Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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' —— 346 -- die wirkliche Situation hinein. Er weist auf den mehrfach erneuten Ausbruch des Brandes hin, der die vornehmsten Viertel, die ältesten Göttertempel und die Monumente der Vorzeit radikal zerstörte; niemand wagte dem Element zu wehren, inan sah kaiserliche Sklaven mit Fackeln umherlaufen und niit eigener Hand Feuer anlegen, und man glaubte sich einem neuen, schrecklichen Ausbruch von Neros Wahnsinn gegenüber. Nun vergegenwärtige man sich, daß Paulus damals bereits das vierte Jahr in Rom predigte und mit seiner feurigen Begeisterung weite Kreise fortriß, „sonderlich aber die von des Kaisers Hanse". Man vergegenwärtige sich die Stimmung der Gemeinde gegenüber Nero und seinem Reiche des Satan; die Apokalypse kündet sie beredt und eindrucksvoll. Mit einen: Male schien das alte Sünden-Babylon zusammenzubrechen, seine stolzen Monumente, gleichsam die Festungen und Bollwerke des Teufels, schienen ein Raub der Flammen zu werden, da schien jenen aufgeregten Gemütern der jüngste Tag gekonunen, wo Gott selbst die Macht und die Herrlichkeit des Satans vernichtete und wo es verdienstlich wäre, das Werk Gottes zu fördern und sein Wort zu erfüllen. „Der Flammenschein des Brandes von Rom im Jahre 64 gibt sich dem Auge des Historikers, der nicht gerade von den Aufstellungen der Kirche geblendet ist, unter denselben blutigen Reflexen kund, wie sie mit unauslöschlichen Zeichen jene Flammen hinterließen, welche in den Tuillerien 1870 die Männer der Kommune angezündet haben. Wir stehen da, aller Wahrscheinlichkeit nach, dem größten Drama des Anarchismus gegenüber, von dem die Geschichte zu erzählen weiß." (S. 179.) Der Verfasser kann sich bei seinen Ausführungen auf die Uebereinstimmung mit einer Reihe angesehener Historiker und Philologen berufen. Mit derselben Gründlichkeit ist das ganze Buch geschrieben. Fast in jedem Kapitel findet der Leser Tatsachen, die in den gangbaren Darstellungen der Kultur- und Religionsgeschichte übergangen oder in den Hintergrund gedrängt werden. Freilich erscheinen durch sie Ereignisse und Charaktere der Vergangenheit vielfach in anderem Lichte, und es entsteht die These Ottolenghis, die sich in die Forderung zusammenfassen läßt: Revision der durch den Einfluß der Kirche und zugunsten der Kirche entstandenen Geschichtsauffassung. Der Lsbbi von Sscharsch. Ein Beitrag zur Charakteristik Heines. II. ie erste Mitteilung über den „Rabbi von Bacharach" findet sich in einem Briefe an Moses Moser vom 25. Juni 1824 aus Güttingens; sie ist von besonderem Interesse, weil sie uns in die Arbeitsweise des Dichters und in seine Quellenstudien unmittelbar einführt: „Außerdem treibe ich viel Chronikenstudium und ganz besonders viel historia judaica. Letztere wegen Berührung mit dem Rabbi und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Annalen durchblättere; eine y I. c. Auch in dem Tagebuche seines Kommilitonen Eduard Wedekind findet sich in der Zeit nach Ostern 1824 die Mitteilung Heines, „daß er jetzt alte Chroniken aus der Bibliothek exzerpiere und an einer Novelle arbeite, die ein historisches Gemälde aus den Zeiten des Mittelalters sein solle". Vgl. Strodtmann: Dichterprofile I. 252 ff. Fülle der Belehrung und des Schmerzes. .Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr, und diese geistige Rüstung wird mir gewiß in der Folge sehr zustatten kommen. An meinem Rabbi habe ich erst ein Drittel geschrieben, meine Schmerzen haben mich auf schlimme Weise darin unterbrochen, und Gott weiß, ob ich ihn bald und gut vollende. Bei dieser Gelegenheit merkte ich auch, daß mir das Talent des Erzählens ganz fehlt; vielleicht tue ich mir anch unrecht und es ist nur die Sprödigkeit des Stoffes. Die Passahfeier ist mir gelungen, ich bin Dir für die Mitteilung der Agode Dank schuldig und bitte Dich noch außerdem, mir das Keho Lachma Anja und die kleine Legende Maaffe be Rabbi Leser — wörtlich übersetzt — zukommen zu lassen; auch die Psalmstelle im Nachtgebete: „Zehntausend Gewaffnete steh'n vor Salomons Bette," mir wörtlich übersetzt zu schicken. Vielleicht gebe ich dem Rabbi einige Druckbogen Illustrationen auf englische Weise als Zugabe, und zwar originaler JdeeNextrakt über Juden und ihre Geschichte. — Benjamin von Tudela, der jetzt auf meinem Tische herumreist, läßt Dich herzlich grüßen, er wünscht, daß ihn Zunz mal bearbeite und mit Uebersetzung herausgebe. Die Uebersetzung und Bearbeitung vom französischen Dr. Witte, die ich vor mir habe, ist unter aller Kritik schlecht, nichts als Schulknabenwitz/) Ueber die Frankfurter Juden war mir der Schudt sehr nützlich; ich habe beide Quartbände ganz durchgelesen und weiß nicht, ob ich mich mehr geärgert über das Rischeß, das über jedes Blatt ausgegossen, oder ob ich mich mehr amüsiert habe über die Rindviehhaftigkeit, womit das Rischeß vorgebracht wird. O, wie haben wir Deutsche uns vervollkommnet! Es fehlen mir jetzt nur noch Notizen über die spanischen Juden im 15. Jahrhundert und besonders über ihre Akademien in Spanien zu dieser Zeit; wo finde ich was? oder besser gesagt, 5V Jahre vor ihrer Vertreibung. Interessant ist es, daß dasselbe Jahr, wo sie vertrieben worden, das neue Land der Glaubensfreiheit, nämlich Amerika, entdeckt worden." Man ersieht aus dieser Mitteilung mit ziemlicher Sicherheit, daß Heine schon längere Zeit vorher am „Rabbi" gearbeitet und bereits den dritten Teil vollendet hatte. Schon im Februar desselben Jahres schrieb er Mosers, daß er fleißig Chroniken lese, und im Mai 1823 erwähnt er bereits als Hauptquelle für seine Studien die Geschichte der Juden von Basnage»). Er ist also ohne Zweifel schon ein Jahr früher an diese Arbeit gegangen, und es ist nicht unmöglich, daß der Durchfall des „Almansor" die äußere Anregung dazu gegeben hat. Während Moser sich nun der Hoffnung hingab, daß „der Rabbi" fast vollendet sei, belehrte ihn ein Brief Heines vom 25. Oktober desselben Jahres, daß der Roman noch immer nicht über das erste Drittel hinaus gekommen. Dieser Brief ist für den Charakter des Werkes selbst von maßgebender Bedeutung. Ich muß ihn daher ganz zitierend) Heine meint die Uebersetzung von I. P. Baratier: Voyages de Rabbi Benjamin Als de Jona de Tudele en Europe. Amsterdam 1784. II. Vol. Baratier wurde 1721 geboren und schon 1731 als Student ans der Universität Altdors immatrikuliert. Daher der Vergleich mit Carl Witte, der ebenfalls als zehnjähriger Knabe die Universität Leipzig besuchte. Das» Itinerarium von B. v. T. ist erst 1840 von A. Asher in einer wissenschaftlichen Bearbeitung mit Noten von Zunz, Rappaport u. a. herausgegeben worden. Eine deutsche Uebersetzung hat L. Grünhut 1905 ediert. 2) VIII. 420. 8) VIII. 373. 4) Ib. 438 ff. Interessant ist sein Urteil über Basnage, VIII. 434. Auch die Romanze Donna Clara (I. 191) ist ein Beweis