Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
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Mission erträgt? Wie ergreifend ist in unseren Abiuu malkenu das Gebet, welches das Gedächtnis unserer Märtyrer feiert! Aber freilich muß mau an den einzigen Gott glauben, zu besten Verherrlichung jene sich, wie es dort heißt, haben hinschlachten lassen, oder in Feuer und Wasser gegangen sind. Mit der Familienpietät des jüdischen Stammes wird man nicht auskommen in den Stürmen der Weltgeschichte, die uns noch bevorstehen mögen. Doch nein! Nicht die Stürme sind uns so gefährlich wie die sanfteren Bewegungen des europäischen Schiffes, in denen sich die Künste der Verführung und Beschönigung an uns versuchen. Ihnen gegenüber kann nur die ganze Wahrheit helfen. Stamnr und Volk sind immer nur eine halbe Wahrheit: erst durch den Staat können sie zu einer ganzen Wahrheit werden. Unsere Religion dagegen ist eins mit dieser ganzen Wahrheit; sie ist, so weit man von einer geschichtlichen Erscheinungsform, die als solche noch in ihrer Entwicklung begriffen ist, dies sagen kann, eins mit der Sittlichkeit, mit welcher die Staatsidee selber in Einheit sein muß. Wenn wir die Märtyrer unseres Glaubens an den einzigen Gott der Weltgeschichte sind und bleiben, so kann keine Verfolgung uns vernichten; weder der Mord uns ausrotten, noch die Zweideutigkeit einer sophistischen Bildung, noch auch die Verführung der zivilisierten Macht uns irre machen. Jndesten lehrt uns der nunmehrige Abschluß der Dreyfussache, daß unser Martyrium nicht lediglich in sich selbst seinen Wert hat, sondern daß es vielmehr zu einem sicheren geschichtlichen Ausgang führt. Wir haben nicht zu denken, daß wir leiden müßten, etwa wie Asketen, denen Leiden an sich ihre Sittlichkeit ist. Wir dürfen der Zuversicht leben, daß unser Leiden zu einem glorreichen Abschluß kommt; glorreich nicht etwa nur für uns, sondern für die ganze Menschheit. Es muß Recht auf Erden werden; die Gerechtigkeit darf nicht im Stande der Gnade und der Toleranz bleiben. Wie unserem französischen Märtyrer, unserem Glanbensbruder in der französischen Armee, die Ehre wieder hergestellt wird, weil die heilige Gerechtigkeit es erfordert, so dürfen wir ein gleiches Schicksal für alle unsere Märtyrer erhoffen. Und für unsere religiöse Gesamtheit erkennen wir zuversichtlich den Zusammenhang unseres Martyriums mit dem Siege der Wahrheit und mit dem wahrhaften sittlichen Heile der Menschheit. Ankere pukgsbe? Von Oscar S. Straus - Newyork. as Los der russischen Juden ist tief beklagenswert, und wenn wir näher Hinsehen, werden wir zur Ueberzeugung gelangen, daß niemals in der gesamten Geschichte der Juden (die Zerstörung Jerusalems nrit einbegriffen) ein so großer Teil des jüdischen Volkes von einem ähnlichen Schicksal betroffen wurde wie in der Jetztzeit. Ich glaube mich nicht in der Behauptung zu irren, daß zum erstenrnal fünf bis sechs Millionen Juden unter dem Joch eines unbeugsamen Despotismus geknechtet werden. Wenn es wahr ist, daß ein gemeinsames Band die ganze Welt verbrüdert, um wieviel mehr muß dann ein so grauenvolles Verhängnis die zerstreuten Ueberl) Wir geben hier die Rede in getreuer Uebersetzung, die Oscar S. Straus, der frühere Gesaudte Amerikas bei der Pforte, einer der besten und angesehensten Männer in den Vereinigten Staaten, bei einem ihm zu Ehren gegebenen Feste des Maccabean-Klubs in London gehalten hat. Die Red. reste Israels einander nähern, da solche Schrecken einen so gewaltigen Teil seiner Gemeinschaft erschüttern. Bei all der Trostlosigkeit, welche der Anblick dieser Greuel verursacht, gibt es aber doch einen Lichtblick. Wir Auterikaner wurden den Engländern näher gebracht und mit unseren Glaubensgenossen in anderen Ländern enger verknüpft. Nun müssen wir sehen, wie wir vereint das Elend mildern können, welches unsere russischen Glaubensgenossen betroffen hat, die leiden, weil sie unsere Glaubensgenossen sind. Was nützt es, diese Tatsache zu verbergen? Ich bin gefragt worden, ob ich Jtoist") oder Zionist sei, oder zu jenen gehöre, welche glauben, daß das jüdische Problem in Rußland selbst zu lösen sei. Meine Antwort lautet, daß ich Amerikaner bin und als solcher in einem Lande wohne, dessen Grundgesetze mit dem Ideal der jüdischen Bürger übereinstimmen — dem Ideal der persönlichen Freiheit! Und unter der Decke meines Amerikanertums schlägt ein jüdisches Herz. Und dieses schlägt nicht unpatriotisch, denn die Amerikaner sind, im ganzen genommen, gleich den Engländern, ein ideales Volk, und als solches achten sie die Schmerzen ihrer Mitbürger, welche zu leiden haben unter der Blindheit und den Jrrtümern der Regierung eines Landes, von welchem zwar angenommen wurde, daß es sich im Bereiche unserer modernen Zivilisation befinde, welches aber in erster Linie durch sein Verhalten gegen unsere Glaubensgenossen bewiesen hat, daß es noch den barbarischen Ländern beizuzählen ist, und als solches von allen zivilisierten Mächten angesehen werden sollte. Wir haben in Amerika 750 000 bis 1 000 000 solcher Flüchtlinge, welche dem religiösen Druck in ihrem Vaterlande entflohen sind, ausgenommen. Amerika war seit jeher ein Asyl für Flüchtlinge. Von dem Moment an, als der fremde Pilger den Fuß auf amerikanischen Boden setzte, haben die amerikanischen Gesetze sich derer angenommen, die in politischer oder religiöser Beziehung bedrückt wurden. Die Frage, ob ich Jtoist, Zionist oder Kolonist sei, ist daher beantwortet, wenn ich erwidere, daß ich alles gleichzeitig bin. Ich bin überzeugt, daß wir so viele Heimstätten als möglich als Schutz für unsere armen und verfolgten Brüder haben müssen. Leider war in Amerika eine schreckliche Anhäufung in Newyork nicht zu vermeiden, so daß wir in dem unteren, östlichen Teil unserer Stadt 500 000 bis 600 000 russischer Flüchtlinge beherbergen, welche in diese elenden Stadtteile gedrängt sind und unter Platzmangel empfindlich leiden. Ihr Zustand ist traurig und herzzerreißend im höchsten Grade. Es wurde und wird noch versucht, sie im ganzen Lande zu zerstreuen. Doch ist dies leichter gesagt als getan/ Es ist natürlich, daß diese bedauerlichen Menschen (unter denen viele verarmt und mittellos sind), wenn sie in ein Land kommen, dessen Sitten ihnen fremd und dessen Sprache ihnen unverständlich ist, sich dort niederlassen, wo ihre ihnen vorangegangenen Landsleute sich befinden. Es wird daher noch einige Jahre dauern, ehe an ihre Verteilung in verschiedene Länder zu denken ist. In der Zwischenzeit muß ich als Amerikaner sagen, daß eine Sistierung der Einwanderung durch fünf Jahre eine große Wohltat für diejenigen bedeuten würde, die sich gegenwärtig dort befinden. Genau so wie das Leben an den russischen Grenzpfählen unerträglich wurde durch den stets anwachsenden Zufluß an Menschen, die ihren Mitmenschen das Brot vom Munde Wegnahmen, so verhält es sich jetzt auch in Newyork. Deshalb ist es unsere Pflicht, weiter Umschau zu halten und neue Kolonisationszentren ausfindig zu machen. i) Jewish Territorial-Association.