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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-27 · Heft 30 (27.7.1906) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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359 Vor dem Hause wurden aufgeregte Stimmen laut. Scheltend^ schreiend und wehklagend kam es über die Treppe herauf, erschrocken wandte sich die Greisin zur Tür, da öffnete sich diese schon und herein stürzten, in der Eile nur notdürftig bekleidet, ihre Söhne mit ihren Frauen und ihre Töchter mit ihren Männern, und Enkel und Urenkel drängten sich in wilder Hast durch den schmalen Eingang, ihnen nach einige Gerichtsbeamte mit drohender Gebärde und an Ortsbewohnern so viele sich in so früher Morgenstunde nur auf den Beinen befanden. Eine junge Frau weinte und zeterte: „Mein Kind ist fort! Die Juden haben mir mein Kind geschlachtet!" — „Her mit dem Kinde!" fuhr einer der Gerichtsbeamten mit Donnerstimme die Juden an. „Ihr habt das Christenkind zu Euren! Feiertage geopfert, das sollt Ihr büßen! Das ganze Haus mit Euch allen darinnen wird in Brand gesteckt, wenn Ihr das Kind nicht zur Stelle schafft! Und wo ist der alte Jude, der Eliel? Der hat sich gewiß davon gemacht mit dem Kinde!" Und jedes Hindernis brutal aus dem Wege stoßend, stürmten sie durch das ganze Haus und überboten sich an schrecklichen Verwünschungen Eliels und seines ganzen Stammes. Was halfen den Geängsteten da alle Tränen und Beteuerungen ihrer Unschuld? Ihre Schwüre wurden in dem Geschrei der Menge erstickt, und noch immer neue Feinde kamen, durch den wüsten Lärm angelockt, hinzu und dnrchstöberten jeden Winkel des armseligen Häuschens. „Aus Rache, weil ihn die Kinder hänselten, hat der Jude mein süßes flachsblondes Kindchen gemordet!" jammerte trostlos die Mutter des verloren gegangenen kleinen Mädchens und suchte verzweiflungsvoll nach einer Blutspur, die sie wenigstens zur Leiche ihres Lieblings führen könnte. Als man Eliel nun doch nirgends fand, rasten die Leute unter den fürchterlichsten Androhungen wieder davon, der Richtung zu, aus welcher er nach Aussage seiner Angehörigen angeblich Herkommen sollte. Sie versperrten vorher aber noch das Haus, damit niemand entfliehen könne und nur ein geringer Teil der Empörten blieb wie zur Wache vor dem Hause stehen und schalt johlend und kreischend zu den Fenstern hinauf. Gelähmt vor Entsetzen starrte sich die kleine Gemeinde aus hohlen Augen an. Wenn das Kind nicht aufgefunden werden konnte, dann würde man sie lebendig hier im Hause verbrennen, das war sicher, sie zweifelten keinen Augenblick an der Verwirklichung dieser grausamen Drohung. Und laut wehklagend warfen sie sich zu Boden, zerrauften sich ihr Haar und streuten sich Asche aufs Haupt und weithin schallte die Straße von dem Jammer der Unglücklichen. * * * Die Sonntagsmorgenglocken läuteten Frieden ein, aber durch das liebliche Oertchen wälzte sich haßerfüllten Blickes eine tobende Schar fluchender, rachedürstiger Menschen. Der Jude mußte gefunden werden und wehe dann ihm nnd den Seinen für das vergoffene Christenblut! Ein Wolkenschatten breitete sich über die anmutige Landschaft, und wie die Sonne wieder siegreich die Oberherrschaft gewann, trat Eliel plötzlich aus dem Walde heraus. Auf seinem linken Arme saß ihm ein kleines schlafendes Mägdlein, das flachsblonde Köpfchen vertrauensvoll an seine Schulter gelehnt, mit der rechten Hand stützte er sich auf einen kräftigen Knotenstock, den ihm die Klosterbrüder heute morgen zum Abschied geschenkt hatten. „Da ist der Jude!" scholl es wie aus einem Munde über die Landstraße herüber, und unaufhaltsam über Stock und Stein dahinstürmend, liefen ihm die rasenden Menschen entgegen. Halb wahnsinnig von der ausgestandenen Angst riß ihm die junge Mutter das Kind vom Arme, preßte es jauchzend an sich, daß die so jäh aus süßem Schlaf gerissene Kleine in lautes Weinen ausbrach. Voll allen Seiteil fühlte sich Eliel gezerrt und gestoßen. Püffe und Schimpfworte hagelten auf ihn nieder, daß er kaum wllßte, wie ihm geschah. Erst allmählich dämmerte ihm eine Ahnung auf, was man ihm zugetraut hatte und obwohl bebend an allen Gliedern, suchte er ihnen ruhig und würdevoll begreiflich zu machen, daß seine Religion überhaupt keine Menschenopfer verlange. Das Kindlein aber hier, das habe er soeben in einem Graben schlafend aufgefundeil und sei gerade darüber gewesen, es zu seinen Eltern zu bringen. Höhnisches Gelächter und erneute Wutausbrüche waren alles, was er mit seiner Verteidigung erzielte, und als er gar noch hinzuzufügen wagte, er habe die Nacht im Kloster verbracht, erreichte die Enlpörung über solche unmöglichen Lügen ihren Höhepunkt. Nur mit Mühe gelang es den Gerichtsbeamten, Eliel vor Mißhandlungen und Steinwürfen zu schützen und lebend bis in das Gefängnis zu bringen, die Menschen hätten ihn am liebsten ans der Stelle gelyncht. Sie folgten Eliel durch den ganzen Ort bis vor das Rathaus und selbst als Eliel bereits darin verschwunden war, dauerte es noch lange Zeit, bis sich das tobende Volk allmählich verlief. Eliels Kraft war zu Ende. In dein nur durch eine schmale Schießscharte in der Mauer erhellten finsteren Gelasse hatte er es nur an der plötzlich eingetretenen Stille erkannt, daß er sich endlich allein befand. In dem dunkeln Raume war er nicht imstande, einen Sitz zu entdecken, auf den er sich hätte niederlassen können, so ließ er sich denn kraftlos zu Boden niederfallen und fühlte da mit seinen Händen auf feuchten Stein. Regungslos blieb er liegen. Ein solches Ende hatte er immer geahnt, es war bei dem zurzeit herrschenden Judenhasse nicht anders vorauszusehen. Nun würde er verbrannt werden, wie es schon so vielen vor ihm geschah, wer sollte ihm helfen und den wahren Sachverhalt aufklären? Und sein Weib und seine Kinder und Enkel und Urenkel kamen ihm in den Sinn und er lebte jedes einzelnen Angst vor dem Fenertode schaudernd durch. Krampfhaft ballte er in ohnmächtigem Schmerze seine Hände in den Taschen und stöhnte: „Nur meinen Kindern Trost und Ergebung!" Da spürte er das Kügelchen, das ihm der König der Wichtelmännchen gestern gegeben, zwischen den Fingern, und als ihm kaum zu Bewußtsein gekommen war, was er da ergriffen, fühlte er das Kügelchen in Staub zerfallen nnd soviel er auch suchte und in seinen Taschen nachgrub, es war nichts mehr davon zu finden. Aber im „Jndenhause", umgeben von den trostlosen Anverwandten, saß in demselben Augenblicke Eliels schöne Enkelin, schlug ein hebräisches Buch auf, strich sich das aschenbestaubte, zerraufte, rabenschwarze Haar aus den Augen und las mit verschleierter Stimme daraus vor: „Den Juden aber war ein Licht, und Freude, und Wonne, und Ehre gekommen. Und in allen Ländern und Städten, an welchen Ort des Königs Wort nnd Gebot gelangte, da ward Freude und Wonne unter den Juden, Wohlleben und gute Tage." Da war ihre Angst wie verflogen, neues Hoffen zog in ihre Seelen ein und sie fühlten, daß die Rettung nahe sei. Die Kerkertüre knarrte in den Angeln und Eliel, dessen Augen bereits an die Dunkelheit gewöhnt waren, sah zu seiner Freude den Bruder Pförtner vom Kloster bei sich eintreten. „Du bist gerettet, armer, alter Eliel," sprach er glückselig, als er ihn, von der Wache ungehindert, inS Freie geleitete, „aber lange genug hat es gedauert, bis es uns möglich wurde.

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