Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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K -- 360 - Dich frei zu machen! Als die wilde Bande zu uns kam, um anzufragen, vb Du denn wahrhaftig bei uns übernachtet hättest, da fiel mir Deine Erzählung van gestern abend ein lind mein erster Gedanke war: Ha! da halst du dir einmal die Schlingel hervor, die den Inden gestern so geplagt haben. Es war nicht schwer, die Rangen zu erwischen, die prahlend ihre Missetat schon überall erzählt hatten. Nach Anwendung meiner ganzen List gestanden sie mir denn auch, sie hätten die kleine Ausreißerin am Wege verloren, aber nicht den Mut gehabt, ihre unverzeihliche Nachlässigkeit einzugestchen. Als dann noch obendrein die Kleine auf Kinderart, unzusammenhängend und erst allmählich, selbst erzählte, wie sie im eiligen Laufe, um den großen Kindern nachzukommen, in den Graben gestürzt, dann in Angst vor dem heraufziehenden Unwetter in eine nahe liegende Steinklopferhütte gekrocheil, nnd nachdem sie sich da drinnen gehörig ausgeheült, endlich eingeschlafen lvar, da lag Deine Unschuld klar am Tage. Ich versäumte keine Minute, um Dir die Freudenbotschaft zu überbringen, und weißt Dri, die Sonntagspredigt in der Kirche, die hält heute unser hochwürdigster Herr Abt selbst, und der wird den Leuten schon begreiflich machen, daß in dem Teile des Heiligen Buches, aus dem Christen und Juden gemeinsam Trost nnd Erbauung finden, kein Wörtchen geschrieben steht, das Deine Feinde zu solch' schmählichem Verdachte berechtigen könnte, nnd Liebe versprach unser hochwürdigster Herr Abt zu predigen, Liebe unter allen Menschen." — Der Mönch fühlte plötzlich, wie sich Eliels Arm aus dem seinen, ihm liebevoll zur Stütze gereichten, löste und der Greis, von Schwäche überwältigt, zu Boden sank. Erschrocken und voll tiefen Mitleids setzte sich der Klosterbruder zu ihm aus die Erde, bettete des Juden Haupt an seine Brust und flößte ihm von dem schweren Klosterwein, den er extra zu diesem Zwecke mitgenommen, zwischen die Lippen. So saßen sie wohl eine Stunde lang und länger auf der sonntäglich einsamen Straße, während des Ortes Bewohner in der Kirche versammelt waren und dem Evangelium der Liebe lauschten. Mit jähem Ruck fuhr Eliel aus der behaglichen Rast empor. Der König der Wichtelmännchen wartete ja auf seine Krone! Er raffte seine ganze Kraft zusammen, um die notwendige Wanderung antreten zu können. Der Klosterbruder, seine von der unbequemen Lage, in der er sich solange befand, eingeschlafenen Glieder reibend und dazu die intimsten Grimassen schneidend, erschöpfte seine ganze Beredsamkeit, um Eliel zu bewegen, doch im Kloster einzukehren, wo er sich nach all den Aufregungen gründlich stärken und erholen sollte, aber Eliel wies seine inständigen Bitten mit sichtbarer Angst zurück. Bewegten Herzens dankte er für die ihm zuteil gewordene unendliche Güte und schlug die Straße zu seinen Lieben ein. Der betrübte Mönch konnte Eliels Wunsch, so bald als möglich heim zu gelangen, wohl verstehen und drängte nicht weiter in ihn. Er versicherte Eliel nochmal für alle Zeiten seines Beistandes und stieg dann den Berg zum Kloster hinan. Eliel sah ihm dankerfüllten Herzens nach, bis der gute Mensch hinter den Bäumen verschwunden war. Dann verließ er die eingeschlagene Richtung und eilte dem Walde zu. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es war gewiß bald Mittag und noch immer hatten die Wichtelmännchen die Krone ihres Königs nicht erhalten. Mußten es sich die Menschen nicht selbst zuschreiben, wenn ihnen von nun an Reichtum und Glück nicht mehr in den Schoß fielen, da sie Eliel durch ihre Lieblosigkeit aufgehalten, das Krönlein rechtzeitig zu überbringen? Aber wegen dieser Paar Unverständigen, die Eliel heute so elend machten, sollte wegen dieser Wenigen die ganze Menschheit büßen? Und Eliel marschierte und marschierte, daß ihm das Herz zu springen drohte. In den Ohren hörte er ein Sausen, vor den Augen tanzten ihm schwarze Punkte, wenn er sich nur einen Augenblick ausrasten könnte, um wieder neue Kräfte zu sammeln! Aber die Zeit drängte, beim ersten Glockenschlage mußte der König sein Krönlein in Händen haben. Und der Waldweg wollte kein Ende nehmen. Durch die Wipfel der Bäume sandte die Sonne ihre unbarmherzigsten Strahlen auf seinen Scheitel hernieder, er riß im Vorbeigehen ganze Büschel von Laub ab, um sich Kühlung zufächeln zu können, die Zunge dünkte ihm im weitgeöffneten Munde zu verdorren, sein Atem stockte und sein Herz hämmerte in schweren langsamen Schlägen gegen die Brust. Um keinen einzigen Augenblick zu verlieren, nahm er im Vorwärtsschreiten das Krönlein aus der Schachtel und hielt es krampfhaft in der Faust fest, damit es ihm nicht entglitte. Feucht klebte es ihm in der Hand, er blies sich in die Hand, damit es nicht beschädigt würde. Ein Baumzweig schlug ihm ins Gesicht, daß ihm die Tränen aus den Augen traten, er nahm sich keine Zeit, die sortzuwischen, fast blind lief er weiter und weiter, — dort wurde schon die mächtige Eiche, die des kleinen Königs Palast barg, sichtbar, nur noch fünfzig Schritte Kraft! — Da sank er zusammen. — Ein qualvoller Schmerz ließ ihn die Hand zum Herzen führen, kraftlos fiel sie wieder herab. Um ihn herum summte und surrte es, Bienen und Schmetterlinge flogen von Blume zu Blume, die in der glühenden Sonne betäubenden Duft ausströmten, sonst weit und breit kein Laut, Sonntagsstille allüberall. Leisen Klanges trug jetzt ein Luftzug die ersten Töne der Mittagsglocken herüber, immer mächtiger schwoll das Geläute zu vollen Akkorden an, da sank Eliels Haupt schwer gegen einen Baumstamm, verglasten Blickes starrten seine halb geöffneten Augen nach Osten und aus den zusammengekrampften Fingern des toten Mannes löste sich das Krönlein und kollerte in das Moos. — Von den Wichtelmännchen des Harzes hat niemand mehr vernommen. Litrrsrilchr Mitteilungen. -- Der Siddur Verlag S. Lehrberger & Co. in Rödelheim, liegt jetzt in 8. Auflage vor. Dieselbe ist aber kein unveränderter Abdruck einer früheren Ausgabe, sondern in das Gewand einer vollständig neuen Uebersetzung, die von dem Prediger Dr. Bleichrode besorgt wurde, gekleidet. Der Uebersetzer hat besondere Sorgfalt auf die Leichtigkeit und Gefälligkeit der Sprache verwendet. Der Siddur soll eben kein Hilfsmittel für eine schulgemäße Uebersetzung, sondern eine dem hebräischen Texte nachempfundene und seiner Formenschönheit ebenbürtige Wiedergabe der Gebete sein. Außer diesem Vorzug freier und flüssiger Form der deutschen Uebersetzung besitzt der Siddur noch große Reichhaltigkeit des Inhalts. Er ist besonders durch Aufnahme der Semiroth für Freitagabend nnd der Gebete für Kinder bereichert worden. Der Gebrauch des Gebetbuches wird durch ein ihm beigegebenes Inhaltsverzeichnis und eine bequem orientierende Anordnung wesentlich erleichtert. Von den metrischen Stücken ist das religionsphilosophische Lied „Jigdal" bemerkenswert, dessen Uebertragung, von Fräulein Auguste Bleichrode herrührend, eine nicht gewöhnliche poetische Begabung verrät. So wird dieses Gebetbuch, dem von dein Verlag ein schön ausgestatteter Einband verliehen wurde, sich zu den alten auch manche neue Freunde erwerben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.