Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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7V. Jahrgang. No. 31. Allgemeine Berlin, 3. Augost 190(1. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Re dakteurr Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. VeilSM-LxxeMvll: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HL/49, Z" richten. Verlag vou Rudolf Messe, Berlin. Lrllrnsntjlrmjtjsmus. Berlin, 31. Juli. lljährlich, wenn des Sommers Herrlichkeit und Pracht die erholungsbedürftige Menschheit auf die Berge und an das Meer lockt, hören wir von einer besonderen Spezies antisemitischer Betätigung, die ein bekannter Schriftsteller, Eduard Goldbeck, in der „Breslauer Zeitung" sehr treffend den Zellenantisemitismus genannt hat. Er macht darüber die folgenden interessanten Bemerkungen, die aus dem Munde eines Nichtjuden, der es sogar sehr wohl begreift, daß jemand sich gegen die Juden wendet, doppelt wertvoll sind: Wenn ich nicht irre, ist Deutschland in der Welt allen voran. In welcher Beziehung? Schlechtweg in jeder, werden die Nichts-als-Teutonen antworten, vor allem aber wohl auf die herrlichen Charaktereigenschaften unseres Volkes Hinweisen, die wir ja stets als berühmt und erwiesen annehmen. Seelische Kultur, das ist der Besitz, dessen wir uns mit frohem Stolz als das Volk der Dichter und Denker rühmen. Wer aus guter Quelle erfahren will, wie es um diesen Schatz bestellt ist, der möge sich, statt in der Großstadt „Stein unter Steinen" zu sein, ans Meer begeben, um dort, wie der alte Rauschebart, „zu waschen und zu strecken den narbenreichen Leib", und was uns Modernen nötiger ist, die Seele einmal wieder gesund zu baden. Natürlich wählen wir ein Bad, in dem der uns unentbehrliche Komfort der Neuzeit zu haben ist, und am Morgen nach der Reise betreten wir schon frohgemut die Badezelle, um uns in den unumgänglichen Urzustand zu versetzen. Während ich in behaglichem Vorgenuß des Verjüngungsaktes die Kleider äblege, fällt mein Blick auf. die Wände des engen Gemaches und ich erkenne mit Schaudern, daß sich hier schon viele vor mir in einen Urzustand versetzt haben, um dessen Reproduktion ich sie nicht zu beneiden vermag. Es ist, als ob ein wühlendes Meer den ganzen Schlamm der tiefsten Tiefen an das Ufer geschleudert hätte. Ich zwinge mich dazu, den Unrat zu durchstöbern. Nichts als Beschimpfungen der Juden, dumme und rohe, neidische und zotige Beschimpfungen. Manifestationen der Volksseele, unbedingt! Aber Manifestationen, die uns deutlich zeigen, wie sehr diese Volksseele noch der Läuterung bedarf. Wir müssen von Clemenceau den Mut lernen, diese Wahrheiten, so unerfreulich sie auch sind, auszusprechen. Es tobt sich in den Zellen ein Antisemitismus aus, der eine erstaunliche Niedrigkeit und. Dummheit zugleich offenbart. Seine Motive sind nur selten zu erkennen, da sich die Autoren fast immer auf Pöbeleien beschränken. Der Jude ist nach ihrer Ansicht körperlich und seelisch unrein, er bereichert sich auf unsere Kosten; er verführt unsere Mädchen. Das sind die Vorwürfe, die immer wiederkehren, zum Teil in läppischer, zum Teil in geradezu bestialischer Form, die uns mahnt, den russischen Pöbel, der in Bialhstok mordet und raubt, nicht allzu verächtlich als Halbtiere zu behandeln. Mit Worten geschieht in unserem lieben, angeblich so hoch kultivierten Vaterlande alles, was dort mit der Tat geschieht. Gewiß, das ist ein Unterschied. Aber die Gesinnung ist dieselbe. Es ließe sich durch eine gediegene koprologische Uebersicht leicht dartun, indessen ziehe ich es vor, die Leser mit diesem Auszug aus den Bekenntnissen schöner Seelen zu verschonen. Mich ekelt zweierlei besonders an: das unästhetische und das unpolitische Element in diesen Ergüssen des Hasses. Ich kann den Haß begreifen; er ist ein mächtiges Agens, er kann sich zu imponierender Größe erheben, und ich möchte Hägens Gestalt, Bismarcks Wort: „Ich habe wieder die ganze Nacht gehaßt," nicht in der Geschichte und Dichtung unseres Volkes vermissen. Aber dieser Haß, der im Schmutze watet und in Geilheit wühlt, ist eine unsagbar widrige Erscheinung. Daß jemand sich gegen die Juden wendet, den „jüdischen Geist" bekämpft, verstehe ich sehr wohl; ein solches Handeln kann durchaus edlen Motiven entspringen, wenn es auch nicht gerade auf historisches Verständnis, Gerechtigkeitssinn und Urteilsschärfe schließen läßt. Wird der Kampf offen und würdig geführt, so hat er seine Berechtigung, wie alles menschliche Ringen. (?) Diese Manier aber, an neutraler, der Erholung gewidmeter Stätte, angesichts einer herrlichen Natur, tückisch zu geifern, ist so dumm, so unpolitisch wie nur möglich, und zeigt, wie weit unser Kleinbürgertum von Reife entfernt ist. Denn um diese Schichten handelt es sich vorzugsweise, sie sind es, die in den Sommermonaten die Gestade der Ostsee überfluten. An der Nordsee nehmen diese Exzesse schon ab und in den Bädern des Auslandes entsinne ich mich nicht, sie gefunden zu haben. Es zeigt sich hier so recht, wie die lange andauernde Ohnmacht dieser Stände gewirkt hat; sie haben sich daran gewöhnt, insgeheim die Faust zu ballen und ihren Groll gegen jede ihnen überlegene Macht im stillen Kämmerlein auszutoben. Orgien der Impotenz, wie sie in freien Staaten unmöglich sind. Die Beobachtungen, die ich eben niederschrieb, mache ich in jedem Jahre auss neue. In jedem Jahre wiederhole ich in irgendeiner großen Zeitung diese Jeremiade. Wir schreiten sehr, sehr langsam vorwärts. (Vorausgesetzt, daß wir überhaupt vorwärts schreiten.) Alle Errungenschaften der Zivilisation bedeuten wenig, wenn sie nicht von Errungenschaften der Kultur begleitet sind. Auch unsere politische Entwicklung,