Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228720--62774-3289945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
344 - - -■. v.‘ haben; die jüdische Geschichte legt ja selbst von der Wirkung der Religionsverfolgungen ein beredtes Zeugnis ab. Was aber hat diese traurigen Schatten geboren? Etwa der Priester, der Geistliche? Dessen Amt ist ja von Natur, gerade das Elend zu lindern, Friede und Gottesfreude auf der Erde zu pflanzen. Nein, nichts anderes als die Sucht, .um jeden Preis zu bekehren, der falsche Glaube, man könne auch mit List und Gewalt Seelen gewinnen, nichts anderes als der Fanatismus, die Leidenschaft. Die Religion ist das Feuer des Herzens und Wohltätig ist deS Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, Und was er bildet, was er schafft, Das dankt er dieser Himmelskrast. Doch furchtbar wird die Himmelskraft, Wenn sie der Fessel sich entrafft, Einhertritt auf der eignen Spur, Die freie Tochter der Natur. Wehe, wenn sie losgelassen, Wachsend ohne Widerstand Durch die volkbelebten Gassen Wälzt den ungeheuren Brand! Ach, wie wahr, wie in jedem Worte wahr im Hinblick auf das religiöse Gefühl! Darum lerne man aus der Geschichte, die Konfession durch die Religion nicht zu überwinden, sondern zu läuteru, daß man dem Andersgläubigen sein Recht willig einräume und sich mit ihm verbinde, das Gemeinsame gemeinsam zu üben. Wenn der in dem obengeschilderten Aufsatz enthaltene Wunsch diesen Sinn hat, dann können wir ihn freudig unterschreiben, will er aber eine völlige Verschmelzung der Parteien erreichen, dann brauchen wir uns nur an das Beispiel David Friedländers zu erinnern, tun ihm unsere Gefolgschaft zu versagen. Dieser, ein Schüler Moses Mendelssohns, hatte nämlich vor etwa hundert Jahren einem christlichen Theologen den Plan unterbreitet, mit einigen Familien znm Christentuin überzutreten, wenn man ihnen eine Anzahl Dogmen erließ. Er wollte also eine Art Vereinigung des jüdischen mit dem christlichen Glauben herbeiführen, in welcher jeder etwas von dem Seinigen zugunsten des anderen aufgebe. Der Vorschlag wurde entschieden zurückgewiesen, und das war recht. Denn was die Vorsehung aus den Tiefen der Menschenseele herauswachsen ließ und Jahrtausende hindurch in seiner Eigenart bewahrt hat, was Millionen und aber Millionen als teures Gut liebevoll umhegen, das darf und wird kein Menschenplan, und wäre er noch so klug erdacht, im Handumdrehen beseitigen. Die Erfolglosigkeit der zahllosen Missionsversuche, die man mit bewundernswerter Tatkraft und unendlicher Geduld, mit Gewalt, Schlauheit oder Liebe immer und immer wieder an uns Juden unternommen hat, sollte dem halbwegs Einsichtigen doch schon längst die Augen geöffnet haben. Ein Gedankenaustausch könnte wohl schon einer Annäherung förderlich sein, allein die Beteiligten, die selbstverständlich in ihrem Fache gründlich bewandert sein müssen, dürfen dann nicht in der Absicht zusanunentreten, die anderen zu bekehren, sondern zu belehren, ihnen Kunde zu geben von dem, was sie in ihrem Glauben für groß und schön halten, und im übrigen nicht verlangen, daß man sich dazu bekenne; jeder Zwang muß von vornherein völlig ausgeschlossen sein, selbstloser Idealismus muß die Herren leiten und feiner Takt die Worte auf die Lippen legen; wenn man voneinander geht, dann soll überall das frohe Gefühl nachklingen, genußreiche Stunden verlebt zu haben, und frei der Wille drängen, sie zu wiederholen. Wie viele aber gibt es in unserer Zeit, die über eine derartige Objektivität und eine derartige .Selbstzucht verfügen? Wenn erleuchtete Führer wie Harnack, Bousset u. a. ihre ganze Geisteskraft daran wenden, gegen die klaren Zeugnifse der Literatur eine Verherrlichung des christlichen Glaubens auf Kosten des jüdischen herbeizuführen, wie sollten da unter den kleineren Göttern sich viele finden, die bereit sind, iveder für noch gegen, sondern mit dem Judentum zu arbeiten. Ach, die Wirklichkeit zeigt nur, daß unser Zeitalter für solche Versuche im allgemeinen noch nicht reis ist; daher ist die größte Vorsicht geboten. Denn sind die Teilnehmer einer religiösen Disputation geistig und sittlich nicht von vornherein über allen Zweifel erhaben, dann können leicht sehr schlimme Folgen eintreten; der Eifer wird zur Leidenschaft, die sachliche Wärme schlägt in persönliche Schärfe um und diese Feindseligkeit streut dann ihre häßlichen Keime in weite Kreise des Volkes, sie noch mehr zu entzweien. Mögen uns die Disputationen des Mittelalters warnende Beispiele sein. Wohl aber giht es ein Gebiet, auf dem sich protestantische, katholische und jüdische Geistliche zusammen finden können, ohne jene Gefahren heraufzubeschwören, das ist die praktische Wohltätigkeit. Hier ist das Ziel allen ein Gleiches, frei von konfessionellem Beigeschmack, und allen ein Heiliges, an das sie ihre besten Kräfte setzen dürfen. Welch reicher Segen würde dieser gemeinschaftlichen Tätigkeit entsprießen! Der eine würde von dem anderen über manche Not und manche Hilfsquelle aufgeklärt, in seinem edlen Streben befestigt und zu immer neuem Schaffen angeregt werden. Dann aber, was nicht minder wichtig ist, von hier aus würde sich leicht und wie von selbst eine engere Verbindung der getrennten Massen und Klassen vollziehen. Man wird sich von seinen edlen Seiten kennen lernen und die Freundschaft muß dann auf dem Fuße folgen, man wird es aus dem unmittelbaren Leben erfahren und daher um so tiefer empfinden, wie viel weiter man kommt, wenn man einträchtig verbunden mit geeinten Kräften die Sittlichkeit fördert und der Unsittlichkeit zu Leibe geht, als wenn man sich gegenseitig verkleinert und verhetzt. Mehr als alle theoretischen Erörterungen, die doch in der Regel keine dauernde Wirkung erzielen, wird die Handlung bewegen und umwälzen, und mehr als alle religiösen Erörterungen, die so viel gefährlichen Zündstoff in sich bergen, wird die gemeinsame Tat der Liebe das Band der Liebe um die durch den Glauben Geschiedenen knüpfen. Zu den geistlichen Führern werden sich die weltlichen gesellen und dem Einflüsse beider wird es gelingen, den Rest des Widerstandes | niederzukämpfen, welchen Hochmut, Neid und Trotz dann noch lebendig erhalten; vor der Macht der offenkundig segensreichen Tat muß sich am Ende doch alles beugen. Was sich dann weiter entwickelt, gehört in das Reich der nebelhaften Hoff-. nungen, die unserem realen Idealismus fernliegen, so viel aber darf wohl zugestanden werden, daß auf diesem Grunde fest und sicher das Gebäude der Menschenverbrüderung er- \ richtet werden kann. So vermögen sich unseres Erachtens Religion und Konfession ausgezeichnet zu vertragen. Die gleichen Bestrebungen werden gemeinschaftlich ausgeführt, und die ungleichen verrichtet man getrennt, jedoch unter gegenseitiger Duldung, ja Unterstützung. Im übrigen lasse man die Zeit, die Vernunft und die göttliche Weisheit swirken, sie werden .den Sieg des Wahren und Guten vollenden. Wir sprechen mit dem Propheten Micha (Kap. 4, Vers 5): „Mögen alle Völker gehen, jedes im Namen seines Gottes, wir aber wollen im Namen des Ewigen, unseres Gottes, gehen immer und ewig."