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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 347 (sequence 11)
Language
German
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347 „Blutwenig habe ich diesen Sommer geschrieben. Ein paar Bogen an den Memoiren. Verse gar keine. Am Rabbi wenig, so daß kaum ein Drittel davon geschrieben ist. Er wird aber sehr groß, wohl ein dicker Band, und mit unsäglicher Liebe trage ich das ganze Werk in der Brust. Ist es ja doch ganz aus der Liebe hervorgehend, nicht aus eitel Ruhmgier. Im Gegenteil, wenn ich der Stimme der äußeren Klugheit Gehör geben wollte, so würde ich es gar nicht schreiben. Ich sehe voraus, wie viel ich dadurch verschütte und Feindseliges herbeirufe. Aber eben auch, weil es aus der Liebe hervorgeht, wird es ein unsterbliches Buch werden, eine ewige Lampe im Dome Gottes, kein verprasselndes Theaterlicht. Ich habe viel Geschriebenes in diesem Buche wieder ausgelöscht, jetzt erst ist es mir gelungen, das Ganze zu fassen, und ich bitte nur Gott, mir gesunde Stunden zu geben, es ruhig niederzuschreiben. Lächele nicht über dieses Gackern vor dem Eierlegen. Lächele auch nicht über mein langes Brüten, so ein gewöhnliches Gänseei (ich meine nicht Dr. Gans) ist schneller ausgebrütet als das Taubenei des heiligen Geistes. Du hast vergessen, mir ein paar Notizen mitzuteilen, die ich in meinem letzten Briefe zum Behuf des Rabbi verlangte. Dem Dr. Zunz lasse ich für seine Mitteilung über die spanischen Juden tausendmal danken. Obschon sie höchst dürftig ist, hat Zunz mir doch mit einem einzigen scharfsinnigen Wink mehr genutzt, als einige vergeblich durchstöberte Quartbände, und er wird unbewußt auf den Rabbi influenziert haben. Da Zunz kein Formelmenfch ist, so kann ich einen besonderen Brief sparen, indem ich Dir mitteile, was Du ihm sagen sollst. Dieses besteht noch darin: 1. daß ich ihn liebe, 2. daß ich ihn schätze, 3. daß ich wünsche, er hätte die Güte, mir anzuweisen, wo ich gute Notizen finde über die Familie der Abarbanels (auch Abravanels genannt). — Im Basnage habe ich wenig gesunden. Die schmerzliche Lektüre des Basnage ward Mitte vorigen Monats endlich vollendet. Was ich speziell suchte, habe ich eigentlich nicht darin gefunden, aber viel Neues entdeckte ich und viele neue Ideen und Gefühle werden dadurch in mir aufgeregt. Das Ganze des Buches ist großartig, und einen Teil des Eindrucks, den es auf mich gemacht hat, habe ich den 11. September in folgender Reflexion angedeutet * *): (An Edom!) Ein Jahrtausend schon und länger Dulden wir uns brüderlich; Du, Du duldest, daß ich atme, Daß Du rasest, dulde ich. Manchmal nur, in stillen Zeiten, Ward Dir wunderlich zu Mut, Und die liebefrommen Tätzchen Färbtest Du mit meinem Blut! hierfür. Dieselbe ist im Herbst 1823 entstanden. (VIII. 403.) Mit dem dort zitierten „Abraham aus Saragossa" hat Heine übrigens wahrscheinlich jenen Abraham gemeint, der sich etwa 825 dem Kaiser Ludwig empfahl und in dessen Schutz ausgenommen wurde. (Hebiaens Abraham, habitans in civitate Cesar-Augusta.) Vgl. Aronius: Regesten zur Geschichte der Juden, S. 32 ff. u. 8. *) Das Autograph dieses Gedichts befindet sich jetzt in meinem Besitz, und ich möchte danach einige Fehler berichtigen, die aus dem ersten Abdruck (Briefe von Heinrich Heine an seinen Freund Moses Moser, S. 114ff.) sich in alle Heine-Ausgaben eingeschlichen haben. Z. 4 ist das Wort „rasest" vom Dichter unterstrichen. Z. 5 lautet wörtlich: Freilich oft in dunkeln Zeiten. Z. 6 heißt es „war" statt ward. Z. 7 heißt es „lieben, frommen", statt liebefrommen. Z. 8 ist die Variante „tauftest" statt färbtest wieder durchgestrichen, („mit Deinem Blut" ist 1. c. wohl ein Druckfehler.) Z. 9 heißt es „ist" statt wird. Jetzt wird unsre Freundschaft fester, Und noch täglich nimmt sie zu, Denn ich selbst begann zu rasen, Und ich werde fast wie Du! Aber wie ein Wort das andere gibt, so gibt auch ein Vers den anderen, und ich will Dir zwar unbedeutendere Verse mitteilen, die ich gestern abend machte, als ich über die Weenderstraße trotz Regen und Wetter spazieren ging und an Dich dachte, und an die Freude, wenn ich Dir mal den Rabbi zuschicken kann, und ich dichtete schon die Verse, die ich auf den weißen Umschlag des Exemplares als Vorwort für Dich schreiben würde — und da ich keine Geheimnisse für Dich habe, so will ich Dir schon hier jene Verse mitteilen: Brich aus in lauten Klagen, Du düstres Martyrerlied, Das ich so lang getragen Im flammenftillen Gemüt! Es dringt in alle Ohren, Und durch die Ohren ins Herz; Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Großen und Kleinen, Sogar die kalten Herrn, Die Frauen und Blumen weinen. Es weinen am Himmel die Stern! Und alle die Tränen fließen Nach Süden, im stillen Verein, Sie fließen und ergießen Sich all' in den Jordan hinein." Cr. K. (Fortsetzung folgt.) Der Jude von Lallmltedt. Ein Märchen von Mathilde von Leinburg. III. lebhaft die Mönche eben noch gewesen waren, jetzt in ^—* Gegenwart dieses Bildes nahmen ihre lachenden Mienen sofort wieder einen andächtigen Ausdruck an, sie bekreuzigten sich ehrfurchtsvoll, als sie daran vorbei gingen, und kein lautes Wort kam in diesem weihevollen Raume mehr über ihre Lippen. Selbst Eliel fühlte die Heiligkeit dieses Ortes. Wie festgebannt hefteten sich seine Blicke auf die edlen Leidenszüge dieses Christushauptes, während sich die Mönche mit dem Inhalte der Schränke und Truhen zu schaffen machten. Der Luftzug, der durch die offene Türe hereinkam, ließ das rote Licht geisterhaft hin und her flackern, daß Eliel immer zu sehen vermeinte, das Bild lebe. Ein Blutstropfen hing an der Dornenkrone und schien nun jeden Augenblick über die bleiche Stirn herabträufeln zu wollen. Jetzt mußte er gleich fallen- — jetzt — jetzt- Die Mönche sähen ein, daß hier doch nicht der rechte Ort sei für eine so wichtige Unterhandlung. Entschlossen packten sie die umfangreiche Truhe und schleppten sie in die Klosterküche hinein. Eliel mußte sich zu ihnen setzen und dann bauten sie ihre ganzen Herrlichkeiten auf dem langen Eichentische auf. Fieberhaft schaute Eliel ihnen zu, um das Königskrönlein zu erspähen. Da sah er, wie einer der ältesten Brüder sorgsam ein kleines Schächtelchen zur Hand nahm, es vorsichtig öffnete

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