Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 362 -- unsere Machtstellung unter den Völkern, unsere geschichtliche Mission, ist eng mit der Läuterungsfähigkeit der Nation verbunden. Wenn jetzt Herr von Oldenburg mich fragte: Willst Du einem so roh gearteten Volke die Herrschaft über sich selbst verleihen, die ja kraft des Majoritätsrechtes auch die Herrschaft über eine edlere, einsichtigere Minderheit bedeutet?, so müßte ich in der Tat diese Frage verneinen. Ich würde aber eine Gegenfrage erheben, und diese würde lauten: Wer ist denn schuld daran, wenn ganze Schichten unserer Bevölkerung auf einem so niedrigen Niveau verblieben sind? Doch nur diejenigen, die stets Vernunft und Wissenschaft verachtet haben, die von jener Aufklärung, welche Gerechtigkeit und Toleranz lehrt, nichts wissen wollten. In einem Volke, das den Entwicklungsgedanken ganz in sich ausgenommen hätte, wären solche Erscheinungen unmöglich, denn auch der schlichte Bürger würde die Ueberlegung anstellen, daß wir die Juden zum Teil zu dem gemacht haben, was sie jetzt sind, daß wir an ihren Fehlern mitschuldig sind, daß der jüdische Charakter nicht iuäelebilis, sondern wandelbar ist, und daß ein Blick auf die Geschichte des unglücklichen Volkes uns neben jede Anklage eine Selbstanklage stellt. Wenn ein anderer, freierer Geist in unsere Schule eingezogen sein wird, werden die mittelalterlichen Empfindungen verblassen; wenn wir alle uns daran gewöhnt haben, mit offenem Visier zu kämpfen, wird das versteckte Geifern ein Ende nehmen. Die Raffenantipathie wird noch lange nicht verschwinden, aber unser Verstand wird sie kontrollieren lernen. Mehr Licht! Das ist auch hier der einzige Wahlspruch, der Besserung verheißt. Bit Woche. Berlin, 31. Juli. inige Nachwahlen gaben in dieser Woche willkommene Gelegenheit, die Anschauungen der verschiedenen Politischen Parteien über den Antisemitismus nachzuprüfen. Am schlechtesten haben hierbei die Nationalliberalen abgeschnitten. Die Nachwahl in Rinteln-Hofgeismar bot außerdem noch das Schauspiel eines antisemitischen Bruderkrieges. Die Deutschsozialen und die Reformer lagen einander in den Haaren. Einträchtiglich hatten sie nie mit einander gelebt, zu offener Befehdung war es jedoch nicht gekommen. Der Krieg entbrannte, weil die Reformer ihre Rache haben wollten. Li.ebermann v. Sonnenberg wollte ihnen den Wahlkreis Marburg nicht gönnen, und diese Mißgunst sollte nun in Hofgeismar- Rinteln gerochen werden. Ein Kaffeler Rentner ließ sich als Sturmbock gebrauchen, und nun Geld im Kasten klang, ergab sich ein Streitgetümmel, wie der Wahlkreis es noch niemals gehört hatte. Wo das antisemitische Jagdhorn erschallt, erhebt sich zwar immer ein gewaltiges Horridoh und Hussassa; jetzt aber hat Rinteln-Hofgeismar jeden früheren Rekord geschlagen. Welche der beiden antisemitischen Richtungen siegen werde, konnte von vornherein nicht zweifelhaft sein, da die agrarischen Konservativen, in deren Heerbann Herr Liebermann v. Sonnenberg marschiert, sich ja überall der Gunst der Regierungssonne erfreuen. Besonders neugierig darf man auf die Nachwahl im sächsischen Wahlkreise Döbeln-Roßwein sein. Dort wollen die Nationalliberalen den stramm antisemitischen Alldeutschen Prof. Hasse in Leipzig aufstellen. Dieser nimmt aber nur an, wenn er von allen bürgerlichen Parteien aufgestellt wird. Es handelt sich jetzt darum, ob die sächsische Fortschrittspartei in diesem Wahlkreise sich zu solchem Opfer entschließen wird. Wir fürchten freilich, daß das nationalliberal - antisemitische Kompromiß zustande kommen wird. Wie tief ist doch die Partei Benningsens und Gneists gesunken! ♦ Unter den 477 822 Ehen, die 1904 im Deutschen Reiche geschlossen wurden, befanden sich 434 530 Fälle, in denen Personen gleichen Religionsbekenntniffes sich die Hand zum Bunde fürs Leben reichten. Von diesen Heiraten waren 283 980 rein evangelisch, 145 696 rein katholisch und 4001 rein jüdisch. Auf die rein konfessionellen Ehen — wenn man sie so nennen darf — kamen also 90,9 Prozent aller Eheschließungen, so daß 9,1 Prozent der Heiraten Mischehen waren. Die Mischehen zwischen Juden und Christen waren im vorigen Jahre besonders häufig. Während 1902 nur 599 derartige Heiraten geschloffen wurden, wuchs ihre Zähl 1903 auf 635 und im folgenden Jahre gar auf 720. Der weitaus häufigste Fall war die Heirat zwischen einem Juden und einer evangelischen Christin, der 316 mal vorkam. Dann folgten die Ehen zwischen evangelischen Männern und jüdischen Frauen (256). Die 497 jüdisch-protestantischen Mischehen des vorigen Jahres waren somit auf 572 im Jahre 1904 gestiegen und betrugen annähernd viermal soviel als die jüdischkatholischen Verbindungen, deren 148 Fälle sich je zur Hälfte auf die beiden hier möglichen Kombinationen verteilen. Die Abneigung gegen eine eheliche Verbindung mit Juden ist also auf katholischer Seite ganz bedeutend stärker ausgeprägt als auf evangelischer. Von Interesse ist jedenfalls die Tatsache, daß die Häufigkeit der Mischehen in den letzten Jahren in unverkennbarer Zunahme begriffen ist. Während ihr Anteil 1902 8,7 Prozent der Gesamtheit ausmachte, stieg er 1903 auf 8,8 und im folgenden Jahre auf 9,1 Prozent. Man wird im ersten Montent wohl geneigt sein, diese Entwicklung der Dinge auf Rechnung der zunehmenden religiösen Gleichgültigkeit oder, wenn man es milder ausdrücken will, der fortschreitenden Toleranz in religiösen Dingen zu setzen. Diese Ursache mag da und dort mit ins Gewicht fallen; richtiger aber ist es wohl, in der immer mehr zunehmenden konfessionellen Mischung der Bevölkerung auch den Grund für die Zunahme der Mischehen zu suchen. Auch wenn man kein religiöser Fanatiker ist, wird man diesen Gang der Dinge bedauern müssen; denn die ständige Rücksichtnahme auf den andersgläubigen Teil muß mit Naturnotwendigkeit im Hause die Atmosphäre einer gewissen religiösen Gleichgültigkeit erzeugen. Und wo dies nicht das Schlußresultat der Mischehe ist, da stehen die Dinge eigentlich noch schlimmer, denn gegenseitige Reibereien und selbst Kämpfe sind dann unvermeidlich. Beides ist für die Erziehung der aus einer Mischehe hervorgehenden Kinder gleich gefährlich. * Norwegen, dem politischen Alter nach das jüngste Königreich der Welt, ist das einzige Land der Erde, das bisher einem bäuerlichen Vorkämpfer der Judenemanzipation ein Denkmal errichtet hat. Vielleicht nehmen sich dereinst einmal die bäuerlichen Mitglieder der russischen Reichsduma, die jetzt Schulter an Schulter mit jüdischen Abgeordneten für eine freiheitliche Organisation der Regierung ihres Landes käinpfen, ein Beispiel an Norwegen, wo die Denkmäler noch knapp sind, das den Politiker Henrik Wergeland in dieser hervorragenden Weise geehrt hat. Da in Norwegen die Stadt konservativ, das Land aber demokratisch ist, so kämpfte Wergeland, der