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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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345 Kompcmis Grsenns. Von De. I. Elbogen. ^n unserer schnelllebigen Zeit, in der eine Sensation die andere jagt, mag dieser Namen schon wieder der Vergessenheit anheimgesallen sein. Vor kurzem noch war er in aller Munde, als Henrik Sienkiewicz Tendenzroman „Quo Vadis“ seinen Siegeslauf durch die Kulturwelt nahm. Dort ist Pomponia die Repräsentantin höchster weiblicher Vollkommenheit, die selbst dem jungen Christentum zuneigt und in ihrem Kreise mit der neuen Religion zugleich Sitte und Tugend verbreitet. Das Gegenbild bietet die wilde Entartung, die zügellose Unsittlichkeit der heidnischen Damenwelt. Zwischen beiden Extremen endlich steht die Kaiserin Poppäa. Vor der äußersten Verworfenheit weiß sie wohl ihr Herz zu bewahren, allein ihr sittliches Verhalten, ihr religiöses Fühlen bleibt weit entfernt von der Höhe, die die edle Matrone erreicht, denn sie ist nicht christliche, sondern nur jüdische Proselytin. Die Veranlassung, heute auf diese Gestalten zurückzukommen, gibt uns das vortreffliche Buch „Voei d'Oriente“ des Avv. Rafsaele Ottolenghi'). Der Verfasser hat in längerem diplomatischen Dienst den Orient kennen und lieben gelernt und gefunden, daß die Bedeutung des Orients für die menschliche Kultur, fein Einfluß auf die abendländische Zivilisation um ein beträchtliches unterschätzt werden. Nicht nur in Romanen, deren Aufgabe die historische Forschung ja nicht ist, sondern in weit verbreiteten wissenschaftlichen Werken anerkannter Gelehrter begegnete der Verfasser diesem Vorurteil, welches alle Bildung, alle Gesittung, alle Umgestaltung der menschlichen Verhältnisse ausschließlich der Einwirkung des Christentums zuschreibt und der Religion 'des politischen Erfolges den Lorbeer zuerkennt, den es dem Ehrenkranz anderer Bekenntnisse entwindet. Von den zwei Abschnitten des Buches führt uns der erste in das Zeitalter der Renaissance und zeigt „den Einfluß des Orients auf die Wiedergeburt der Wissenschaft und der Religion" (S. 1—109); der zweite behandelt „den jüdischen Proselytismus in der römischen Gesellschaft während der Kaiserzeit von Cäsar bis Domitian" (bis S. 439); eine Reihe gelehrter Noten beschließt das Werk. Aus allen ihm zugänglichen Quellen hat der Verfasser in emsiger, liebevoller Arbeit Material herbeigeschafft, unverdrossen hat er Stein auf Stein gehäuft, um von der Höhe exakten Wissens aus die von ihm behandelten Fragen zu überschauen und darzustellen. Aus dem reichen Inhalt des Buches gestattet uns der Rahmen dieser Anzeige nur wenige Proben herauszugreifen. Zunächst das Kapitel über Pomponia Graecina, jene hervorragende Frau, die unter der Anklage, einem fremden Aberglauben anzuhangen, ihrem Gatten A. Plautius, dem Triumphator über Britannien^ zur Aburteilung überlassen und vor dem Familiengericht sreigesprochen wurde. Ein langes Leben — so berichtet der sonst so wortkarge Tacitus weiter — war Pomponia beschieden, und sie verbrachte es in andauernder Trauer. „Nachdem Julia, des Drusus Tochter, durch die Tücke der Messalina ermordet war, lebte jene vierzig Jahre lang verdüsterten Gemütes der Pflege der Trauer. Da es ihr unter Claudius Regierung straflos ausging, gereichte es ihr später sogar zum Ruhme." An diesen Bericht knüpft Ottolenghi an. Er erinnert an die Greuel und Bluttaten des kaiserlichen Rom, wo eine Verbrecherin wie Messalina die menschlich Fühlenden vor Enty Voci d’Oriente. Studi di storia religiosa. Vol. I., Firenze B. Seeber, XVI u. 485 8. 8. setzen und Schrecken erschaudern machte, das ein Ungeheuer wie Nero zur „Mutter aller Ausschweifung und aller Verworfenheit auf Erden" werden ließ. Diese Zeiten des Tiefstands der Sittlichkeit in Rom rüttelten aber auch zahlreiche Gewissen auf und trieben sie hinweg von der verkommenen heidnischen Gesellschaft in Kreise reinen Fühlens, strenger sittlicher Grundsätze. Es waren die günstigsten Zeiten für die jüdische Propaganda in der Hauptstadt der Welt. Jüdische Lebensanschauung, jüdische Sittenlehre drangen mit unwiderstehlicher Kraft siegreich vor; gerade die besten und vornehmsten Kreise gewährten ihnen willig Eingang in ihre Herzen und in ihre Häuser, die Anhänger der altrömischen Anschauungen sahen mit wachsender Besorgnis, wie der Kultus „der Wolken und der Gottheit des Himmels" immer neue Anhänger gewann. Auch Pomponia Graecina, die, vom wüsten Treiben des Hofes angewidert, sich auf die Einsamkeit ihres Hauses zurückzog und nur noch der Trauer ihres Gemütes lebte, ist diesen Kreisen zuzuzählen. Der „fremde Aberglauben", dem sie anhing, war die jüdische Lehre. Die christliche Propaganda hat erst nach der Ankunft des Paulus in Rom große Fortschritte gemacht; unter Claudius (41—54), in dessen Regierung Pomponias Bekehrung von Tacitus gesetzt wird, kann von einem nennenswerten Erfolge der christlichen Propaganda in Rom keine Rede sein; die kleine, unbedeutende Gemeinde war durch innere Zwistigkeiten allzusehr zerklüftet, um nach außen geschlossen wirken zu können. Die Kirchengeschichte freilich ist bis auf den heutigen Tag bestrebt, das junge Christentum als eine vom Himmel gefallene vollendete Institution darzustellen, vor der sich gleich bei ihrem Entstehen die gesamte Welt in Ehrfurcht beugte. Nicht üm die Zugehörigkeit einer einzelnen Person zum Judentum oder Christentum handelt es sich für den Verfasser bei seiner gelehrten Untersuchung, sondern um die erwähnte allgemeine Frage. „Die kirchliche Ueberlieferung versuchte das Andenken an die alten Gegensätze verschwinden zu lassen; zu viel war ihr daran gelegen, das Eintreten der religiösen Umwälzung als ein plötzliches, vom Wort Gottes diktiertes Ereignis hinzustellen. Und so konnte man schließlich alles verdecken unter der traditionellen Phrase des (kor unum (eines Herzens), welches die Gläubigen beseelte. Allein wir kennen in der modernen Welt nur das „Cor cordium" von Percy Shelley, dessen Herz in allen Erregungen des menschlichen Schmerzes schlug; und auch das geschah vielleicht nur, weil er jung in den bläulichen Fluten unseres ligurischen Meeres seinen Tod fand, bevor die Enttäuschungen des Alters sein jugendfrisches Herz zusammenziehen konnten. Unter jenen ersten Sektenbildnern hingegen, die beseelt waren mit der ganzen Heftigkeit der Proselytenmacher, und mit dem Widerspruchsgeist der Orientalen, der sich im Streite noch erbittert, waren jene Meinungsverschiedenheiten, wie tausende von Dokumenten belegen, unüberbrückbar." (S. 343.) Noch ein anderes Kapitel aus der Urzeit des Christentums soll hier erwähnt werden, weil es ebenfalls neuerdings zu Mißdeutungen Anlaß gegeben hat, d. i. der Brand von Rom im Jahre 64 und die erste Christenversolgung (S. 167 ff.). Wie ist es gekommen, daß man plötzlich die Christen in Rom als besondere Gemeinde erkannte und sie der Brandstiftung beschuldigte? Auch hier hat Renan den Ton angegeben, indem er die Anklage auf Verleumdungen von seiten der Inden zurückführte, und neuerdings hat Prof. Harnack dieselbe Behauptung an verschiedenen Stellen seiner Werke wiederholt. „Ohne diese Hypothese ist die Verfolgung meines Erachtens schwer begreiflich;" das ist das ganze Beweismaterial, das der große Kirchenhistoriker vorbringt. Ottolenghi führt uns nun auch hier an der Hand von Sueton und Tacitus mitten in

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