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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · p. Seite 348

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 348 (sequence 12)
Language
German
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- 348 -- . — und da lag auch schon, zierlich auf Baumwolle gebettet das wundervolle Krönlein. Bewundernd wurde es Hand von zu Hand gereicht, und auch Eliel durste es betrachten. „Ja," erzählte der ehrwürdige Pater, „das ist wohl das kostbarste Stück unserer Krippensammlung, und ist schon hundert Jahre alt. Die Sage berichtet, ein Klosterbruder hätte es im Walde gefunden, — wird wohl anders gewesen sein. Weiß Gott, welch berühmter Meister Welschlands es geschaffen! Es ist sogar noch viel, viel wertvoller, als all die kleinen Schätze, die Du uns heute brachtest," schloß er, sich zuletzt an Eliel wendend. Da sah Eliel zu seinem Schmerze, daß ihm die Mönche das Krönlein nun nicht eintauschen würden und er sein Vorhaben ausgeben müßte. Aber die bleichen, angstverzerrten Eesichtchen des klagenden Wichtelvolkes kamen ihm ins Gedächtnis zurück, und er konnte eS nicht übers Herz bringen, unverrichteter Sache fortzugehen. Sorgfältig hatten die Mönche ihre. Besitztümer wieder eingeräumt und berieten nun eifrig hin und her, wieviel Geld sie für Neuanschaffungen denn ausgeben dürften. Eliel kämpfte einen schweren Kampf, sollte er einen Diebstahl begehen? Niemand sah auf ihn, ganz bequem konnte er das Schächtelchen noch erreichen — nein, pfui, stehlen! Er hatte es nie getan. Aber der vergrämte kleine Wichtelkönig — und wäre es denn nicht ewig schade um all die Schätze, die die Menschen nun nie mehr bekommen sollten? Ein kühner Griff — und das Schächtelchen war in seinem Kaftan verschwunden. Die Mönche hatten ihn nicht beachtet. Sie redeten eifrig durcheinander, ob sie die goldenen Tellerchen und Krügelchen nicht doch auch dazu kaufen sollten? Eine so schöne „Hochzeit zu Kanaan" ließe sich damit zusammenstellen! Aber gespart mußte doch auch werden, so viele Arme gab es, deren einzige Hilfe das Kloster war — am besten war es, man fragte, was die Dinge denn eigentlich kosteten. Erschrocken fuhr Eliel zusammen, als er sich plötzlich angesprochen hörte: „Na, Eliel, was kosten denn die Krüglein und Tellerchen?" Sie hatten also nichts bemerkt! Verlegen lächelnd sprudelte er hastig heraus: „Was sollen sie kosten? Schenken tu ich sie Euch, weil Ihr so lieb und gut mit mir seid." Die Klosterbrüder wollten es anfangs gar nicht glauben, so viel Edelmut war unerhört. Wie Eliel aber auch noch die anderen Sachen, die er mitgebracht hatte, dazu legte, und als sie dieselben bescheiden nicht anzunehmen wagten, einfach in die Truhe hineinstopfte, da kannte ihr Dankgefühl keine Grenzen mehr. Sie streichelten seine Hände, seine Wangen, und trugen Wein und leckere Speisen herbei, damit er sich daran erlaben sollte. Aber Eliel berührte keinen Bissen. „Ich darf nicht, ich darf nicht," entschuldigte er sich immer wieder, als die guten Klosterbrüder schon ganz gekränkt über seine standhafte Weigerung schienen. Endlich setzte er sich doch zu ihnen an den gedeckten Tisch, und wie die Mönche ihr einfaches Abendmahl zu sich nahmen, zog auch er eine heimische Wegzehrung, die ihm die sorgende Gattin für das Ende des Fasttages in die Tasche gesteckt hatte, heraus und führte sich dieselbe heißhungerig zu Geniüt. So freundlich und fröhlich saßen die Mönche um ihn herum, und nach vierundzwanzig Stunden zum erstenmal wieder gesättigt, fühlte sich Eliel jetzt unbeschreiblich wohlbehaglich. Aber er mußte leider an die Heimkehr denken, wie mochte sich die treue Gattin schon wegen seines langen Ausbleibens ängstigen! Müde und ruhesehnsüchtig stand er auf und verabschiedete sich. Da kam er aber schön an bei seinen Tischgenossen! Bei diesem Wetter jage man keinen Hund vor die Tür hinaus, und wenn Eliels Wohnung auch nicht mehr allzufern sei, so sei sie doch bei solchem Wetter nicht erreichbar. Und zur näheren Bekräftigung ihrer Worte öffneten sie das Fenster, das ihnen der Sturm sofort aus der Hand schlug, und wiesen auf das draußen tobende Ungewitter. Eliel sah die Unmöglichkeit, jetzt heimzukehren, ein und ließ sich willig von den guten Mönchen zu einer Bank geleiten, auf der sie ihm eirr einfaches Lager herrichteten. Decken und Kiffen wurden in Ueberzahl gebracht und jeder bemühte sich. Eliel noch etwas besonders Liebes anzutun. Endlich sagten sie ihm alle herzlich gute Nacht und zogen sich in ihre Zellen zurück. Nur der Bruder Pförtner blieb in der Küche. Er wollte den alten Manu in den nächtlich ausgestorbenen Hallen nicht allein lasten. Er zündete sich eine Unschlittkerze an, stellte einen schweren Schweinslederband davor ans, damit der Lichtschein den Schlafenden nicht blende, zog fein Brevier hervor und begann zu lesen. Aber seine Gedanken drangen immer abseits, so sehr er sich auch bemühte, bei den Gebeten zu bleiben. Die zierlichen neuen Sächelchen für die Krippe wollten ihm nicht ans dein Kopf, und auch an den Juden mußte er immer denken, von dessen Unbeliebtheit unter den Ortsbewohnern er schon so viel erfahren hatte. Er nahm sich fest vor, seinen Beichtkindern einmal ordentlich ins Gewissen zu reden, da hörte er einen Seufzer von Eliels Lager her und eilte rasch darauf zu. (Schluß folgt.» Literarische Mitteilungen. Rabbiner Dr. Xt. Vrettholz. 1. Discorsi sacri. Trieste, Morterra, 1906. 2. Metodo pratico per l’insegnamento della lingua ebraica con regole . . . Trieste 1905. 3. Manuale di Storia sacra ad uso dei giovanetti israeliti. Trieste, Morterra, 1906. Italien war einst das klassische Land der jüdischen Predigt; heute ist dieser Zweig des Gottesdienstes so vernachlässigt, wie inx vormendelssohnschen Deutschland; ein Rabbiner, der mehr als zwei- bis dreimal im Jahre predigt, ist eine rara avis. Ein um so größeres Verdienst erwirbt sich jeder, der an der Wiederherstellung der alten schönen Sitte mitarbeitet, der den Gottesdienst durch das Wort in der Landessprache in zeitgemäßer Form wiederbelebt, der der Gemeinde durch das Schriftwort Erbauung und Belehrung darbietet. Zunächst sind die aus Deutschland stammenden Rabbiner nach dieser Richtung tätig. Dem Beispiel von Margulies-Florenz folgt jetzt Brettholz-Triest. Der Verfasser ist erst seit zwei Jahren dort im Amte und beherrscht die italienische Sprache bereits so. daß er nicht nur durch die Predigt aus seine Gemeinde zu wirken vermag, sondern daß er auch einer breiteren Oeffentlichkeit seine Reden vorlegen darf. Dabei hatte er in seinem Amte große Schwierigkeiten zu überwinden und auf fast allen Gebieten die bessernde Hand anzulegen. In der Synagoge und in der Schule, überall mußte er Wandel schaffen — als Frucht seiner Regsamkeit auf pädagogischem Gebiete liegen die genannten zwei kleinen modernen Schulbücher vor — und er hat mit rühmenswerter Energie in der kurzen Zeit alle ihm unterstellten Institutionen wesentlich gehoben. Das vorliegende Bändchen enthält fünf Festtags-, zwei Chanukahpredigten und einige Gelegenheitsreden. Die Predigten sind schlicht und einfach, enthalten in kurzer, präziser Ausführung die für die Gelegenheit geeigneten religiösen Gedanken und werden auf den Leser ebenso stark wirken, wie sie es auf den Zuhörer getan haben. Als Anhang ist S. 96 ff. eine deutsche, tiefempfundene Leichenrede beigegeben, die der Verfasser am Grabe eines Freundes hielt; sie gibt dem des Italienischen nichtkundigen Leser eine Vorstellung von des Verfassers Können. Möge es ihm vergönnt fern, seine Saat aufgehen zu sehen und ihre Früchte in der Gemeinde zu ernten! ‘ J. E. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin? Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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