in ganz Rußland wenig zu finden. Die Jugend wirft mit aufgegriffenen Redensarten herum, die oft im Munde des Sprechers komisch klingen, weil sie sehr unpassend angewandt sind. In Moskau sprach ich mit einem angesehenen Manne über die traurige Erscheinung, daß das Judentum dort rapid niedergehe. Was man da zu sehen bekommt, erfüllt einem mit Trauer und Besorgnis. „Ja, wir Juden waren solange einseitig idealisiert, daß wir jetzt gut daran tun, etwas mehr materialistisch zu sein," lautete die Antwort meines Gegenübers. In Moskau von der „einseitigen Idealisierung" der Juden zu sprechen, dort, wo die Juden völlig „verkazappt" erscheinen, ist gewiß komisch und traurig zugleich. Da liegt eine viel größere Gefahr für die Zukunft des jüdischen Volkes als in allen Drangsalen seitens der Polizei. Ueber das Kapitel des Niederganges des Judentums in Rußland, das sehr traurig ist, will ich im Zusammenhang noch schreiben. Hier möchte ich nur noch hervorheben, daß auch in dieser Hinsicht die Meinungen sehr auseinandergehen. Während die einen sehr schwarz in die Zukunft sehen, sind die andern sehr zuversichtlich und hoffnungsvoll gestimmt. Freilich brauche ich in diesem Punkt nicht die Meinungen anderer zu hören, und ich glaube, daß meine Prognose, die ich im nächsten Brief geben werde, auf richtige Voraussetzungen beruht. Soviel steht fest, daß die Assimilationsstreberei der russischen Juden viel schlimmere Früchte zeitigen wird als die der westeuropäischen Judenheit — denn die russischen Juden laufen Gefahr, in die halbasiatische Unkultur zu versinken. Vorläufig ist von dieser Krankheit nur die jüdische Jugend außerhalb der „Tfcherta" ergriffen, aber daß das Uebel weiter um sich greift, wird man kaum in Abrede stellen können. 8. B. ') Ist bekanntlich inzwischen geschehen. Die Red.

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