Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
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in der Bevölkerung und durch Enthüllung der Politik der Regierung entgegenzuwirken." Begreift man es nun in Europa, auf welche Seite die Sympathien der russischen Juden sich neigen müssen? Oder bedarf es noch weiterer Beweise für die Kampfesweise der Regierung gegen diese Juden? Wohlan, hier folgen'sie. „Die „Rjetsch", das Hauptorgan der konstitutionellen Demokraten, erzählt aus Minsk: In Minsk herrschte Pogrompanik. Juden gingen zum stellvertretenden Gouverneur Kurlow (dem Schützling Duruowos) und baten um Schutzmaßregeln. Er antwortete : „Drei Dinge hasse ich: Revolutionäre, Hooligans und Pogrome."-Die Deputation ging beruhigt nach Hause. Gleichzeitig aber erließ jener nachstehendes Geheimzirkular an die Beamten seines Gouvernements, in dessen Besitz eben die „Rjetsch" gelangt ist: Nr. 3819. An ulte unsere Polizeikommissäre, Landgemeinden, Stadtgemeinden und Stadtverwaltungen. Betreffend die Meldung der Minsker Abteilung des Vereins des russischen Volkes (das sind die Hooligans) vom 8. Juni 1906 Nr. 176 schreibe ich den Provinzkommissären, den Landgemeinden, Stadtgemeinden und Verwaltungen vor: sie sollen die Mitglieder und Vorsitzenden der Bezirks- und örtlichen Abteilungen des Vereins in ihrer Arbeit, unter der Bevölkerung die Ideen des Vereins zu verbreiten, nicht stören, da sein festes Prinzip ist, durch gesetzliche Mittel dem orthodoxen Glauben, dem russischen Kaiser und dem Vaterlande zu dienen, was zum Ausdruck kommt durch die Broschüren und Flugschriften, die das Zentralkomitee herausgibt, und durch die Auszüge aus patriotischen Zeitungen, die die örtlichen Abteilungen abd rucken. Der stellvertretende Gouverneur F. Kurlow. Statt des Vizegouverneurs der älteste Rat Jusefowitsch. Noch drastischer ist der folgende Brief, dem die Petersburger Zeitung „Mhssl" veröffentlicht und den ein hoher Beamter des Ministeriums, Alexei Maximowitsch Lawrow, am 12. Oktober 1905 an einen der höchsten Beamten gerichtet hat. Der Brief ist auf einer Schreibmaschine hergestellt und nur der Name des Adressaten sowie das Datum sind mit der Hand geschrieben, was darauf hindeutet, daß es eine Art Rundschreiben war. Der Brief lautet: Euer Durchlaucht, hochgeschätzter Fürst Michail Michailowitsch! Unser Vaterland ist in Gefahr; die Presse, welche von den verbrecherischen Händen der Juden erfaßt ist, stößt die intelligenten Klassen auf den Weg der Gottlosigkeit. Alle sind in den Sumpf der persönlichen Interessen hineingekrochen und sie haben sich von der Mutter Rußland abgewendet. Die Juden haben alle Fäden des politischen Lebens erfaßt. Das Gold — der Gott der Juden — das ihnen vom Messias versprochen worden ist, herrscht über alles. Viele russischen Leute, die vergessen haben, daß in den Unglücksjahren Rußland bloß durch die Selbstherrschaft stark war, sind bereit, sich von der Selbstherrschaft los zu machen. Worin liegt das Glück Rußlands? — in der Vereinigung der Leute, die ihre Pflicht und Ehre kennen und die das Volk gegen den inneren Feind führen werden. Mein Brief hat den Zweck, das erwähnte Bewußtsein beim Volke zu erwecken. Kommen Sie doch, Durchlaucht, mit zu Hilfe, und durch Verbreitung dieses Aufrufs werden Sie dem Volke helfen die Augen öffnen, damit es sich vom jüdischen Joche befreie, das in Zukunft noch schrecklicher zu werden droht. Wenn jeder, der sein Vaterland liebt, jeder Geistliche, jeder Beamte im Dorfe diesen Aufruf zum Kampf gegen das Judentum in Händen hat, dann werden die guten Worte wie Wassertropfen allmählich den Stein durchlöchern - allmählich alle Völker Rußlands erwecken, mit dem allgemeinen Feind, den Juden, zu kämpfen. Gez. A. Lawrow. Vor einem halben Jahre teilte der Fabrikbesitzer und Publizist Lwow in der „Nascha Shisn" mit, daß der Hauptleiter der Pogrome im Oktober General Bogdanowitsch gewesen sei, in dessen Hause sich ein wahres Pogrom-Laboraorium befunden habe. Wie der Führer der Partei der Sozial- Revolutionäre, Viktor Tscherepow, in der „Mysfl" behauptet, sind die Leiter der geheimen Druckerei, die früher unter dem Stabsrittmeister Komissarow stand, jetzt Ratschkowski, Manuilow und Pjatnitzki, welche von der politischen Geheimpolizei das Recht erhalten hätten, Verordnungen zu erlassen und „außerordentliche Mittel" anzuwenden. * Ein englisches Blatt behauptet, daß der Bialhstoker Aufstand das neue amerikanischeJmmigrationsgesetz gemildert habe. Das erziehliche Moment, das bis jetzt in dem Gesetzentwurf festgehalten war, ist neilerdings entfallen, trotz des Protestes von mehr als viertausend Arbeiterorganisationen. Die Taxe von zwei Dollar pro Kopf bleibt bestehen, doch hat der Kongreß die Politik der Toleranz bedeutend weiter gebracht durch die formelle Abschaffung vieler vexatorischer Maßregeln, was natürlich vor allem den politischen oder religiösen Flüchtlingen zugute kommt, die nicht die Mittel oder Fähigkeiten besitzen, ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Augenscheinlich ist die Bill aus dem englischen Fremdengesetz hervorgegangen, wie aus dem Wortlaute klar ersichtlich ist. Die Tatsache, daß die beiden großen angelsächsischen Mächte darin übereinstimmen, den jüdischen Opfern der Verfolgung eine Heimat zu bieten, ist ein bedeutungsvolles Omen. Wenn man aber auch die Bereitwilligkeit in vollstem Maße anerkennt, mit der die Juden in den Vereinigten Staaten ausgenommen werden, so darf man doch nicht unerwähnt lassen, daß sie heute nur einen kleinen Bruchteil der gesamten Einwanderung bilden. Die ganze Einwanderung in den Vereinigten Staaten betrug vom Ende des Revolutionskrieges bis zum vorigen Jahre nahezu 23 Millionen Menschen, während die ganze jüdische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten, die dort geborenen Juden mit eingerechnet, nur zwischen 1 und 1V2 Millionen Menschen zählt. Im übrigen enthält das neue Naturalisationsgesetz eine Bestimmung, laut welcher niemand naturalisiert werden darf, der nicht die englische Sprache spricht. Dieser Paragraph wird Tausende mit Erfolg davon abhalten, sich im Natnralisationsgericht zu melden. Dem Belieben des Richters ist da ein weiter Spielraum gelassen. In der Praxis wird das Gesetz die Folge haben, daß viele Menschen, die außer einer guten Kenntnis des Englischen alle sonstigen Qualifikationen für die Beteiligung an politischen Angelegenheiten haben, von jedem Einfluß auf das öffentliche Leben ausgeschlossen werden. Der geschichtliche Sinn des Ablchlulles der Dreykus-Ukkäre. Von Geh. Reg.-Rat Prof. Hermann Cohen. achdem am 3. Juni 1899 das Urteil des Kassationshofes Dreyfus für unschuldig erklärt, zugleich aber vor ein neues Kriegsgericht verwiesen hatte, schrieb ich in dieser Zeitung (Nr. 23 vom 9. Juni 1899) über „Unsere Ehrenpflicht gegen Dreyfus". Damals sagte mir ein christlicher Freund, ich hätte das Urteil von Rennes erst abwarten sollen. Die Bemerkung, so freundlich sie gemeint war, war dennoch unrichtig. Ich will diesen Artikel jetzt nicht rekapitulieren; wen es interessiert, wird ihn Nachlesen. Nur dies sei znr Anknüpfung hervorgehoben, daß die Erlösung des unschuldigen Märtyrers als Typus hingestellt wurde für die Erlösung unserer Religion von Verkennnng und Verdächtigung. Diese symbolische Bedeutung hatte jenes erste Urteil des Kassation?-