Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 357 (sequence 9)
- Language
- German
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357 Linie sin d wir Amerikaner und Engländer, und unserer Pflicht gegen das Vaterland gebührt der oberste Platz. Unsere Absicht war lind ist, das Gewissen der Rationell aufzurütteln und sie an ihre Humanitären Pflichten zu mahnen. Die verschiedenen Nationen der Welt sind einander heute so nahe gerückt durch imperialistische Bedingungen und durch die Schnelligkeit der Verbindung, daß keine Nation einen Teil ihrer Bevölkerung mißhandeln, unterdrücken oder ausbeuten kann, ohne die übrigen zivilisierten Nationen aufs Gröbste zu verletzen. In diesem Sinne habe ich mich auch an die Regierung in Washington gewendet, nicht im jüdischen, sondern im allgemein menschlichen Interesse, und habe ihr erklärt, daß die Mißhandlung und Vertreibung der Juden nach unseren Ländern die Neuiralitätsverletzung seitens eines Landes bedeute, zu dem wir in den freundschaftlichsten Beziehungen standen. In diesem Sinne hat unsere Regierung gehandelt, und wenn dieser Ruf nach denr fernen Amerika drang, wie bald müßte er dann in England gehört werden, das Rußland weit näher liegt! Wir müssen das Problem gemeinsam lösen, denn wenn in bezug auf die Kolonisation eine Partei öffentlich gegen die andere wüten würde, so würden wir die Macht, die wir besitzen, selbst zerstören. Laßt uns daher gemeinsam über die vorhandenen Schwierigkeiten beraten. Wir werden zweifellos eine Einigung erzielen, lind wenn wir erst so weit sind, so wollen wir uns einstinlmig lind einmütig der Regierung nähern. Anders können wir nicht reüssieren und würden es auch gar nicht verdienen. Ich weiß nicht, ob ich nicht zu offen gesprochen uild Sie in Ihren Gesühleu verletzt habe. Aber der Gegenstand ist von zu großer Wichtigkeit und zu ernst in seiner ganzen Tragweite, um über diese brennende Frage, welche das gesamte Judentuin der Welt betrifft, anders zu spreche»«, als man denkt. Wir müffen dieser Frage ehrlich ins Gesicht schaues. Wir dürfen nicht eingebildet sein und bei einer Meinung verharren, weil sie die unsrige ist. Lecky sagt, „iil der Politik muß man Vergleiche eingehen". Denn wo immer wir mit großen Massen zu tun haben, niüssen wir Kompromisse schließen, um einen gemeinsamen Boden zu erzielen. Wie notwendig ist dies erst in dem speziellen Falle! Ich llehme großen Anteil an dieser Frage, und ich weiß. Sie alle fühlen wie ich. Das einzige, was ich beklage und ivas wir alle in Amerika beklagen, ist, daß Zwietracht in Ihren Reihen herrscht, eine Zwietracht, die wir nicht recht begreifen können. Wenn die wenigen mangelhaften Worte, die ich heute hier gesprochen habe, nur irgendwie dazu beitragen, daß Sie diese Angelegenheit gemeinsam beraten und daß wir nichts mehr von diesen Zwistigkeiten vernehmen, dann können sie sicher darauf zählen, daß die gesamte amerikanische Judenheit Ihnen in jeder Beziehung beistehen wird. Wir möchten nicht mißverstanden werden. Wir haben nichts dagegen, daß unsere armen Glaubensbrüder zu uns flüchten. Wir sind nicht von der Tatsache beeinflußt, daß die Einwanderung verderblich werden könne für uns, die wir weiter vorgeschritten sind als unsere armen russischen Juden. Es ist keine Spur von Selbstsucht in uns. Wenn ivir Antisemitismus Hervorrufen sollten, so sind wir bereit, ihm zu trotzen und ihn zu bekämpfen. Wir fürchten uns nicht; Angst ist nicht der Grund, warum wir Sie bitten, die Einwanderung in unser Land zu hemmen. Die, welche ans eigenem Antrieb kommen — mögen sie nur kommen, sie haben ein Recht dazu! Aber wir bitten Sie, die Auswanderung einzudämmen zugunsten der in den letzten zehn Jahren bereits Eingewanderten, für die eine weitere Einwanderung unheilvoll wäre. Eine Immigration sollte daher unterbleiben, bis eine Verteilung der Einwanderer in verschiedene Länder vorgenommen werden konnte. Aenßere Ursachen können diese Verteililng beeinflussen. In den letzten fünf Jahren hat das Dispersionskomitee 24000 Menschen versandt. Dies ist an sich keine bedeutende Zahl. Aber die Verteilung vollzieht sich auch ohne äußere Mithilfe. Die Einwanderer, die herübergekommen sind, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern, sehen sich vor der Notwendigkeit, nach dem Westen zu wandern, und daher ivar bisher die Verteilung eine viel größere als dies numerisch der Fall zu sein schien. Aber die riesenhafte Anhäufllng ist natürlich noch immer vorhanden. Dies macht unsere Ausschau nach neuen Kolonisativnsplähen notwendig, wo die Zukunft der Emigranten nicht bedroht ist. Es ist dies von äußerster Wichtigkeit. Der »lüde Wanderer, der, an seinen Pilgerstab gelehnt, der Verfolgung entflieht - der Jude — ist schon die längste Zeit ein Märtyrer gewesen. Wenn wir uns belehren lassen von dem Antlitz dieses müden, verfallenen und leidenden Wanderers und ih»l ein Land zeigen, in welches er flüchten kann, dann lvird er seines Pilgerstabes entraten können. Ob dies nun Kolonisation oder Selbstregierung oder Zion hieße, ist unwesentlich, wenn wir nur erst den Platz haben, wo er sein müdes Haupt hinbetten kann, das ist die Hauptsache! Der Nabbi von Lscharach. Ein Beitrag zur Charakteristik Heines. III. nicht ohne innige Rührung wird man Heines Bekenntnisse lesen; es liegt diesen ein wahres Gefühl und eine tiefe Empfindung zugrunde. „Zentnerschwer" lag ihn: die Vollendung des Werkes auf der Seele. Am 11. Januar 1825 schreibt er wieder an Moser?) „Ich schreibe wenig, lese viel. Immer noch Chroniken und Quellenschriftsteller ... an die Fortsetzung meines armen Rabbi darf ich in diesem Augenblick nicht gehen." Ebenso teilt er an Ludwig Robert mit (4. März 1824)-): „Ich schrieb bloß . . . und an meinen Rabbi, der noch nicht zur Hälfte fertig und ebenfalls nicht fürjetzige Mitteilung geeignet ist." Fast in jedem Briefe an Moser spricht er von der Arbeit an den: Roman. So am 1. April 1825*): „Dieses uneigennützigste Werk wird auch das gediegenste werden." Die Vorarbeiten zur Promotion hinderten allerdings den Dichter, ununterbrochen an seinem Lieblingswerk zu arbeiten. Doch zeigt uns ein etwa drei Wochen vordem Examen geschriebener Brief, daß er den Plan unaufhörlich verfolgtes; er arbeitete in jenem Sommer „so angestrengt als nur möglich Jurisprudenz, Geschichte und den Rabbi. Letzterer schreitet nur langsam vorwärts, jede Zeile wird abgekämpft, doch drängt's mich unverdrossen weiter, indem ich das Bewußtsein in mir trage, daß nur ich dieses Buch schreiben kann, und daß das Schreiben desselben eine nützliche, gottgefällige Handlung ist. Doch ich breche hiervon ab, indem dieses Thema mich leicht dazu bringen kann, von der eigenen Seelengröße selbstbespiegelnd zu renommieren. — Zunz hat mir zwar schon mal durch Dich geschrieben, wo im 15. Jahrhundert die vornehmste Schule der spanischen Juden war, nämlich in Toledo; aber ich möchte wissen, ob dieses auch vom Ende des 15. Jahrhunderts zu verstehen ist? Er nannte mir auch Sevilla und Granada, aber ich glaube im Basnage gelesen zu haben, daß sie früher schon mal aus Granada vertrieben h Id. 443. -5 VIII. 447. 3) Ib. 449. 4) Ib. 455.