Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
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"361 gehöre, der Gemeinde bei dem Aufbau eines Hauses habe behilflich sein können, in welchem Sie würdig zu dem Gott Ihrer Väter beten. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch mein Gott, zu dem ich bete, und Sie wissen es, ich bin weit entfernt davon, Andersgläubige wegen ihres Glaubens zu verdammen. Lassen Sie uns immer an Gott und dem Glauben festhalten, es sei, unter welcher Form es wolle . . ." So der Vater, der strengkonservativ war, so konservativ, daß er beim Beginn der liberalen Richtung in Preußen aus seinem Amte schied. Und der Sohn? Er ist auch konservativ, aber in modernem Sinne. Gleichviel, wir glauben nicht, daß er nach der Publikation des obigen Briefes viel Grund hat, auf seine letzte Herrenhausrede sonderlich stolz zu sein! £ Die Frage der Gesamtorg anisation der deutschen, speziell der Juden in Preußen ist gegenwärtig eine der wichtigsten, die zur Debatte stehen. Leider herrschen, hauptsächlich durch die mit mehr Geschick als Ehrlichkeit von der süddeutschen Orthodoxie versandten Notizen und Artikel, selbst in einem Teil der liberalen Presse ganz falsche Vorstellungen über diese Frage, speziell über die Stellung des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" zu derselben. Deshalb dürfte die folgende authentische Aufklärung von Wert und Interesse sein: „Am 16. Oktober 1898 hat der achte Deutsch-Israelitische Gemeindetag, also die Mitgliederversammlung des Bundes, einstimmig den Beschluß gefaßt: „Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund beauftragt den ständigen Ausschuß unter der Befugnis zur Kooptation, eine Enquete über die rechtliche Organisation der jüdischen Gemeinden Deutschlands zu veranstalten und den Entwurf eines Gesetzes zur Abänderung des Gesetzes vom 27. Juli 1847 und der übrigen im preußischen Staatsgebiet derzeit geltenden Juden- Organisations-Gesetze auszuarbeiten/' Pflichtschuldig hat der Ausschuß des Gemeindebundes zunächst einen Bearbeiter für den ersten Teil der Aufgabe in der Person des Herrn Rechtsanwalts und Notars- Machol in Königstein im Taunus gewonnen, dessen Arbeit alsdann Herrn Geheimrat Professor Dr. Rosin in Freiburg als Material für den zweiten Teil des Auftrages, Entwurf eines Organisationsgesetzes, zugestellt wurde. Die Wahl des genannten hervorragenden Fachmannes dürfte sicher dem Ausschuß nicht zum Vorwurf gereichen. Der Ausschuß hat Herrn Geheimrat Rosin nicht die mindeste Direktive für sein absolut selbständiges Werk gegeben und auch, nachdem Herr Geheimrat Rosin auf dem zehnten Gemeindetage zu Frankfurt a. M. Pfingsten vorigen Jahres ein vorläufiges, übrigens mit großem Beifall aufgenommenes Referat über seine Stellung zu den einzelnen in Betracht kommenden Fragen erstattet hatte, sich jedes Eingriffes enthalten. Desgleichen hat der Ausschuß, als er pflichtgemäß die Rosinsche Arbeit den nächst Beteiligten, nämlich den jüdischen Gemeinden Preußens und ihren Verbänden zur Kenntnis brachte, ausdrücklich hervorgehoben, daß es sich um eine absolut selbständige Arbeit des beauftragten Gelehrten handle. Nach der Aufnahme, die das Werk bei den Beteiligten findet, hat sich der Ausschuß als Beauftragter seiner Bundesgemeinden zu richten. Es trifft also in keiner Weise die Auffassung zu, daß der Gemeindebund, soll heißen der Ausschuß, sich den Entwurf zu eigen gemacht habe und damit eine Richtung einfchlage, die seinem Ziele, der Förderung der jüdischen Religion, nützlich sein könne. Der Ausschuß ist bis jetzt völlig neutral, und es bedarf wohl keiner Begründung, daß die Leiter eines Instituts, das auf Freiwilligkeit aufgebaut ist, das genügende Verständnis für die Bedeutung der Freiwilligkeit auf religiösem Gebiete besitzen." * Wie die sozialistischen Parteien Rußlands über die Judenmetzeleien denken, lehrt uns folgende Mitteilung über eine Konferenz der Vorstände der russischen Sozialdemokratie, des jüdischen Arbeiterbundes, der lettischen Sozialdemokratie, der sozialdemokratischen Partei Polens und Litauens, der Polnischen Sozialistischen Partei und der Partei der Sozialisten- Revolutionäre mit der Tagesordnung: „Bekämpfung der von der Regierung inszenierten Metzeleikampagne." Irr der ersten Sitzung der Konferenz wurde der Beschluß gefaßt, auch einen Vertreter des Allrussischen Bauernbundes zur Teilnahme an den Beratungen einzuladen. Angesichts der Notwendigkeit, der Agitation der selbstherrschenden Negierung durch schleunige Maßnahmen entgegenzuwirken, hat die Konferenz folgende Resolutionen gefaßt: 1. Indem die Konferenz den völligen Mangel an populärer, gegen die antisemitische, zu Metzeleien auffordernde Agitation der Regierung gerichteter Literatur konstatiert, macht sie alle revolutionären Organisationen auf die Notwendigkeit aufmerksam, an die Herausgabe und weiteste Verbreitung von Schriften zu gehen, die vor den Massen der Bevölkerung die Rechtlosigkeit der Juden, ihre 'ökonomische Lage und die Politik der Regierung den Juden gegenüber klarlegen. 2. Die Konferenz weist auf die Notwendigkeit hin, in ganz Rußland eine Kampagne gegen die Metzeleipolitik der Regierung zu organisieren. Sie schlägt die Organisierung von Versammlungen und Meetings vor mit Annahme entsprechender Resolutionen. Als deren Grundlage legt die Konferenz folgende Erwägungen vor: Wir. . versammelt in der Zahl von . . haben die Frage der Judenmetzeleien betrachtet und erklären folgendes: Im Kampfe mit dem Volke ist die Selbstherrschaft bemüht, es zu spalten, seinen Zorn von sich abzulenken und so seinem Kampfe für Land und Freiheit Einhalt zu tun. Zu diesem Zwecke hetzt sie die verschiedenen Teile der Bevölkerung aufeinander, besonders aber die verschiedenen Nationalitäten. Indem die Regierung die Juden aller Bürgerrechte beraubt und dadurch im Volke den Gedanken aufrecht erhält, daß gegen die Juden alles erlaubt sei, will sie die rechtlose jüdische Bevölkerung zum Blitzableiter für die elementare Unzufriedenheit der urlaufgeklärten Volksmassen machen und inszeniert sie mit Hilfe voll Polizei, Militär und gedungenen Mördern grausame Judenmetzeleien. Wir erklären, daß wir nicht die Juden noch eine andere Nation als unsere Feinde betrachten, sondern die absolutistische Regierung, die mit dem Blute unschuldiger Opfer befleckt ist, sowie alle diejenigen, die ihr bei diesem niederträchtigen Werke beistehen. Für uns sind alle Menschen — ohne Unterschied von Religion und Nation — gleich; wir h aben .. gekämpft und kämpfen und rufen auch alle Bürger zum Kampfe auf für die sofortige Gleichberechtigung der Juden, für die sofortige Abschaffung aller Ausnahmegesetze gegen die unterdrückten Nationen. In den Händen der Regierung dient das Heer nicht zum Schutze der Bevölkerung, sondern zum Morden und Plündern. Wir fordern daher den politisch aufgeklärten Teil der Armee zum Protest auf gegen die ihnen von der selbstherrschenden Clique zugemutete Rolle der Räuber, Mörder und Gewalttäter. Wir fordern die Duma (bezw. den einen oder den anderen Teil der Duma) auf, energische Maßnahmen zur Bekämpfung der Metzeleien, dieser letzten Karte des zugrundegehenden Regimes, zu ergreifen. Zu diesem Zwecke schlagen wir der Duma (oder einem Teile der Duma) vor: a) sich an die gesamte Bevölkerung Rußlands mit einem Aufruf zu wenden, in dem die Ursachen und das Ziel der Metzeleien erklärt und die Bürger zur Organisierung einer Volksmiliz zum bewaffneten Widerstande gegen die Gewalttäter und Mörder aufgefordert werden; b) sich mit einem Aufruf an die Armee zu wenden, um ihr die ganze Schmach, die sie sich durch die Teilnahme an der Metzeleikampagne der Regierung aufladet, zu zeigen und sie zum Schutze der friedlichen Bürger aufzufordern; c) besondere Emissäre nach denjenigen Orten zu entsenden, an denen Metzeleien erwartet werden, um den Metzeleien durch Agitation