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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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343 Nrligion und OonkrMon. Von Dr. S. Grzymisch. nter den zahlreichen Widersprüchen, welche das geistige und gesellschaftliche Leben der Gegenwart aufzuweisen hat, ist nicht der geringste der, daß auf der einen Seite eine religionsfeindliche Naturwissenschaft die Geister beherrscht und auf der andern Seite die Religion dennoch eine große Macht zu entwickeln vermag. In dem weltumspannenden England ist die Hochkirche eine einflußreiche Gebieterin, Oesterreichs Hauptstadt wird von der christlich-sozialen Partei geleitet, die freilich ihrem Namen wenig Ehre macht, indem sie den Judenhaß auf ihre Fahne schreibt, und in unserem eigenen Vaterlande, dem Reiche der Denker, rechnen die gesetzgebenden Körperschaften der beiden Hauptstaaten Preußen und Bayern das streng katholische Zentrum zu ihren größten, ausschlaggebenden Parteien. Während Frankreich soeben mit gewaltiger Anstrengung das Joch des Papsttums von seinen Schultern abgewälzt, strebt unser Preußen immer mehr in den Strom des Konfessionalismus hinein und bringt ihn soeben durch Gesetz in der Volksschule zur Regierung. Ist es da ein Wunder, wenn sich der denkenden Gemüter eine gewisse Aufregung bemächtigt, wenn sich insbesondere die Frage in ihnen regt: Ist die Konfession, das spezielle, beschränkte Glaubensbekenntnis, herrschberechtigt, oder hat sie der allgemeinen Religion, die nur Gefühl ist und sich an alle Menschen wendet, zu weichen? „Religion und Konfession", so lautet denn auch der Titel eines Aufsatzes, den Julius von Negelein in einer der jüngsten Nummern des „Zeitgeist", der vortrefflichen literarischen Montagsbeilage des „Berliner Tageblatt" (vom 2. Juli d. I.) veröffentlicht. Der Verfasser macht die Beobachtung, daß die christliche Kirche in unserer Zeit sich aus großen Parteien und zahlreichen kleineren Sekten zusammensetzt, die sich teils ausschließen, teils befehden. Ein Rückblick in die Vergangenheit lehre, daß das religiöse Gefühl an sich stets unzerstörbar in der Menschenbrust wurzelte, durch Not und Tod sich immer wieder ans Licht rang, während der Kampf der verschiedenen Konfessionen unsägliches Leid über die Welt gebracht, ja die Kultur in ihrem Fortschritte geradezu gehemmt habe. Darum sei es dringend notwendig, zu verbinden, was sich solange getrennt hielt, auf der Grundlage der gemeinsamen religiösen Stimmung die Kluft zu überbrücken, und das Mittel, das die Versöhnung anbahne, sei der „lebendige Ideenaustausch" zwischen den geistlichen Vertretern und den andern Gliedern der einzelnen religiösen Richtungen. Diesen aber ersticke die Konfessionsschule bereits im Keime. Schon werde die Wissenschaft, die doch ihrer ganzen Natur nach über den Parteien zu stehen habe, mehr und mehr in den Dienst der Kirche gestellt, auch das gesellschaftliche Leben habe der religiöse Streit getrübt und gespalten, es sei hohe Zeit, daß man sich auf das, was uns eint, besinne, um es in friedlichem Zusammenstreben zu verwirklichen. Diese Ausführungen können nicht verfehlen, auf den Juden Eindruck zu machen. Zwar schwebt dem Verfasser allein das Christentum vor Augen. Seine Schatten sieht er in der Gegenwart, sein blutiges Ringen sieht er in der Vergangenheit; den andern religiösen Systemen werden nur gelegentliche Bemerkungen gegönnt, während seine Forderung, an sich betrachtet, sie doch ebenso einschließen muß. Wir können nicht mit der Anschauung übereinstimmen, daß die Konfession unnütz oder gar schädlich sei, wir halten sie vielmehr für notwendig, ja für segensreich. Wie der Baum nicht mit einem einzigen Ausläufer in die Höhe strebt, sondern rechts und links Aeste und Zweige ausseudet, so kann auch die Menschheit ihr Verhältnis zum allerhöchsten Wesen nicht in unterschiedslos gleicher Weise empfinden. Dieser ist so geartet und jener anders, dieser verfügt über eine höhere und jener über eine geringere Bildung, dieser hängt mit weichem Gemüte, ohne zu fragen und zu wollen, an den Ueberlieferungen der Väter, und jener, der nur die Gegenwart und Zukunft ehrt, setzt sich rücksichtslos über sie hinweg; wie kann man da verlangen, daß sich bei allen die Religion in ein und derselben Weise äußere! Können wir es nicht hindern, daß die Politik verschiedene Parteien erzeugt, so sollten wir doch auch der Religion dieses Recht lassen. Freilich, auch das Judentum sehnt eine Zeit herbei, in welcher alle Völker in einem Glauben geeint sein werden, seine Propheten haben sie in herrlichen Bildern ansgemalt, seine Gelehrten haben sie zum ewig leuchtenden Ziele ihrer Ueberzeugungen erhoben, seine Frommen haben sich im Glauben an sie über alles tränenschwere Leid der Gegenwart hinweggesetzt, allein der Einsichtige sah sie nicht heut und morgen kommen, sondern erst nach langer, langer Zeit, er wußte, daß sie nicht wie ein äeus ex machina erscheine, sondern daß die Menschheit erst langsam, mühsam zu ihr erzogen, emporgehoben werden müsse. Solange es aber möglich ist. daß die Residenz eines mächtigen Reiches sich in die Hände von Männern gibt, welche sich der Feindschaft gegen eine Klasse von Nebenmenschen offen rühmen, solange die Metzeleien in Rußland nicht in der ganzen zivilisierten Welt einen Schrei der Entrüstung wecken, daß jeder Staat sich gedrängt fühlt, im Namen der Menschlichkeit energisch dagegen Verwahrung einzulegen, so lange ist die allumfassende Religion nur ein schöner Traum, dem Reifen nur wird die reife Frucht in den Schoß fallen. Dabei übersehen wir nicht, wie weit die Vorurteilslosigkeit und das Menschlichkeitsgefühl in Amerika bereits vorgeschritten sind, und betrachten es als eine bedeutsame, innig erfreuende Erscheinung, wenn sich bewahrheiten sollte, was ein englisches Blatt vor wenigen Tagen meldete, daß der König von England sogar eine Hoffestlichkeit vom Freitag auf den Donnerstag verlegt habe, um dem Oberrabbiner und anderen jüdischen Eingeladenen, welche den Sabbat streng feierten, die Möglichkeit zu geben, sich daran zu beteiligen. Die Messiaszeit soll auch nicht die Verschiedenheiten aller religiösen Ideen und Einrichtungen aufheben, denn Klima, persönliche Eigenart und Volksvergangenheit werden immer gewisse Unterschiede erzeugen und rechtfertigen, nur die Grundgedanken, der Glaube an ein einziges göttliches Wesen und an die sittlichen Ideale werden den Völkern gemeinsam sein und so mächtig in ihnen wirken, daß Neid, Hinterlist und Zwietracht sich nicht hervorwagen, die Menschen vielmehr in gegenseitigem Wohlwollen sich fördern und in friedlichem Wettstreit zu immer höheren Höhen emporstreben werden. So sagen auch unsere Weisen: In der künftigen Welt wird nur das Unterdrückungssystem der Nationen aufhören. Ist es demnach eine natürliche Erscheinung, wenn die religiöse Gesinnung in mannigfaltigen Formen auftritt, so sind auch die einzelnen Konfessionen naturnotwendig, Glieder im Heilsplane der Welt, Werkzeuge des göttlichen Willens. Schon unsere großen jüdischen Religionsphilosophen haben diese Ansicht ausgesprochen, wir werden ihnen zustimmen und andere Glaubensbekenntnisse nicht verurteilen dürfen, wenn wir auch von ihrem Inhalte mehr oder weniger abweichen. Sie haben ja in der Tat zur Höherentwicklung der Menschheit beigetragen und damit ihre Existenzberechtigung nachgewiesen. Freilich sind auch giftige Blumen ihren: Schoße entsprossen, die furchtbarsten Kämpfe wurden im Namen der Konfession geführt, Kämpfe, welche Raub, Mord und entsetzliches Elend verbreitet

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