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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-03 · Heft 31 (3.8.1906) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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Vertrauensmann des Bauernstandes, dort für die Durchführung jener liberalen Grundsätze, welche in anderen Ländern energisch nur von den Städten aus verfochten zu werden pflegen: so namentlich für die Emanzipation der Jaden, deren bloße Zulassung in Norwegen noch bis zum Jahre 1851 untersagt war, worüber auch Ludwig PhiliPPson seiner Zeit in den „Weltbewegenden Fragen" berechtigte Klage führte. Ueber die damals das norwegische Parlament beschäftigende Judenfrage schrieb Henrik Wergeland. nachdem er sein Leben lang für die Emanzipation gestritten, noch von seinem Totenbette an den politisch ihm zur Seite stehenden Storthingsmann Sorenskriver Sörensfen: „Ich brauche Dir, dem warmen Kämpfer für Licht, nichts zu sagen. Wenn aber der Tag (der Judendebatte) im Storthing kommt, dann känrpfe, rase, weine und wenn auch das nichts hilft, dann reiße dem Egoismus und der Roheit die Maske ab mit der ruhigen Kälte eines Chirurgen. Es gilt die Ehre unseres Volkes vor der Welt! Die Freunde unserer Sache, welche bei dieser Gelegenheit sprechen werden, sollten sich zusammentun, die Parteirollen verteilen, wie es die Picadores vor einem Stierkampf machen." ... Noch ist die russische Duma Spreu im Wind, während die norwegische Verfassung einer kraftvollen Eiche gleicht. Leider fehlt Maxim Gorki, der begeisterte Verteidiger der Juden in Rußland, in den Reihen der Volksvertretung. Auch er wird dereinst sein Denkmal erhalten, wie sein Kollege in Apoll, Hendrik Wergeland, der gleich ihm nicht nur aufopferungsvoller politischer Kämpfer, sondern auch ein großer Dichter war. Wergeland starb leider sehr jung, im Alter von 37 Jahren am 12. Juli 1845. Dem Kämpfer für menschliche und bürgerliche Freiheit errichteten dankbare Juden außerhalb Norwegens Grenzen (wie die vorhandene Inschrift lautet) in Christiania das hier besprochene Denkmal. Die Anregung dazu gab unser Glaubensgenosse, der dänische Dichter Meyer Aron Goldschmidt, welcher namentlich die Juden in den Hansastädten hierfür lebhaft interessierte und wenige Tage vor Wergelands Tode den Dichter und Kämpfer noch durch einen warm anerkennenden Brief erfreute. Das Monument in Norwegens Hauptstadt ist sehenswert; der Königsberger Oberlandesgerichtsrat Ludwig Paffarge, der bekannte Ibsen-Biograph, hat es in seinen Briefen über Norwegen eingehend beschrieben. * In Rußland hat sich in dieser Woche nichts geändert. In dem Manifest des Zaren über die Auflösung der Duma wird dieser die Affäre von Bialystok geradezu als Verbrechen angerechnet, weil die Beschäftigung mit dieser Angelegenheit außerhalb der Sphäre ihrer Kompetenz lag. Die „Nowoje Wremja" empfiehlt in unerhört provokatorischer Weise die Austreibung aller Juden aus Rußland. Das darf als ein Zeichen gelten, welche Tendenzen zurzeit dort die Oberhand haben. Die Ausführungen werden sehr ernst genommen und verdienen es. Weniger ernst genommen wird der Erlaß des Premierministers Stolypin an die Gouverneure, alle Unruhen zu unterdrücken. General Kaulbars in Odessa hat die richtige Antwort darauf gegeben: die Stadt muß in Blut waten. Die Juden werden totgeschlagen, auch wenn ste den Mord eines Kosaken nicht begangen haben. Und während Herr Stolypin erklärt, die teilweise Aufhebung der gegen die Juden gerichteten Gesetze herbeiführen zu wollen, spricht Herr Trepow das große Wort gelassen aus: In Rußland muß jetzt wieder moskowitisch regiert werden. So ist die momentane Situation im Zarenreiche. Die europäische Presse, namentlich die liberale, sollte sich aber wohl in acht nehmen, zum so und so vielten Male einem russischen Tschinownik auf den Leim zu gehen. * Als eine Folge der von uns in der vorigen Woche veröffentlichten Rede des Herrn Oskar S. Straus bei den „Maccabaeans" wurde am 15. d. M. eine Konferenz im Savoy-Hotel in London unter dem Vorsitz von Straus abgehalten, um zu beraten, ob nicht ein Plan zu finden sei, dem die zu den führenden Organisationen in Beziehung stehenden Persönlichkeiten ihre Unterstützung geben könnten. Folgende Herren waren anwesend: Elkan Adler, H. Bentwich, Rt. Hon. Arthur Cohen, K. C., Joseph Coweu, L. I. Greenberg, Jacobus Kann-Haag, H. M. Kisch, C. S. I., Clement I. Salaman, M. H. Spielmann, Carl Stettauer, Lucien Wolf, D. Wolffsohn-Köln und I. Zangwill. Sir Samuel Montague und ein oder zwei andere Herren, an die man mündlich herangetreten war, hatten abgelehnt, an der Konferenz teilzunehmen. Die folgenden Resolutionen wurden eingebracht: 1. Vorgeschlagen von Rt. Hon. Arthur Cohen, K. C. und unterstützt von L. I. Greenberg: „Da mit Rücksicht aus die gedrückte Lage des jüdischen Volkes in Rußland und anderswo und infolge der zunehmenden Beschränkung in der Zulassung der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten und anderen Ländern es mehr und mehr erforderlich wird, daß eine Erweiterung der Kolonisation für die unterdrückten Angehörigen unseres Volkes vorgesehen wird, und da es von der allergrößten praktischen Bedeutung ist, daß ein allgemeines Einverständnis unter den Juden in dieser Hinsicht erzielt wird, wird festgestellt, daß wir darin einig sind, einen großzügigen Kolonisationsplan vorzubereiten, zu unterstützen und zu fördern." 2. Vorgeschlagen von Lucken Wolf und unterstützt von Elkan Adler: „In Hinsicht auf die Gründung einer solchen Kolonie soll der Plan derart gestaltet sein, daß er sür die Kolonie die eventuelle lokale Selbstregierung verbürgt." Diese beiden Resolutionen wurden von allen anwesenden Herren, mit Ausnahme der Herren Stettauer und Bentwich, angenommen. Herr Stettauer stimmte für keine von beiden und Herr Bentwich enthielt sich bei Nummer 1 der Abstimmung und stimmte gegen Nummer 2. 3. Herr M. H. Spielmann soll ermächtigt werden, eine neue Versammlung einzuberufen, zum Zwecke weiterer Besprechungen, wann immer er es für nötig erachtete, wobei unter anderem die folgenden Resolutionen zu beraten sind, welche diesmal eingebracht, aber nicht zur Abstimmung gestellt wurden: a) Vorgeschlagen von D. Wolffsohn und unterstützt von Elkan Adler: „Daß der oben erwähnte Kolonisationsplan in erster Linie Palästina und die Nachbarländer in Betracht ziehen solle." b) Eingebracht von I. Zangwill und unterstützt von Lucien Wolf: „Daß diese Versammlung jeden Plan zur Ausführung der Resolutionen 1 und 2 beraten solle, ohne Palästina und die Nachbarländer auszuschließen." * Die vollständige Rehabilitierung Dreyfus' ist nach einer Mitteilung des römischen Berichterstatters des „Temps" im Vatikan mit unverhohlener Freude ausgenommen worden. Ein hochstehender Prälat äußerte dem Korrespondenten gegenüber, es sei sehr zu bedauern, daß die französischen Katholiken und Konservativen sich an dein gegen Dreyfus verübten Werke der Ungerechtigkeit so eifrig beteiligt hätten. „Denkt der hohe Klerus in Rom ebenso?" fragte der Berichterstatter, worauf der

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