Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228721--62798-3289970- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fchalk, Köln, Rabbiner Dr. Hochfeld, Düsseldorf, Kommerzienrat I. S. Hirschland, Essen, Rabbiner Dr. Jaulus, Aachen, Moritz Katzenstein, Bielefeld, Sanitätsrat Dr. Levison, Siegburg, Jacob Lippmann, Aachen, Jos. Metz, Düsseldorf, Lonis Sternau, Dortmund, Leonh. Tietz, Köln. ---- Stolberg (Rheinland), im Juli. Ein gutes Einvernehmen herrscht in unserem Orte zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung. Dieser Tage fand im Hotel „Scheufen" ein Festessen von 160 Gedecken zu Ehren der Anwesenheit des Kardinal-Erzbischofs Fischer aus Köln statt. Als Ehrengast war u. a. der Vorsitzende der hiesigen jüdischen Filialgemeinde, Herr Leop. Wehl, seitens des Festkomitees, an dessen Spitze der Bürgermeister und der Pfarrer standen, eingeladen. Vor Beginn des Festes wurde Herr Wehl dem Herrn Kardinal, der sein Interesse für die jüdische Gemeinde durch eine Reihe von Fragen bekundete, vorgestellt. Der hohe geistliche Würdenträger gab zugleich seiner Freude Ausdruck, daß ein so gutes Einvernehmen zwischen den Konfessionen hier herrsche. In seiner Festrede auf Kaiser und Papst sagte er, daß es stets seine Ausgabe sein werde, Frieden zwischen den einzelnen Konfessionen her5ustellen, und daß er sich besonders freue, daß viele Andersgläubige ihn durch ihre heutige Anwesenheit geehrt hätten/ Nach den osfiziellen Toasten (u. a. sprach auch der Regierungspräsident Herr von Hartmann aus Aachen) dankte Herr Wehl dem Festkontitee für die der kleinen jüdischen Gemeinde von etwa 60 Seelen bewiesene Ehre und nahm Bezug auf die schönen Worte des Psalmisten: „Wie schön und lieblich ist es, wenn Brüder friedlich nebeneinander wohnen." Der Redner hob besonders hervor, daß die Stadtvertretung bisher der Gemeinde bereitwilligst entgegengekommen sei, und daß das Verhältnis zu der gesamten christlichen Bevölkerung ein ungetrübtes wäre. Die Rede fand lebhaften Beifall. n. München, 19. Juli. Der Rechtsanwalt Justizrat Julius F eust ist nach längerer, schwerer Krankheit vorgestern nachts in Bad Tölz, wohin er vor einigen Wochen von München aus sich begeben hatte, verschieden. Heute fand auf dem israelitischen Friedhofe dahier die Beerdigung statt. Dem ausdrücklichen Wunsche des Verblichenen entsprechend, wurde weder der Tod, noch die Zeit der Beerdigung in der üblichen Weise bekannt gegeben, wie auch von einer Grabrede Abstand genommen werden mußte. Julius Feust, einer alten, angesehenen bayerischen Juristenfamilie entstammend, war geboren am 28. April 1853 in Fürth in Bayern als Sohn des Kgl. Advokaten Dr. Karl Feust und bestand im Jahre 1878 den juristischen Staatskonkurs mit vorzüglichem Erfolge. Am 1. Oktober 1879 ließ er sich als Rechtsanwalt in München nieder. Seine ausgezeichneten juristischen Kenntnisse, verbunden mit einem außergewöhnlich praktischen Verständnisse, verschafften ihm in kurzer Zeit eine über ganz Deutschland aus gebreitete Klientel. Im Eifer über die ihm anvertranten Interessen identifizierte er sich geradezu persönlich mit feiner Klientel, was manchmal in Kollegenkreifen zu einer schiefen Beurteilung des selbstlosen Charakters führte. Bekannt ist es, daß er armen Parteien, ohne als Pflichtanwalt aufgestellt zu sein, gerne seine unentgeltliche Hilfe zur Verfügung stellte. Eingeweihte wissen auch, in welch hingebender Weise der Verstorbene den verschiedensten philanthropischen und gemeinnützigen Bestrebungen jeder Art unter Hintansetzung persönlicher Rücksichten und unter Aufwendung großer finanzieller Opfer diente. Dabei war er für seine Person von allergrößter Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit. In Richter- und Kollegenkreisen war Feust als ausgezeichnete juristische Kraft geschätzt und in den weitesten Bevölkerungskreisen als solche bekannt. Seine Verdienste wurden auch durch die am 1. Januar 1904 erfolgte Ernennung zum Justizrat von höchster Stelle anerkannt. Julius Feust war, worauf er großes Gewicht legte, der Enkel des im Jahre 1802 in Bamberg verstorbenen Oberlandesrabbiners Samuel Faist- Frensdorf, des letzten Rabbiners int Fürstbistum Bamberg mit eigener jüdischer Gerichtsbarkeit. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß der Verstorbene für alle jüdischen Interessen ein warmes Herz und eine offene Hand hatte, und daß wohl kein Münchener Verein, welcher jüdischen Jnteressetr diente, vorhanden war, dent er nicht als tatkräftiges Mitglied angehörte. Er war lange Jahre hindurch Vorsitzender des Studien- und Arbeitsbeförderungsvereins in München und waltete hierbei seines Amtes in einer geradezu mustergültigen Weise. Die Unzahl von Studierenden und Handwerkern, welche aus diesem Verein Stipendien bezogen haben, wird den Namen Julius Feust für alle Zeiten in bleibender dankbarer Erinnerung behalten. Feust gehörte der konservativen Richtung an. Interessant ist, daß derselbe eine der ersten Münchener Advokatenkanzleien 25 Jahre lang führte, ohne an Sabbaten und jüdischen Feiertagen je eine Silbe geschrieben zu haben. Rave anima candicla! Der Heimgegangene war Jahre lang ein treuer Freund und Mitarbeiter unseres Blattes, das ihm eine Reihe sehr wertvoller Aufsätze und Korrespondenzen verdankt. Wir lverden sein Andenken stets in Ehren halten. Die Red Karlsruhe, 19. Juli. Der achtzehnte Jahresbericht des Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtnm Baden spricht zunächst über die unter dem Vorsitz des Bezirksrabbiners Dr. Mayer von Bühl abgehaltene achte ordentliche Generalversammlung in Baden am 2. Juli 1905. Der vom Vorsitzenden des Vorstandes erstattete Rechenschaftsbericht wttrde gutgeheißen und die seitherigen Mitglieder des Vorstands auf vier Jahre wiedergewählt. Bei der Beratung wegen Sammlung eines Grundstockkapitals zur Erbauung eines Waisenhauses berichteten die Vorstandsmitglieder Bezirksrabbiner Dr. Doctor und Louis Marx über die Vorteile und Nachteile der Kindererziehung in Familienbezw. Waisenhäusern. An der Debatte hierüber beteiligten sich die Herren Stadtrabbiner Dr. Appel, Bezirksrabbiner Dr. Lötvenstein, Vorsteher Maier von Baden, die Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß, Dr. Nawicz und Dr. Spitz. Nach eingehender Beratung, bei welcher die Ansicht, daß man kein Waisenhaus erbauen soll, stark hervortrat, wurde der Beschluß gefaßt, die Mitglieder der Bezirksbezw. Ortsausschüsse über ihre Ansichten wegen Erbauung eines Waisenhauses zu befragen und in einer außerordentlichen Ceneralversammlung darüber zu beschließet:. Der Bericht zeigt abermals ein Bild gedeihlicher Weiterentwicklung. Im Laufe des vergangenen Jahres konnten acht Kinder aus der Fürsorge entlassen und 18 neu ausgenommen werden. Unter den entlassenen Kindern befinden sich vier Mädchen und vier Knaben, hiervon haben drei Mädchen das Nähen erlernt, ein Mädchen kam in das Mädchenstift nach Frankfurt a. M., ein Knabe widmet sich dem Kaufmannsstande, ein Knabe hat seine Lehrzeit als Schlosser beendet, ein Knabe ist ausgewandert, ein Knabe wurde wegen gebesserter Verhältnisse seiner Eltern entlassen. Von den in Fürsorge verbliebenen Kindern find zehn in Pflege bei geeigneten Familien, drei Knaben erlernen Handwerke mit Unterstützung „der Vereine zur Förderung des Handwerks und der kechnischen Berufsarten unter den Israeliten des Großherzogtums Baden" in Mannheim (zwei) und Karlsruhe (einer, untergebracht in Ahlem), ein Knabe ist Seminarist im Landesstift in Karlsruhe und ein Knabe ist im Vorseminar in Tauberbischofsheim; die übrigen sind unter Gewährung von Erziehungsbeiträgen bei ihren Eltern, Müttern bezw. Verwandten verblieben. Der Vorstand besteht aus den Herren: Stadtrat Louis Marx, Vorsitzender, Synagogenrat Emil Marx, Rechner, Stadtrat N. Katz, Schriftführer, Ludwig Groß-Bruchsal, Shnagogenrat G. Straus, Synagogeurat I. Kusel, Medizinalrat, Stadtrabbiner Dr. M. Appel-Karlsruhe, Bezirksältester B. Herzberger-Bretten, Rabbiner Dr. A. Lewin-Freiburg, Rabbiner Dr. L. Löwenstein-Mosbach, Rabbiner Dr. B. Maier- Bühl, Rabbiner Dr. Pinkuß-Heidelberg, Rabbiner Dr. M. Rawicz- Offenburg, Rabbiner Dr. I. Spitz-Gailingeu. Ehrenmitglied des Vereins ist Rabbiner Dr. Escbelbacher in Berlin. i. Mannheim, 17. Juli. Die Berichte über den Mainzer Prozeß haben in Süddeutschland allgemeines Aufsehen und ebensolche Entrüstung erregt. Der badische Oberrat bedarf keiner gerichtlich bescheinigten Objektivität — aber jeder, der diese Behörde und ihre Führer kennt uub weiß, wie sehr diese bemüht sind, Licht lind Schatten gleich zu verteilen, hat sich doch über dieses Urteil gefreut. Es war auch dringend notwendig, daß einmal in die Schlupfwinkel der süddeutschen Orthodoxie hineingeleuchtet wurde, die schon vor dem . Prozeß das Zentrum im badischen Landtage gegen dett Oberrat scharfmachen und die bezügliche Debatte im Strafprozeß benutzen wollte. Aber die Zentrumsführer, die an sich wohl geneigt gewesen umreit, für die „vergewaltigte" Orthodoxie einzutreten, fanden das ihnen unterbreitete Material weniger als ungenügend und schwiegen. So ist der Etat des Oberrats beinahe einstimmig — sogar mit