Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-27 · Heft 30 (27.7.1906) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228721--62799-3289971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 4 __—: größerer Stimmenzahl als die Etats der christlichen Kirchenbehörden — von der Kammer angenommen worden. Diese Tatsache und das Urteil des Mainzer Prozesses werden für alle vernünftig Denkenden völlig ausreichen. Gesterretch-Angarn. Wien, 21. Juli. Also Herr Lueger soll der kommende Mann in Oesterreich sein. Antisemitische Blätter verkünden es allgemein, daß er als der künftige Ministerpräsident gelte! Natürlich ist er gar kein Antisemit, sondern nur der Retter des Mittelstandes. Er ist auch kein Klerikaler, sondern nur ein geschickter Politiker, der mit allen Parteien umzugehen versteht. Endlich gilt er als Vertrauensmann des Thronfolgers, ist aber auch dem regierenden Kaiser durchaus sympathisch. Das Letztere ist gewiß eine Lüge — wollte Gott, daß die ganze Konjunktur erlogen wäre. Armes Oesterreich! — Wie die „Wiener Zeitung" meldet, hat der Kaiser den: mit dem Titel eines Regierungsrates bekleideten Oberpolizeirate der Wiener Polizeidirektion Bernhard Frankl anläßlich der erbetenen Nebernahme in den dauernden Ruhestand den Titel und Charakter eines Hofrats mit Nachsicht der Taxe verliehen. Frankl ist schon seit längerer Zeit leidend. Mit Rücksicht auf seinen schwer angegriffenen Gesundheitszustand verließ er den aktiven polizeilichen Dienst, in dem er jahrzehntelang tüchtig gewirkt und hervorragende Stellungen bekleidet hat. Viel genannt wurde er insbesondere in den Jahren 1883 und 1884, da er Chef der Staatspolizei war und als solcher die um jene Zeit erwachten extremen Agitationen in der Arbeiterschaft, die zu den bekannten anarchistischen Attentaten führten, zu überwachen und einzudämmen hatte. Es war jene Zeit, da der Polizeikommissar Hlubek in Floridsdorf und der Polizeiagent Plöch von Anarchisten ermordet wurden. Im Januar 1884 erfolgte dann das fürchterliche Mord- und Raubattentat auf die Familie Eifert, dessen Urheber die Anarchisten Stellmacher und Kämmerer waren. In diese kritische Zeit fiel die Haupttätigkeit Frankls. Er wurde damals von sozialistischer Seite im Parlament und in Versammlungen überaus scharf angegriffen. Der Vorwurf, der ihm von sozialistischer Seite gemacht worden war, daß er der Agent provocateur in all diesen Affären gewesen sei. wurde nicht nur von Frankl selbst, sondern auch von den maßgebenden Stellen, die auf seine organisatorischen Fähigkeiten großen Wert legten und ihn in seiner Stellung nicht missen wollten, mit großer Entschiedenheit zurückgewiesen. Die leidenschaftlichen Angriffe gegen ihn hörten aber nicht auf. Frankl kam später aus dem bewegten Departement der Staatspolizei in die ruhigen Bureaus des Meldungsamts, wo er seither als dessen Chef fungierte. Unter seiner Leitung machte dieses Amt manchen Wandel durch, durch den es immer mehr in einer den Bedürfnissen des Publikums entsprechenden Weise ausgestaltet wurde. Hofrat Frankl hat eine mehr als 35jährige Dienstzeit absolviert. Was sagen Ihre Berliner Antisemiten zu dieser Karriere eines jüdischen Polizeirats? — Infolge des Abganges des bisherigen Rabbiners gelangt das Rabbinat in der israelitischen Kultusgemeinde Pilsen zur Neubesetzung und wird der Kultnsvorstand zu diesem Zwecke demnächst die nötigen Schritte einleiten. Von einer öffentlichen Konkursausschreibung wird dem Vernehmen nach Umgang genommen werden. Vun Sah und lfrrn. — Der Verein „Esra" hat dem Lehrerseminar des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" zu Jerusalem 600 Mark überwiesen, die zu Stipendienzwecken verwendet werden sollen. — Der Direktor der Deutschen Bank, Paul Mankiewitz, hat das Ritterkreuz I. Klasse des Sachsen-Ernestinischen Hausordens, die Kaufleute Felix Friedländer und Hermann Herz haben das Offizierkreuz des bulgarischen Zivilverdienstordens erhalten. — In der Jrrenanstaltin Lichtenrade verstarb der aus der Berliner antisemitischen Bewegung bekannte frühere Gastwirt Emil Bodeck, der Begründer mehrerer „deutscher Wirtshäuser", zu denen Juden der Zutritt versagt war. Bodeck war einer der schlimmsten Agitatoren für die antisemitische Sache. — Ter „Verein zur Fürsorge für israelitische Waisen in Bamberg" hat angesichts der traurigen Vorgänge in Rußland und der großen Anzahl der durch die Pogrome verwaisten Kinder dem „Hilssverein der Deutschen Juden" für fünf Jahre eine Summe von jährlich 500 Mark zur Verfügung gestellt, um zwei russischen Waisenmädchen eine sorgfältige Erziehung und Ausbildung in Deutschland zu ermöglichen. — Bereits im vorigen Jahre bei Gelegenheit der Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals Hierselbst hatte Herr Felix Frankel in Görlitz zum Andenken an seinen hier verstorbenen Vater, den Kommerzienrat und Stadtrat Abraham Fränkel, seiner Vaterstadt Neustadt zum Besten der Insassen des hiesigen Mänuerhospitals den Betrag von 10 000 Mk. geschenkweise überwiesen und dabei ^en Wunsch geäußert, daß das Männerhospital in das der Stadt gehörige Haus Nr. 127 auf der Langen Straße, zu welchem ein schöner Garten gehört, verlegt werden möchte. Um die Erfüllung dieses Wunsches zu ermöglichen, hat der Spender für den genannten Zweck jetzt noch 20 000 Mark gestiftet. — In Neustadt O.-S. wurde der Kommerzienrat Fabrikbesitzer Jo sef P inkus, der vor einigen Tagen mit feiner Gemahlin, geb. Fränkel, das Fest der goldenen Hochzeit beging, wegen hervorragender Verdienste um die städtischen Interessen zum Ehrenbürger ernannt. Der Jubilar hat in Gemeinschaft mit den Kommerzienräten Albert und Emanuel Fränkel 200 000 Mark zur Errichtung einer öffentlichen Volksbadeanstalt gestiftet. — In Breslau ist am 19. d. M. der Jnstizrat und Notar Hugo Callomon im 54. Lebensjahre gestorben. Derselbe gehörte dem Repräsentantenkolleginm und dem Vorstand vieler gemeinnütziger Vereine als Mitglied an. Ehre seinem Andenken! — Aus Erlangen wird uns berichtet: Professor I. Rosenthal wurde zu seinem 70. Geburtstag zum Dank für seine Verdienste um die Stadt zum Ehrenbürger von Erlangen ernannt. — Das Rabbinat in Ulm ist, wie der „Staatsanzeiger" mitteilt, Rabbiner Straßburger in Göppingen übertragen worden. — Ter österreichische Gelehrte Dr. Emil Spira wurde zum außerordentlichen Professor für deutsches Strafrecht an der Universität Genf gewählt; er steht im 40. Lebensjahre. — Das fr a n z ö si s ch e „Amtsblatt" veröffentlicht die Erennung des Majors Dreysus zum Ritter der Ehrenlegion mit der kurzen Begründung: „Dreißig Jahre Dienst". — Der „Petit Parisien" berichtet: Die hauptbeteiligten Personen, die sich mit der Rehabilitierung Dreysus beschäftigen, beschlossen, in Rennes ein Bankett zu veranstalten und zwar in demselben Saale, in welchem 1899 das Kriegsgericht getagt hat. — Der verstorbene Senator Montesiore- Levi hat 200 000 Francs für jüdische Stiftungen in Brüssel und Lüttich vermacht. — Die Bibliothek des verstorbenen Philanthropen F. D. Mocatta ging in diesen Tagen mit den dasür durch öffentliche Beisteuern gesammelten Unterhaltungsgeldern in die Obhut des Londoner University College über. Diese Sammlung, bestehend aus seltenen Büchern, Handschriften und sonstigen Seltenheiten zur Erläuterung der jüdischen Geschichte, war im Laufe langer Jahre von Mocatta mit großem Kostenaufwand zusammengestellt worden. Durch letztwillige Verfügung überließ der Besitzer dann seine Schätze der Jüdisch-Historischen Gesellschaft. Die Uebergabe an das Universily College, das in Gower Street, nur wenige Minuten vom Britischen Museum gelegen ist, hat wohl den Zweck, diese Sonderbiblivthek Gelehrten und Studierenden leichter zugänglich zu rnachen. — Major Evans Gordon hat den Unterstaalssekretär sür die englischen Kolonien interpelliert, ob in Anbetracht der neuesten Verfolgungen gegen die Juden in Rußland irgend welche Mittel versucht worden seien, den Kolonisationsplan der Jto auszuführen. Mr. Churchill, der Uuterstaatssekretär, antwortete, daß die Jto zwar auch gegenwärtig mit der Regierung deswegen unterhandle, ein praktischer Vorschlag der Regierung aber vorläufig nicht gemacht sei. — In London ist am 16. d. M. Alfred Beit, einer der Hauptbegründer und maßgebensten Persönlichkeiten der südafrikanischen Minenindnstrie. im Alter von wenig über 50 Jahren gestorben. Der Verstorbene stammt aus einer unbemittelten Hamburger Familie. Die Mutter war Jüdin. Ob er selbst Jude geblieben, ist nicht bekannt. — Wie es heißt, hat die letzte Reise des französischen Botschafters nach Peterhof große Bedeutung gehabt. In seiner Unterre.dung mit dem Zaren sei auch der Pogrom von Bialystok zur Sprache gekomrnen. — Vor kurzenl soll ein Teil der Offiziere der Wilnaer Garnison in einer Versammlung beschlossen haben, mit allen Kräften den Ausbruch eines Pogroms zu verhüten, und wenn dennoch eine Judenhetze ausbreche, sie energisch zu unterdrücken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.