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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-03 · Heft 31 (3.8.1906) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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i : iX I s $ I I I - 364 - Prälat antwortete: „Ganz gewiß, und darum ist das Endurteil des Kassationshofes eine wahre Erleichterung für uns gewesen. Wenn der französische Klerus die Sache anders ansähe, täte er wahrlich Unrecht. Denn ivenn wir die Vertreter eines Gottes der Liebe, Barmherzigkeit und der Verzeihung sind, so sind wir auch die Vertreter eines Gottes, der die Gerechtigkeit selbst ist. Es ist daher für uns von größter Wichtigkeit, daß wir in dieser Sache auf der Seite des Rechts und der Gerechtigkeit stehen." Es scheinen sich also auch im Vatikan die Zeiten geändert zu haben. Wir erinnern uns, daß Leo XIII. der Frau Dreyfus, die sich in einer Audienz um seine Intervention bemühte, einen abschlägigen Bescheid erteilt hat! 4- Beide Häuser des amerikanischen Bundeskongresses haben soeben ohne jede Debatte und einstimmig eine Resolution angenommen, in welcher erklärt wird, daß das Volk der Vereinigten Staaten entsetzt ist ob der Berichte über das Niedermetzeln von Juden in Rußland ihrer Rasse und Religion wegen und daß die Unglücklichen das herzliche Beileid des ganzen Volkes der Vereinigten Staaten besitzen. Man sagt schwerlich zuviel, wenn man behauptet, daß der Kongreß damit im Sinne des amerikanischen Volkes gesprochen hat, und wenn er die Resolution unterschreibt, kann Präsident Roosevelt das tun in der festen Ueberzeugung, dabei die ganze Nation hinter sich z» haben. Zweifel an der Ratsamkeit solchen Vorgehens, wie sie bei ähnlichen früheren Gelegenheiten auftauchten, scheinen jetzt ausgeschlossen, und wenn die Resolution ihr unangenehm ist, so hat sich die russische Regierung dafür bei sich selbst zu bedanken, denn wenn sie die Greuel auch nicht geradezu anstiftete, so ist sie offensichtlich doch dafür verantwortlich, dank ihrer zweideutigen Haltung, durch welche der Pöbel und die niederen Militär- und Polizeibehörden zu dem Glauben verleitet oder darin bestärkt wurden, die Regierung sehe die Judenverfolgungen nicht ungern und die Teilnehmer hätten keine Strafe, zu befürchten. Die Resolution des Washingtoner Kongresses mag nun zwar den Juden Rußlands nichts nützen, aber möglich ist es doch immerhin, daß diese Entrüstungsäußerung dazu dient, den herrschenden Kreisen in Rußland die Augen zu öffnen und ihnen zu zeigen, daß sie auf dem besten Wege sind, sich auf dem ganzen Erdenrund verhaßt zu machen und den letzten Rest von Sympathien, die man hier und da noch für sie hatte, zu verscherzen. Schaden kann die Resolution auf keinen Fall. Im Anschluß an die Mitteilungen über die Kongreßresolution wird in der darüber berichtenden Depesche aus Washington noch gesagt, seit den jüngsten Judenmetzeleien habe die Regierung verschiedene Aufforderungen, etwas für die russischen Juden zu tun, erhalten und erwogen, doch sei es dem Präsidenten Roosevelt nicht möglich gewesen, einen gangbaren Weg zur Hilfeleistung zu entdecken. Es scheine, daß die amerikanische Regierung nicht imstande sei, irgendwelche Schritte zur Besserung der Lage der Juden in Rußland zu tun. Auch der Kongreß sei machtlos. Das ist natürlich richtig: wie die übrige zivilisierte Welt muß auch Amerika den russischen Zuständen gegenüber sich mit der Zuschauerrolle begnügen. Irgendwelches Einschreiten ist ausgeschlossen. Nachdem es seiner Meinung darüber Ausdruck gegeben hat, kann es nichts mehr tun. Wohl aber kann und muß es etwas unterlassen, wenn es seine Freiheits- und Menschenliebe nicht zum Gespötte machen will: es darf die Einwanderung nicht erschweren, will es nicht vielen der in Angst und Todesnot lebenden Juden in Rußland die letzte Hoffnung rauben! Kolenrr Lriek. Posen, 17. Juli. s scheint, als ob das Posener Land dazu verurteilt wäre, draußen, das heißt im Reiche, falsch beurteilt zu werden. Politisch und national, und Isst not lesst auch da, wo es sich um die wohlverstandenen Jntereffen unserer Glaubensgenosien handelt. Auf der einen Seite hört der kundige Beobachter Stimmen, die von einer geradezu beängstigenden Sensibilität Zeugnis ablegen, und auf der anderen Seite dringen Meinmtgen in die Oeffentlichkeit, die nur von einer beneidenswerten Unbefangenheit der Meinungs-Fabrikanten Zeugnis ablegen. Immer aber der Hang zu kritisieren, selbst da, wo gar keine Kritik nötig und möglich ist. Die Posener Stadtvertretung in ihren jüdischen Mitgliedern hatte unter diesen Angriffen schon öfter zu leiden; sie teilte aber das Los mit dem Zentralverein deutscher Staatsbürger, mit dem Verein zur Abwehr und mit jeder anderen zur Vertretung jüdischer Prinzipien berufenen Organisation. Es ist ein Tatendrang unter der schriftstellernden oder sich zur Schriftstellerei prädestiniert fühlenden Welt, der oftmals das Gute will, aber fast immer das Böse schafft. Zu diesem Bösen möchten wir vor allem die Mißstimmung rechnen, die die Leiter unserer Organisationen überkommt, wenn sie sich und ihr Tun dieser Art von Kritik ausgesetzt sehen. Ginge es nach den intellektuellen Urhebern dieser Angriffe, so würde das jüdische Problem in alle, am allermeisten aber in die Dinge hineingetragen, in die es nicht hineingehört. Aber so nützlich wir das Betätigen in unserem Jdeenkreis halten, für genau so schädlich halten wir das zwecklose, förmlich an den Haaren herbeigezogene und nutzlose Demonstrieren, nur damit etwas geschieht. Und so sehen wir in dem mit mehr Lungenals Beweiskraft airsgestoßenem Schrei über die schlechte Leitung unserer Vertretung ein beklagenswertes Moment, bei dem nur das Eine das Erfreuliche ist, daß die Rufer im Streite gänzlich allein stehen und daß ihre schriftstellerische Tätigkeit an ihrem Ausgangspunkte am allerwenigsten verstanden wird. Damit soll nicht gesagt sein, daß hier alles so rosig ist, daß wir friedlich und vertrauensvoll in die Zukunft blicken können, und ebensowenig wollen wir damit die gute Absicht der Urheber in Zweifel stellen. Es liegt aber ein Anachronismus darin, auf der einen Seite unsere Schwäche zu betonen und auf der anderen Seite immer wieder Machtforderungen zu stellen. Denn das eben ist der Typ dieser im Gewände jungjüdischer Renaissance austretenden Literaten, daß sie immerfort die materielle, das heißt wirtschaftliche Schwächung der Juden im Osten hervorheben und aus dieser vermeintlichen Schwächung Folgen herleiten, die in Wirklichkeit gar nicht existieren, für die sie aber die berufenen Führer verantwortlich machen. Es gab eine Zeit, da belächelte man die Möglichkeit von Parteiungen innerhalb der ostdeutschen Judenheit. Sie fühlten alle sich einig in den Hauptfragen und nur in puncto Ritus gab es mehrere Meinungen. Mochten außerhalb der Ostgrenzen lebhafte Gegensätze innerhalb der Juden bestehen, hier war Friede und es mußte so sein, weil die Integrität allein dem Ansturm von zwei Seiten Widerstand leisten konnte. — Leider ist's heute nicht mehr so, obwohl die Notwendigkeit der Integrität heute tausendmal zwingender sein müßte. Aus sachlicher Kritik ist persönliche Polemik geworden, und keine, und sei sie noch so witzig, keine Geistreichelei kann darüber hinwegtäuschen, daß alle diese Erscheinungen für die gesamte Judenheit von Uebel sind.

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