Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Seit den Tagen des Kaisers Titus bis zu der Zeit Nikolaus II. hat sich die Geschichte stets wiederholt. Sollen wir aus der Geschichte nicht lernen? Sollen wir nicht in Anbetracht des großen Unglücks, das uns niedergebeugt hat, uns bemühen, daß ein Grund gelegt werde, der diesen armen Flüchtlingen ein Obdach bietet, welches ihnen Leben und Freiheit sichert? Ob diese Grundlage nun Zionismus, Jtoismus oder Kolonisation heißt, dies sind nur kleinliche Details, wenn wir sie mit dem Hauptplan vergleichen, in dem wir vorerst einig sein müssen. In einem Punkte stimmen wir alle überein: daß wir ein Mittel finden müssen, damit sich diese Greuel nicht wiederholen können. Ich kann nicht finden, daß wir in etwas anderem uneinig sind, als im Namen oder der Theorie (Kolonisation oder Jtoismus). Ich habe aus der Geschichte nie entnehmen können, daß eine Völkerschaft nach einem anderen Weltteile ausgewandert sei und dort beim ersten Anlauf ein wohlorganisiertes, unabhängiges Volk gebildet habe. Die alte mosaische Idee von 40 jährigem Umherirren in der Wüste ist da sehr bezeichnend. Wir müssen uns nicht über den Plan streiten, wenn wir wegen des Mittels einig sind, das angewendet werden muß. Wir brauchen eine Kolonisation, aber wir brauchen sie unter Bedingungen, welche uns beständigen Frieden und Freiheit verbürgen. Alles übrige ist nebensächliches Detail. Wenn zehn- oder hunderttausend oder eine Million unserer unglücklichen Glaubensgenossen auswandert, in erster Linie nach einen! Weltteil, der noch nicht von einheimischer Bevölkerung ausgefüllt ist, und dort eine Kolonie gründet, und diese eine Entwicklung anfweist, welche sie der Unabhängigkeit würdig macht, dann würde sie eine solche nicht bloß verdienen, sondern auch erreichen. Und deshalb besteht auch kein Zwiespalt, wenn wir von Jtoismus oder Kolonisation sprechen. Denn wenn die Kolonisation erfolgreich ist, so wird sie auch eine Selbstregierung befördern, und es existiert gegenwärtig kein Land, das sich besser auf freie und unabhängige Kolonisation versteht wie Großbritannien, wie es durch die Pflanzung seiner Kolonien in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten bewiesen hat. Man muß zugestehen, daß die Amerikaner nie ein so freiheitliches Volk geworden wären, wenn sie den Pilgern und Puritanern nicht gestattet hätten, unter britischer Flagge zu steuern. Und wenn sich die russisch-jüdischen Emigranten unter britischer Fahne in Asrikä, Mesopotamien oder irgendeinem anderen Lande kolonisieren, das vom internationalen Standpunkte betrachtet, praktisch und für sie geeignet ist, so werden ihre Freiheit und ihr Glück gesichert und ihre Unabhängigkeit eine bleibende sein. Erinnern wir uns, daß es der Parteieuzwist war, der zur Zeit der Zerstörung Jerusalems unter Titus den Sturz des jüdischen Königtumes herbeiführte. So laßt uns nicht in unseren Bestrebungen, eine neue jüdische Kolonie zu gründen, gleich im Beginne uneins werden. Wir müssen zusammenstehen. Das Problem ist verwickelt und wir brauchen das Genie eines Zangwill, den anfeuernden Geist eines Herzl, den historischen Scharfblick eines Lucien Wolf und alle die großen und weisen Männer unserer Gemeinschaft, deren Herzen durch diese Schicksalsschläge erschüttert wurden. Nur vereinigte Bemühungen können die erfolgreiche Lösung des Problems herbeiführen. Doch hatte man mir sowohl in Amerika als hier versichert, daß Mr. Zangwill ein Träumer sei. Dies entspricht der Tatsache. Aber der Mann, der mit Meisterhand die Träumer des Ghettos gezeichnet hat, kann uns auch aus dem Ghetto erlösen. Es gibt Träume, welche nur die Phantome einer kränklichen Einbildungskraft sind, und es gibt andere, welche aus historischer Voraussicht entsprießen und prophetisch die Zukunft verkünden. Keine große Bewegung wäre ohne Träumer zu denken. Sie sind die Idealisten, welche die goldene Stadt sehen, ehe wir sie erreichen. Wir brauchen den Träumer, den Idealisten, den Mann, der früher als wir die lebendige Wirklichkeit wahrnimmt, der sie uns schildert und der uns ihr zuführt. Er, der Unpraktische, bedarf aber auch unseres Schutzes. Daher benötigen wir alle unsere Kräfte, und jeder Zwiespalt wegen eines Namen oder Ideals könnte verhängnisvoll für uns werden. Glauben Sie, daß es möglich sei, daß eine große Anzahl Weißer sich in den unbewohnten Ländern der britischen Krone niederlassen würde, ohne in kürzester Zeit zur Selbstregierung zu gelangen. Hat England nicht jeder seiner Kolonien so viel Rechte zugestanden, als sie benötigten? Warum sollen wir uns also schon im- Beginn über diese Gegenstände streiten? Wie können Sie verlangen, daß die Regierung etwas für Sie tue, wenn verschiedene Parteien sich ihr nähern? Kein auswärtiges Amt würde die schwierige Aufgabe übernehme», irgendein Stück Landes, welches unter britischer Flagge steht, zu verteilen, wenn gleich im Anfang ein Zwiespalt durch die Reihen ginge, indem der eine Teil sagte „wir brauchen es", der andere aber „wir brauchen es nicht". Dies ist ganz unmöglich. Sie bringen Ihr auswärtiges Amt in eine schwierige Lage. Erst müssen Sie alle zusainnienkommen und sich allein beraten, ehe Sie sich vereinigt Ihrer Regierung nähern. Und ich bin sicher, daß, wenn die Juden im fernen Afrika oder sonst irgendwo Kolonien gründen und dort die bedeutendsten Erscheinungen der westlichen Zivilisation vereinigen werden, so wird bald eilt neuer Diamant in der britischen Krone erstrahlen. Der britische Imperialismus hat seine erste Auslegung, seine wirksamste Betätigung unter dem großen Premierminister erfahren, derben orientalischen Idealismus unserer Rasse besaß. Und es ist dieser Geist, der alle britischen Kolonisatoren unseres Volkes leiten wird. Sie werden nicht vergessen, was Beaeonsfield geleistet hat. und wenn wir unter uns Männer haben, die fähig sind, seinen Spuren zu folgen, so werden wir imstande sein, der britischen Krone einen Stern hinzuzusügen, der zwar nicht so groß ist als der Stern Indiens, doch leuchtender durch seinen Wert und seine Zivilisation. Natürlich kann das Problem, welches wir jetzt vor Augen haben, nicht in einer Stunde gelöst werden. Alles, was wir jetzt leisten können, ist, einen vernünftigen Anfang;u machen. Und wenn unser Unternehmen verdient, zu gedeihen, wenn die materiellen Bedingungen günstig sind, so wird es gedeihen, nur dürfen wir nicht vergessen, daß unser Problem nicht ein-, sondern vielseitig ist. Fünf oder sechs Millionen Menschen können nicht im Auslande untergebracht werden. Bestenfalls kann ein kleiner Bruchteil so versorgt werden. Ob nun das Auswanderergebiet die westlichen Länder, die Vereinigten Staaten seien oder ob es in Kanada oder in Mesopotamien liegt, es wird nur ein kleiner Bruchteil dorthin wandern, der größere Teil wird in Rußland zurückbleiben. Und wir müssen diese Tatsache nicht aus den Augen verlieren, während wir für den kleineren Teil ein Asyl suchen. Wir müssen unser Augenmerk auf den größeren Teil der Zurückbleibenden richten. Sehr viel Diplomatie wird angewendet werden müssen, um ihr Los zu verbessern, und dazu brauchen wir das Wohlwollen unserer Regierungen. - Natürlich würden wir in unseren Bemühungen, die Regierung zum Handeln zu bewegen, nicht gute Amerikaner und Engländer bleiben, wenn wir von der Regierung Dinge verlangen würden, die unsere internationalen Beziehungen nicht gestatten; denn in erster