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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · p. Seite 342

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
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Angelegenheiten schweigt. Ja, wenn es sich um Serben, Chinesen, Bulgaren oder wenigstens Armenier handelte, da müßte man eingreifen; aber die paar hingeschlachteten Juden, — Bauer, das ist etwas anderes. Der Vorsitzende der Delegation, Prinz Lobkowitz, es muß bei uns immer wenigstens ein Prinz sein, der dies schwere Amt auf sich nimmt, — regt sich während der Rede Strauchers. Will wohl Se. Durchlaucht den armen Juden fein Beileid ausdrücken? Geholfen wäre ihnen damit. Aber er drückt es nicht aus, er unterbricht den Redner, der ihm zu lange redet. Er macht es ähnlich wie der Reiche, dem ein Armer gar zu herzbewegend sein Elend schilderte. Der Reiche läßt den Armen hinauswerfen mit den geflügelten Worten: „Der Mann zerreißt mir das Herz." Und jetzt läßt Kramarz seine Rede ertönen. Die Gedanken sind ihm ausgegangen und ein „weises" Wort stellt sich bei ihm ein. Es ist das alte abgedroschene Schlagwort von dem Sämann und dem Schnitter. Der Sämann, das ist der Jude, der Wind gesäet, soll wohl heißen die Revolution in Rußland gemacht, daher erntet er Sturm. Kramarz Weisheit ist nun ganz erschöpft. Jetzt wissen sie es, die jüdischen Väter in Rußland, denen die Söhne erschlagen und die Töchter geschändet, die Kinder wissen es, denen die Eltern von bestialischen Barbaren hingemordet wurden, sie'wissen es, warum dies geschah. Das Lumpenvolk, genannt Hooligans, ist nach Kramarz Ausspruch eigentlich Rächer des von den.Juden mit Füßen getretenen Rechtes. So spricht ein Mann, auf dessen Wort Tausende hören, der bei uns zu den Maßgebenden gehört, welcher sicherlich das verkündet, was sich Tausende, ja Hunderttausende hinter ihm Stehende denken. Und da glaubt man, daß die Juden, sei es in Rußland, sei es anderwärts, zu ihrem Rechte kommen werden? Nach Kramarz hätten sich die Jude» in Rußland für die ihnen angetane unmenschliche Behandlung bei den Autokraten wahrscheinlich noch schön bedanken, sie hätten die Hand küssen sollen, die sie niederschlug; weil sie das nicht getan, sind sie „Windsäer", und der Sturm bricht nun über sie herein. Also hat Pythagoras-Kramarz selbst gesprochen, und der muß es wissen. Nicht einmal der Alldeutsche Stein und sein Busenfreund Schönerer wagten es, also zu reden. Man muß ein Tscheche sein, um derartige russische Weisheit zu verzapfen. Ist es zu verwundern, wenn man an dem Gewissen unserer „leitenden" Männer zweifelt? Die Juden in Böhmen sind doch stramme Anhänger der tschechischen Partei, in den böhmischen Bezirken wagt es ein Jude nicht, deutsch zu sprechen, selbst der Gottesdienst wird da in tschechischer Sprache abgehalten; wie viele Juden mögen den Abgeordneten Kramarz gewählt haben, und nun heimsen sie diese» Dank ein. Wir würden gar nicht darüber staunen, wenn mau nächstens auch in andern, uns näher liegenden Ländern eine fröhliche Judenhetze inszenierte, Anlässe dazu könnten nach Kramarz Rezept-vielleicht gefunden werden. Und haben wir nicht in Böhmen und Mähren ganz respektable „Pogroms" erlebt, die von Gesinnungsgenosien des Herrn Kramarz ins Werk gesetzt wurden? Es wäre nur für den zukünftigen Obmann des Tschechenklubs schwer, die friedlichen Juden Holleschaus oder Prags revolutionärer Gesinnungen zu bezichtigen. Was nützt dem Sprüchlein Kramarz gegenüber eine noch so überzeugende Rede, wie sie Dr. Straucher in der Delegation hielt! Für Kramarz den Obertschechen, ebenso wie für Stein, beit Obergermanen, sind die Juden die Rasse, für die das „ceterum censeo" gilt, das; man sie mit eisernem Besen hinwegfegen müsse. — Da verlangten die Alldeutschen für die deutschen Gemeinden in der Umgebung der galizischen Stadt Biala ein Abgeordneten-Mandat; dieses wäre vielleicht einem Juden zugefallen. Welchen Ausspruch leistete sich nun während der Debatte über diese Angelegenheit ein Alldeutscher? „Wir wollen nicht, daß dieses Mandat ein Jude erhalte, weil wir die Vorherrschaft der Juden in Oesterreich nicht wünfchett." Man denke nur, was in dem Gehirn jenes strammen Antisemiten Vorgehen mag, der da meint, durch ein neuzuschaffendes Mandat, das möglicherweise ein Jude bekommen könnte, müßte ihre Vorherrschaft in Oesterreich gefördert werden. Man weiß nicht, soll man hier mehr über die Bosheit oder Torheit von Leuten staunen, die ganz gut wissen, wie es mit dieser vielgeschmähten, sogenannten Hegemonie der Juden bei uns aussieht. Der Abgeordnete Straucher hat den Herren, die sich gar so sehr vor den Juden fürchten, die schlagendste Antwort gegeben. Seit Jahren ist man sehr zurückhaltend geworden bei der Aufnahme von Juden in das militärärztliche Korps; in gewiffe höhere Gerichtsstellen gelangen sie niemals; will ein Jude in die Gerichtspraxis eintreten, kann er dies nur, wenn er sich hat bescheinigen lassen, daß er kein Jude mehr sei; im Militärauditoriat sitzt überhaupt kein Jude. Kein Jude? Stein, der Obergermane, verneint dies lärmend. Ein hoher Auditoriatsbeamter ist, nach Steins Meinung, ein Jude, freilich ein getaufter. Steins Raffentheorie unterscheidet aber nicht zwischen Getauften und Ungetauften. Auch für den Abgeordneten Klofac - der Mann gehört zu der Spielart der Tschechisch-Radikalen und wies demgemäß eine Einladung zur Hoftafel zurück — sind in der Armee zu viel Reserveoffiziere, die Kohn und Silberstein heißen; der Edle meint, diese Kohns und Silbersteins würden im Ernstfälle der Armee wenig nützen. Wer wagt es, Klofacs Ausspruch zu widerlegen? Mit seinem Mandat als Abgeordneter hat Klofac auch datz Recht erhalten, daß man an seiner weisen Voraussicht nicht zweifeln dürfe. Die Kohns und Silbersteins sind für Klofac und Genossen abgetane Leute. Und dafür mögen sie sich bei ihm bedanken. Den Abgeordneten Kramarz aber, zukünftigen Obmann des Klubs der Tschechen, möchten wir bescheiden, wie es unsere Art ist, fragen: „W er säet Wind?" Sind es wirklich unsere überall zurückgesetzten Kinder, denen eine ganze Reihe von Stellen verschlossen ist? Warum muß der Jude, wenn er für fähig erklärt wurde, ein höheres Staatsamt zu bekleiden, seinen Befähigungsnachweis durch einen anderen Schein oder Zettel noch erbringen? Glaubt Kramarz, daß durch ein solches Vorgehen das Rechtsgesühl in uns besonders gehoben werden kann? Wird nicht vielmehr eine Verbitterung in breiteren Volksschichten hervorgerufen, die nur schädlich im öffentlichen Leben wirken kann? Der Dr. Kramarz ist doch ein Staatsmann, oder will es sein. Er bedenke, was wir hier ausgeführt haben, und dann wird er vielleicht die richtige pshchologische Erklärung finden für manche höchst traurige Erscheinungen unserer Zeit; er wird sie finden und noch andere, die höher stehen, als er. Und wenn er wieder seine Spruchweisheit auskramen wird, der.Dr. Kramarz (man verzeihe das Wortspiel), dann empfehlen wir ihm einen ähnlichen Satz, den unser Spruchdichter schon vor Jahrtausenden ausgesprochen hat, welcher lautet: „Wer Unrecht säet, wird Unheil ernten, und seine Strafrute bereitet er sich." So steht es geschrieben im „Buche der Sprüche", Kapitel 22, Vers 8. Iwri.

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