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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-27 · Heft 30 (27.7.1906) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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354 werden. Ihre allgemeinen, universellen Kulturvorzüge dürfen sie nicht daran verhindern, unser Existenzrecht in der religiösen Kultur und dadurch in der Kultur überhaupt anzuerkennen. Ausrotten freilich ist bequemer; indessen abgesehen davon, daß es kein sicheres Kulturmittel ist, widerspricht es ja sogar der Toleranz. Wenn also die Verführung zur Taufe, welche durch die Zurücksetzung der Juden von Staat und Gesellschaft geübt wird, doch vielleicht ebenso unzuverlässig für den besseren Teil unserer Jndenheit bleiben dürfte, wie die Scheiterhaufen des Mittelalters, so wird man sich endlich entschließen müssen, an die Stelle der Toleranz die Gerechtigkeit und die Wahrhaftigkeit treten zu lassen. Es muß aufhören, daß man unter der Diskretion des Wohlwollens es tunlichst vermeidet, den Namen des Juden und des Judentums zu erwähnen. Wie Ri eher seine Zeitschrift „Der Jude" nannte, unter der ausdrücklichen Begründung, daß man den Spitzbuben an sein Handwerk unverholen gemahnen muß, so müssen wir eine ungesunde Zaghaftigkeit und eine unkluge, unklare Befangenheit darin erkennen, wenn man das Spezifische des Judenhasses zu nivellieren und das Spezifische seiner grausamen Erfolge zu verwischen sucht, indem man sie falsch verallgemeinert. Wir erleben das jetzt bei den Versammlungen anläßlich der russischen Judenmassakers. Da soll zugleich von den Deutschen gesprochen werden; warum nicht auch womöglich in Kopenhagen von den Dänen und im Polenklub in Posen von den Polen und bei den Bauern in Esthland von den baltischen Baronen? Der Grad der Verfolgung ist für die Verfolgten relativ. Es ist eine Verschiebung, eine Verdrehung des Klagepunktes, über den jetzt die gebildete Welt in Aufregung gerät, wenn man das Spezifische dieser von Staatswegen herbeigeführten Bluttaten nicht isoliert betrachtet. Daß aus politischen Zwecken diese Juden gemordet werden, das ändert nichts an der Sache; so wenig es an der Hinterziehung der jüdischen Gleichberechtigung etwas ändert, daß sie aus politischen Motiven betrieben wird. So geschmacklos es aber wäre, wenn man bei der Frage über die Anwendung oder Verletzung der Verfassung in bezug auf die Juden zugleich darüber reden wollte, wie die ständischen Unterschiede überhaupt die Gleichberechtigung der Staatsangehörigen einschränken, so verhängnisvoll falsch ist es, wenn man bei dieser russisch-jüdischen Frage zugleich die russisch-deutsche Frage aufrollen will. Es ist nicht der Volksstamm, der hier verfolgt wird; wenn man das freilich sagt, so muß ja Europa wissen, daß dies einer barbarischen Auffassung entspricht; denn die Juden sind ja z. B. nichtsdestoweniger Staatsbürger des deutschen Reiches. Will man sie aber etwa als das spezifische Volk der Revolution ethnologisch charakterisieren, so dürfte auch für diese Ansicht der politische Massenmord nicht die völkerrechtlich zu billigende Maßregel sein; auch steht sie in grellem Widerspruch zu dem Glorienschein, mit dem die Geschichte Rußlands selbst diese Märtyrer der Freiheit krönen wird. Für die ernsthafte Erwägung gibt es ein sicheres Kriterium dafür, daß der nationale Einwand ein unaufrichtiger ist: es besteht darin, daß es keinen Staat in der Welt gibt, in welchem die jüdische Nationalität außer in ihrer unpolitischen Religionsverfassung sich zu verkörpern vermöchte. Der zionistische Staat ist einstweilen noch ein frommer Wunsch, wenn auch die Geldmittel des Bundes größer sein mögen als der Spendenfonds der Palästinavereine. Wo aber einer Nationalität jede ernsthafte Aussicht einer staatliche n Organisation fehlt, da kann die Verfolgung aus diesem politischen Grunde nicht ehrlicher Weise erzielt werden. Der Zionismus hat doch auch niemals die Bedeutung eines Panslavismus. Wie wenig die russischen Juden als ein politischer Nationalbegriff bedeuten, das zeigt erschreckend deutlich das Verhalten der Großmächte zu diesen Greueltaten des russischen Staatskörpers, denen gegenüber alle Gefahren des Anarchismus im Zauber des Märchens erscheinen. Niemals ist die Majestät der Staatsidee fürchterlicher und heuchlerischer beschimpft worden; aber keine Macht der gebildeten Erde regt sich dagegen. Das Völkerrecht ist Utopie. Erst wenn die Anleihen in Frage kommen, empfängt es Anlaß, positiv zu werden. Eine schärfere Sathre ist nie geschrieben worden, als welche das Friedensgericht im Haag bildet unter der Aegide des Zaren. Keine politische Macht schreitet ein. Die Juden, militärpflichtige Angehörige des russischen Staates, werden von Amtswegen hingeschlachtet; aber das sollen nur nationale und allenfalls soziale Bewegungen sein, wie sie auch sonst vorzukommen pflegen. Und ihnen gegenüber revidiert Europa wie Amerika sein Fremdenrecht, am traurigsten allerdings auch wieder unser Deutschland. Wer wird das Epos schreiben über das Elend dieser Auswanderungen? Diese Greueltaten des russischen Staates sind die direkten Fortsetzungen der Judenverfolgungen, welche das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit hinein in verschiedenen Formen die christlichen Völker an den Juden verüben. Das ist es, was ausgesprochen werden muß. Diese Einsicht und dieses Geständnis ist unser Recht, dessen Anerkennung wir zu fordern haben; auf dessen Einlösung wir warten. So lange dieses Recht uns nicht gewährt wird, so lange dulden wir noch unter dem Schein der Toleranz; so lange ist es noch nicht die Gerechtigkeit, welche für uns die Binde von ihren Augen nimmt. Es ist ein sinnreiches Zusammentreffen, welches die Weltgeschichte in Rußland und in Frankreich jetzt an uns vorführt Das große politische Talent der Franzosen hat sie intuitiv erkennen lassen, was der Fall Dreyfus für ihre Republik bedeutet. Und diese Erkenntnis mußte diesen Schlußakkord haben: Herstellung des Rechts, die formelle Herstellung des Rechts; denn in dem Recht gibt es keinen Inhalt ohne die Form. Das Recht ist die Form der Gerechtigkeit. Und diese Vollstreckung ist es, auf welcher unser Recht in der Weltgeschichte beruht. Die Gnade, die Toleranz ist nur eine Vorstufe, gleichsam der Kindergarten der Menschheit; erst wenn uns unser volles Recht an der Arbeit der Kultur, und zwar nicht bloß im Handelsteil, sondern an der geistigen und sittlichen Kultur, bereitwillig und herzlich, nicht halb aus Erbarmen, zuerkannt wird, erst dann wird das Weltalter der Judenverfolgungen seine Endschaft erreicht haben. So ist es denn ein umfassender, tiefergreifender geschichtlicher Sinn, den der Abschluß dieser großen Sache zur Offenbarung bringt. Zuerst ist es das Bild des Märtyrers, das nunmehr zu einem versöhnenden Frieden kommt. Es soll nicht etwa verhüllt werden; denn wir müssen besorgen, daß es noch auf lange hinaus symbolische Kraft zu bewähren haben dürfte. Wir müssen darauf gefaßt sein, noch lange unter der Duldsamkeit zu stehen, also noch weiter in Europa dulden zu müssen. Wir müssen aber nicht nur darauf gefaßt sein; wir müssen unsere Ehre darein setzen, unserer Ahnen uns würdig zu machen, und auch an unserem schwachen Teil das Martyrium der Weltgeschichte, welches unser Glaubensvolk lebensfähig erhalten hat, demütig und stolz auf uns zu nehmen. Die Menschen find heute ja so feine Psychologen; wollen sie denn gar nicht erkennen, welche hohe Lebensfreude in dem Leiden liegt, das man mit freiem Selbstbewußtsein, mit dem Selbstgefühl eines geschichtlichen Erbteils, einer geschichtlichen

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