Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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341 Das russische Parlament hat in dieser Woche noch immer den Pogrom von Bialystok besprochen. Der Abgeordnete für Wilna, der katholische Bischof Baron Noop, erzählte in seinen Ausführungen unter anderm, ein General habe gesagt, die Soldaten würden niemals auf Christen, sondern nur auf Israeliten schießen. Redner gab seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die obersten Chefs der Verwaltung, wenn sie es wollen, immer imstande seien, den Pogroms ein Ende zu machen. Der Generalgouverneur von Wilna habe einmal antisemitische Agitatoren zu sich berufen irnd sie gebeten, keine Pogroms zu arrangieren. Sie hätten erwidert: „Sie wollen es nicht, dann werden wir nichts tun." Redner stellt fest, daß unter den Soldaten und den Polizisten eine gewisse Reizbarkeit gegen die Juden bestehe. Die Ursache sei die mustergültige Organisation der Israeliten, die bei den Christen Neid Hervorrufe. Es sei notwendig, sagt Redner, den westlichen Provinzen das Selfgovernment zu gewähren, da sonst Pogroms unausbleiblich seien. Die Zentralregierung beschäftige sich stets mit der Rusjifizierung der westlichen Provinzen; sie habe sogar die Bildung einer gemüßigten konstitutionellen Partei in Wilna unter dem Vorsitze des Bischofs verboten. Die Regierung leiste so den Extremen Vorschub. Abgeordneter Winawer hielt eine lange Rede, in der er verschiedene Tatsachen anführte, welche die Teilnahme der Zentralregiernng an den Judenmassakers beweisen sollen. Die Regierung wolle die Juden zwingen, daß sie ihre Revolutionäre verraten. Die gesamte russische Nation verabscheue die Akte der Grausamkeit und Barbarei. (Beifall.) Die Regierung treibe eine Politik voll Unaufrichtigkeiten, eine Politik, die das Land in unerhörte Gefahren stürze. Wir haben, schließt Redner, an die Minister den Appell gerichtet, sie mögen aus ihrem Amte scheiden. Doch sind sie taub und wollen nicht die Stimme der Nation hören. Sie sehen nicht, wie die Gewitterwolken näher ziehen, sich immer mehr zusammenballen, um mit einem furchtbaren Blitzschläge das Land zu zerschmettern. Und wenn die Regierung sich erst unmittelbar vor der bevorstehenden Entladung zur Demission entschließt, dann wird es zu spät sein. In diesem Ton gingen die Verhandlungen weiter. Schließlich verlangte der Abgeordnete Kokoschkin die Annahme einer sehr scharf gehaltenen Tagesordnung, in der die Regierung beschuldigt wird, den Pogrom in Bialystock arrangiert zu haben, und in der ferner der sofortige Rücktritt des Kabinetts gefordert wird. Wie es heißt, fühlt sich die Duma nach Eingang des Wortlautes der Unterhausrede des britischen Staatssekretärs des Auswärtigen, Sir Edward Grey, gekränkt. Der verletzende Satz in der Rede ist der, worin Grey seinen Glauben an die Unschuld der russischen Regierung hinsichtlich der Bialystocker Metzeleien ansdrückt. Hierdurch wird die Glaubwürdigkeit der Dumakommission bezweifelt. Die Konnivenz der Regierungsorgane bei den Untaten sei nachgewiesen. Zilkin, der Führer der Arbeiterpartei, wird einen scharfen Protest gegen Greys Erklärung einbringen und der Duma Vorschlägen, jede Einladung zum Empfange der britischen Flotte abzulehnen. Nach der kürzlich veröffentlichten amtlichen Darstellung der Judenmetzeleien in Bialystok, in der, wie erinnerlich, die Schuld der Regiernngsbeamten und die Teilnahme der Soldaten an dem Pogrom auf das Entschiedenste in Abrede gestellt worden ist, darf es immerhin als ein sehr erfreuliches Zeichen betrachtet werden, daß jetzt nach einer Meldung aus Petersburg der Gouverneur von Grodno, Küster, zu dessen Amtsbezirk Bialystok gehört, abberufen worden ist. .Küster soll, wie seinerzeit berichtet, sich in rohester und perfidester Weise über die guten Folgen eines Pogroms für den russischen Staat ausgesprochen und diese Gesinnung auch durch Verweigerung jeglicher Beihilfe zur Verhinderung des von den Bialystocker Juden befürchteten Pogroms aktiv betätigt haben. Die nunmehr erfolgte Enthebung Küsters von seinem Posten läßt diese Behauptungen als zutreffend erscheinen. Aber auch auf die weiteren Angaben von jüdischer Seite, daß das Militär die Massakers nicht nur verhindert, sondern werktätig unterstützt habe, gedenkt die Regierung genauer einzugehen. Zu diesem Zwecke ist bereits General Bulujew in Bialystock eingetroffen, um eine Untersuchung über die Haltung des Militärs während des Pogroms anzustellen. Ob allerdings diese Untersuchung zu Ergebnissen führen wird, ist eine andere Frage. Inzwischen ist auch die geheime Druckerei des Polizeidepartements in Petersburg, in der die Aufrufe zu Pogromen hergestellt wurden, auf Befehl des Ministers des Innern geschlossen worden. Ißricf aus Lrltrrrrich. Anfang Juli. er Abgeordnete und Delegierte Dr. Kramarz hat gesprochen, „uvtoq?■<,«", er hat sein Votum in einer Sache abgegeben, die, wie wir wohl ohne llebertreibung sagen können, nicht nur das gesamte Judenvolk, sondern auch die ganze übrige Welt berührt, oder wenigstens berühren, wenn nicht mächtig ergreifen sollte. Der Herr Delegierte hat sich nämlich in einer Sitzung der österreichischen Delegation über das in der „Welten-Geschichte" unerhörte Gemetzel in Bialystok folgendermaßen "geäußert: „Wer Wind säet, der wird Sturm ernten." In diesen Worten kommt des Herrn Dr. Kramarz ganzes Erbarmen zum Ausdruck. Es ist dies grade so, wie wenn jemand im Anblicke eines getretenen Wurmes sagte: „Warum hat er sich auch unter des Menschen Fnß begeben!" Wir hören die alte Geschichte wieder von dem Wolfe, dem das Schaf das Wasser trübte. Sie wollen wissen, wer dieser Dr. Kramarz eigentlich sei, da sein Ruf noch nicht bis zu Ihnen gedrungen ist? Ihre Wißbegierde möge Befriedigung finden. Der Herr Doktor ist eine der Größen unseres Tschechenklubs, er soll jetzt sogar zu dessen Obmannschaft emporsteigen. Er ist der Rivale des Dr. Stransky, eines getauften jüdischen Rechtsanwalts, der nahezu Minister geworden wäre, und sich, wie wir glauben, darob ärgert, daß es ihm nicht gegönnt war, das tschechische Landsmannministerportefellille zu erringen. Er tut nun das, was verschmähte Ministerkandidaten'immer taten, er opponiert der Regierung und dem Klub der Tschechen. Kramarz aber wurde berufen, den redegewalldten Dr. Stransky in die Schranken zu weisen. Von Kramarz Tätigkeit ist weiter fvlgelldes zu sagen: In seinen Mußestunden beschäftigt sich der Herr, wenn wir nicht irren, mit Volkswirtschaftslehre. Ans seiner Vergangenheit ist insbesondere folgendes Faktum bekannt: Während der Aera Badenis, jammervollen Angedenkens, brachte er, als damaliger Vorsitzender des Parlaments, die Polizei in unser Volksvertretungshaus. Jetzt wissen Sie alles. Kramarz hat Vorliebe für die Polizei, ist also ein Ordnungssanatiker, und sympathisiert mit Rußland im allgemeinen und mit der russischell Polizei im besonderen. Lassen wir ihn das Vergnügen dieser Sympathie. Aber es ist etwas Großes um einige dieser Parlamentarier. Da schildert der vortreffliche Dr. Straucher, einer der Besten unter uns, in der österreichischen Delegation, vor deren Forum die auswärtigen Angelegenheiten gehören, die namenlosen Leiden unserer Brüder in Rußland. Er möchte den Grafen Goluchowski, der sich behaglich in seinenr Fauteuil dehnt, ein wenig aufrütteln-. Der Redner meint, die Juden hätten doch auch ein Recht, daß ihre gerechte Sache vor die Haager Friedenskonferenz gebracht werde. Der Minister der auslvärtigen