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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-27 · Heft 30 (27.7.1906) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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—— 2 -- s. Berlin, 20. Juli. Am 19. d. M. starb hier nach schwerem Leiden der praktische Arzt Dr. Georg Auerbach, der sich unter seinen Berliner Kollegen eines hohen Ansehens erfreute. Er war der Sohn einerangesehenen Kaufmannsfamilie; seinen medizinischen Studien hatte er in Berlin und Leipzig obgelegen. Seit 1890 war er Arzt. Nach einer weiteren Ausbildung im Krankenhaus am Friedrichshain und in der Nervenpoliklinik von Professor Mendel liest er sich im Norden Berlins als Arzt nieder, wo er spater bis zu seiner Erkrankung auch die Stelle des Armenarztes bekleidete. Als Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Bewegung für freie Arztwahl einsetzte, war er einer der lebhaftesten Vorkämpfer, als welcher er auch viele Jahre hem Vorstande des Vereins zur Einführung freier Arztwahl angehörte. Frühzeitig erkannte er insbesondere die aus den sogenannten Sanitätsvereinen den Aerzten und dem Publikum erwachsenden Schädigungen. w. Wrescherr, 16. Juli. Eine seltene Feier fand am vergangenen Sonnabend in der hiesigen Synagogengemeinde statt. Der Kultusbeamte Herr G. I. CZechanowicz beging seinen 70. Geburtstag. Anläßlich des Jubeltages hatte es die Gemeinde an Aufmerksamkeiten nicht fehlen lassen. Außer einem ansehnlichen Geschenk wurden dem Jubilare. noch mancherlei Ueberraschungen zuteil. Auch die christlichen Mitbürger waren Zeugen des schönen Festes. Man konnte recht deutlich die Liebe und Achtung gegen den Jubilar wahrnehmen Ein Sohn des Gefeierten, Schüler des berühmten Musiklehrers Juan Luria in Berlin, hatte zu Ehren seines Vaters den Gottesdienst im Tempel geleitet. Freunde und Gönner füllten das Beihaus, alle waren erfreut über die Tüchtigkeit des viel versprechenden Künstlers. e. Beutherr <O.-Schl.), 18. Juli. Einen schweren, ja unersetzlichen Verlust hat unsere Gemeinde und mit ihr das ganze Judentum erlitten. Am 15. d. ist in Kudowa, wohin er sich zur Kur begeben hatte, der Amtsgerichtsrat Eduard Levy im Alter von 69 Jahren gestorben. Seit' dem Jahre 1879 hat derselbe unserer Gemeindeverwaltung zunächst als Mitglied des Repräsentanten-Kollegiums und seit 1882 als Vorsteher angehört. Am 1. Mai 1892 wurde ihm das höchste Ehrenamt der Gemeinde, das Amt des Vorstands-Vorsitzenden, übertragen, welches er bis zu seinem Ableben ununterbrochen bekleidet hat. Mit hervorragender Pflichttreue, unermüdlichem Eifer und selbstloser Hillgabe an sein Amt hat der Verstorbene gewirkt, zum Wohl und Segen der Gemeinde. Ausgestattet mit den herrlichsten und edelsten Eigenschaften, hat er allezeit ein inniges Verständnis für die sozialen und kulturellen Aufgaben der Gemeinde bewiesen und ihre bewährten Institutionen gefördert. Aber nicht nur für unsere Gemeinde, sondern für die ganze deutsche Judenheit hat er mit dem gleichen Eifer und derselben Hingabe gewirkt, so für den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, für den Shnagogen- Gemeindeverband des Regierungsbezirks Oppeln, sür den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und zahlreiche andere Institutionen. Nichts, was auf dem Gebiete des Judentums geschah, war ihm fremd oder ließ ihn kalt. An allem nahm er den wärmsten Anteil, das regste Interesse. Sein Hinscheiden reißt eine Lücke, die so leicht nicht auszufüllen sein wird. Er war ein Mann von hervorragender Herzensgute, von edelster Menschenliebe erfüllt, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Der Verstorbene war der erste Kreisrichter jüdischen Glaubens im Königreich Preußen aus Grund des Gesetzes vom 8. Juli 1869. Seit dem 1. August 1869 war er Kreisrichter, seit 1. Oktober 1879 bis zu seinem Tode Amtsrichter beim hiesigen Amtsgericht. In Eduard Levy, dem Sohne eines frommen Rabbiners zu Rosenberg in Schlesien, der in feiner Jugend selbst dem Rabbinerberuf sich widmen wollte und mehrere Jahre hindurch das Breslauer Seminar besuchte, hatten sich Judentum und Deutschtum zu einer innigen Harnlonie verschmolzen. So war er ein Muster und Vorbild für viele! Die irdische Hülle des teuren Toten wurde heute hier zur kühlen Erde gebettet, sein Geist aber wird fortleben in unserer Gemeinde und sein Andenken wird nicht erlöschen bei allen, die ihn je gekannt haben. i. Hamburg, 17. Juli. Zu einer Protestversammlung gegen die Greueltaten in Rußland hatte gestern ein Komitee angesehener Bürger und Politiker Hamburgs eingeladen. Eine Kopf an Kopf gedrängte Menge, ca. 2000 Personen, lauschte den geistvollen und überaus wirkungs- und eindrucksvollen Worten des Referenten Herrn Pfarrer Friedr. Naumann, der ein großzügiges Bild der russischen Freiheitsbewegung gab und in scharfen Worten die jeder Humanität und Kultur spottenden grausamen Metzeleien geißelte. Nicht gegen die Revolution, deren Berechtigung fast alle Blätter, selbst die konservativen, in Deutschland anerkennen, wollen wir protestieren, sondern gegen die Greueltaten derselben. Mit diesem Protest können wir uns nicht an die offizielle Regierung in Rußland wenden, auch nicht durch Vermittlung unserer Regierung, die manchmal — wie in Königsberg — russischer ist als Rußland. Wir wollen unseren Protest der Duma übermitteln, der unsere Sympathie gehört, und die wir als offizielle Vertretung Rußlands anerkennen. Nach einer längeren Diskussion, an welcher sich die Herren Dr. Petersen, Dr. Lippmann, Frau Steinbach und andere beteiligten, fand die folgende Resolution, die dem Präsidenten der russischen Duma telegraphisch übermittelt wurde, einstimmige Annahme: „Die Versammlung spricht ihr tiefes Mitgefühl mit den Opfern der Metzeleien in Rußland und ihre Empörung über die Urheber der unmenschlichen Grausamkeiten aus. Sie vertraut', daß es die Duma erreichen wird, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, damit neuen Untaten vorgebeugt werde, und sie ist von dem Wunsche beseelt, daß es den Mächten des Fortschritts und der Kultur gelingen möge, unserm großen östlichen Nachbarreich den Verfassungsstaat mit Sicherung der bürgerlichen Rechte und der religiösen Freiheit zu bringen, zum Segen Rußlands und als eine zuverlässige Bürgschaft friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zum Deutschen Reich." — Arolsen, im Juli. Der Oberlandesgerichtsrat von Richthofen, ein Sohn des verstorbenen Staatssekretärs, nominierter antisemitischer Reichstagskandldat für Waldeck-Phrmont, richtet an die hier erscheinende „Waldecksche Rundschau" folgende Zuschrift: „In der am Abend des 10. Juni in Korbach von mir abgehaltenen Wählerversammlung habe ich nicht, wie in Nr. 5775 Ihrer Zeitung behauptet wird, die Forderung ausgestellt, daß die Juden von allen öffentlichen Aemtern ausgeschlossen werden sollten. Vielmehr habe ich in Uebereinstimmung mit dem deutschsozialen Parteiprogramm lediglich die Ansicht ausgesprochen, daß die Juden von solchen Berufen, in denen ihre Eigenart für unsere Kultur schädlich ist, fernzuhalten seien. Als derartige Berufe habe ich den Richterstand, den Osfiziersstand, den Beruf eines Lehrers an Schulen, die von Kindern deutschen Stammes besucht werden, sowie die Mitgliedschaft in gesetzgebenden Körperschaften bezeichnet. Ferner habe ich mich dafür erklärt, daß die Zulassung der Juden zur Rechtsanwaltschaft nach dem Prozentsätze der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reiche beschränkt werde." Welche öffentlichen Aemter der Herr Oberlandesgerichtsrat für die Juden offen halten will, sagt er nicht. Vermutlich die Oberpräsidenten- und Ministerposten. Düsseldorf, im Juli. Der segensreich wirkende Verein zur Förderung der Handwerke und technischen Berufsarten unter den Juden, der seinen Sitz hier hat, versendet seinen Jahresbericht, dem wir Folgendes entnehmen: Unter der Fürsorge des Vereins standen im Geschäftsjahre 1905/06 im ganzen 38 Lehrlinge und.Fachschüler. Davon, waren 9 Lehrlinge im Laufe des Jahres ausgenommen, dagegen beendeten 6 ihre Lehrzeit und 4 die Fachschulzeit. Außerdem wurde ein Lehrling wegen Augenkrankheit, einer während der Probezeit entlassen und einer verließ die Lehre willkürlich mit Wissen der Eltern. Am 1. April 1906 blieb demnach ein Bestand von 25 Lehrlingen. Außer dem städtischen obligatorischen Fortbildungsunterricht und dem Zeichenunterricht am Sonntag vormittag in den städtischen Zeichenschnlen, wird den Lehrlingen in Düsseldorf zweimal wöchentlich Privatunterricht im Lehrlingsheim erteilt durch den Lehrer Herrn Longerich. Der Verein darf mit Befriedigung auf die Erfolge seiner jetzt sechsundzwanzigjährigen Tätigkeit zurücksehen; hat er doch in dieser Zeit einer stattlichen Zahl armer jüdischer Kinder zu einer guten Ausbildung und besseren Lebensstellung verholfen. Die Einnahmen betrugen im Berichtsjahre 12389 Mark, die Ausgaben 9603 Mark. Der Vorstand besteht aus den Herren: Gustav Herzfeld, Vorsitzender, Rechtsanwalt Dr. H. Levison, stellvertretender Vorsitzender, Josef Levison, Schriftführer. Den Ausschuß bilden folgende Herren: Dr. B. Auerbach, Köln, Rabbiner Dr. Auerbach, Elberfeld, Rechtsanwalt Ludw. Cahen, Köln, F. Drucker, Köln, B. Feilchenfeld. A. Freundlich, Düsseldorf, Jae. Gott-

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