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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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34 0 Nach Annahme des Jahresberichts und der Bilanz wurden die ausgeschiedenen Mitglieder des Verwaltungsrates, Leonhard L. Cohen- London, Paul Errera-Brüssel, Charles L. Hallgarten-Frankfurt a. M., Narcis Leven, Herbert G. Lousada und Salomon Reinach-Paris auf weitere fünf Jahre gewählt. Im übrigen gestaltete sich die Sitzung, die zehnte seit Bestehen der Jewish Colonisation Association in ihrer gegenwärtigen Form zu einer erhebenden Gedächtnisfeier für den verstorbenen Begründer der Gesellschaft, den unvergeßlichen Baron Hirsch. Präsident Narcis Leven benutzte diese Gelegenheit zu einem umfassenden Rückblick auf die Jewish Colonisation Association. Er gedachte der verstorbenen Mitglieder des Verwaltungsrates, die sich, wie H. Goldschmid, Julius Plotke und namentlich der in diesem Jahre verstorbene Grand Rabbin Zadoc Kahn, um die Jewish Colonisation Association in hervorragender Weise verdient gemacht haben. Der Verlust des Letztgenannten, führte ungefähr der Redner aus, wird vom Judentum täglich, ja stündlich lebhaft empfunden. Er fehlt uns hier in Frankreich, er fehlt uns überall! Kurze Zeit vor seinem^ Hinscheiden, da der Todesengel schon sichtlich seine Hand auf ihn gelegt hatte,erhielt er nochKenntnis von der furchtbarenKatastrophe, welche im Herbst vorigen Jahres über die Juden in Rußland hereingebrochen war. Er nahm seine letzten Kräfte zusammen, um die Sammlungen zu organisieren und einen Aufruf an die französische Judenheit niederzuschreiben. Der größte Rabbiner Frankreichs verzweifelte nicht an der Zukunft Israels, und auch wir wollen angesichts der gewaltigen Aufregung, welche die Bialystoker Ereignisse in ganz Europa hervorgerufen haben, nicht verzweifeln. Wir find Zeugen geworden, wie die Sympathien der ganzen Kulturwelt sich unfern von Mörderbanden bedrohten Brüdern zuwendeten und wie das liberale Rußland sich wie ein Mann erhoben hat, um unfern russischen Glaubensbrüdern zu ihren Menschenrechten zu verhelfen. Dank der Hilfe des edlen Baron Hirsch können wir noch etwas mehr tun als nur hoffen! Und nun gab der Redner eine kurze Uebersicht über die bisherige Tätigkeit der Jewish Colonisation Association. Die vom Baron Hirsch nach langen Verhandlungen mit der russischen Regierung begründete Jüdische Auswanderungsgesellfchaft darf nach einer langen Reihe von Versuchen und Enttäuschungen sich endlich des definitiven Erfolges rühmen. In einem Lande mit gemäßigtem Klima und fruchtbarem Boden haben wir auf einem Flächenraum von 463 716 Hektar 1251 Familien mit 9227 Seelen und 2195 Tagelöhnern angesiedelt. Die Kolonisten verwalten ihre Gemeinde- und alle sonstigen gemeinnützigen Angelegenheiten selber, und der Tag ist wohl nicht mehr fern, an dem wir ihnen die volle Selbstverwaltung werden geben können. Wie gut es den jüdischen Kolonisten in Argentinien geht, beweist am besten die Tatsache, daß sie im Jahre 1905 nicht weniger als 639 000 Franks haben zurückzahlen körnten. Außer den von uns errichteten Kolonien mehrt sich auch die Zahl der freien, mit Unterstützung des Staats ans eigener Initiative der Immigranten in Argentinien entstehenden Kolonien von Jahr zu Jahr. Argentinien, das vor etwa zehn Jahren der jüdischen Immigration noch gänzlich unbekannt war, dürfte gegenwärtig mehr als 40 000 Juden zählen, von denen über 75 Prozent außerhalb der jüdischen Kolonien leben. Es werden nicht mehr viele Jahre vergehen und Argentinien wird ein großes jüdisches Kulturzentrum sein! In den ersten sünf Monaten des Jahres 1906 sind da nicht weniger als 5290 Juden eingewandert. Auch in Kanada ist es uns nach einigen Enttäuschungen gelungen, eine jüdische Ackerbaubevölkerung zu etablieren. Die Hirschkolonie zählt 278 und die Kolonie Qu'Appelle sogar 500 Einwohner. Daneben wächst die Zahl der spontanen jüdischen Einwanderung in Kanada von Jahr zu Jahr. In Brasilien hat die Gesellschaft vor kurzem mit 40 Familien den ersten landwirtschaftlichen Kolonisationsversuch gemacht. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika suchen wir die industrielle wie die landwirtschaftliche Bevölkerung zu unterstützen. Die Industrieschule zu Newyork verwandelt in sechs Monaten jüdische Händler in gute Fabrikarbeiter, und in Woodbine im Staate New- Jerseh ist ein Zentrum jüdischer Industrie entstanden. Daselbst besteht auch eine jüdische Ackerbauschule. Endlich hat die Jewish Colonisalion Association in Neu-England und anderen Staaten Nordamerikas 1200 jüdische Einzelfarmer mit 7000 Seelen unterstützt. Der Redner erwähnt noch kurz die jüdischen Kolonien in Palästina, deren Lage sich von Jahr zu Jahr bessert, der von Professor Marburg unterstützten, später von der Jewish Colonisation Association übernommenen zwei Kolonien bei Eski Scheir in Anatolien, sowie der Ackerbauschule Or Jehuda bei Smyrna, um sich in längerer Ausführung über die Tätigkeit der Gesellschaft in Rußland, Rumänien und Galizien zu verbreiten. In Rußland gibt es jetzt über 150 000 Juden, welche größtenteils von Ackerbau leben. Ihre Lage wird infolge von Landknappheit (die Kolonisten dürfen auf Grund der Maigesetze bekanntlich kein neues Land hinzukaufen) von Jahr zu Jahr prekärer, und die Jewish Colonisation Association schießt ihnen die Mittel vor. um durch Ankauf von Maschinen, Einführung wertvoller Kulturpflanzen usw. auf ihren schmalen Anteilen Jntensivwirtschaft zu treiben. Für die jüdische städtische Bevölkerung Rußlands sind bis jetzt mit Hilfe der Gesellschaft 26 Spar- und Darlehnskassen mit ca. 27 000 Mitgliedern entstanden. Endlich unterhält die Jewish Colonisation Association in Rußland 70 Primärschulen, Welche gegenwärtig von 7000 Kindern besucht werden, ferner 39 professionelle Schulen mit 2500 Zöglingen, sowie 5 Ackerbauschulen. Das Gleiche geschieht in Galizien, wo die Jewish Colonisation Association nebst einer Ackerbauschule 12 Kriditgenossenschaften subventionierte. In Rumänien erhalten 7434 Kinder in 35 von der Jewish Colonisation Association subventionierten Primärschulen den ihnen vom Staate versagten Unterricht. Ferner gibt es da 2 professionelle Schulen mit 243 Zöglingen. Seit 1900 interessiert sich die Gesellschaft überdies für die jüdischen Auswanderer aus Rumänien. Für die Opfer der Judenkrawalle in Rllßland hat die Jewish Colonisation Association erhebliche Summerl ausgegeben, um sie nach überseeische Länder auswandern zu lassen. Zum Schluß erwähnte der Redner noch der vor wenigen Jahren durchgesührten Statutenänderung, durch welche es der Gesellschaft erst gesetzlich möglich wurde, sich in so vielen Ländern und auf so mannigfachen Gebieten zu betätigen. Er schloß mit einem warmen Dank an alle Mitarbeiter und Beamte der Gesellschaft. Letztere haben durch ihren Eifer bekundet, daß sie die Größe ihrer Aufgabe voll begriffen haben. £ Für die Zustände in Rumänien ist die nachfolgende Korrespondenz eines antisemitischen Blattes aus Bukarest sehr charakteristisch: „DerJustizminister Badarau hat aus dem runränischenMinisterium ausscheiden müssen, weil er in den Verdacht der Judenfreundlichkeit geraten ist. Der Vorfall ist charakteristisch sür die Auffassungen, welche das öffentliche Leben in Rumärrien in bezug auf die Juden beherrschen. Der bloße Verdacht der Judenfreundlichkeit genügt, um einen Minister absolut unmöglich zu machen und ihn zum Rücktritte zn zwingen. Wer ein Judenfreund ist, in dem erblickt man keinen wahren Rumänen mehr. So empfindlich ist das rumänische Nationalgefühl gegen jede Beimischung jüdischer Einflüsse. Badarau war, bevor er Justizminister wurde, Advokat in Jassy, wo er viele reiche Juden zu Klienten hatte. Infolgedessen drängten sich an ihn als Minister wiederholt verschiedene Juden heran, die seine Protektion suchten^ So kam er in den Verdacht der Judenfreundlichkeit und verlor sein Portefeuille. Das Geheimnis des großen Aufschwunges, den Rumänien genommen, liegt darin, daß es seine demokratischen und freisinnigen Institutionen judenrein zu erhalten versteht, indem kein Jude in das Parlament und kein Jude in die Verwaltung Zutritt hat und überhaupt kein Jude als Rumäne angesehen wird, auch wenn er sich noch so sehr als Rumäne geriert. Magyaren, Polen und andere Nationen lassen es ruhig geschehen, daß sich Juden unter ihrer Maske in ihre nationalen Reihen drängen; die Rumänen wollen von dieser Maskerade nichts wissen und sehen darin nicht nur keinen Gewinn, sondern geradezu eine Gefahr." „Das Geheimnis des großen Aufschwungs" von Rumänien ist allerdings auch ein Geheimnis für die Kulturwelt bisher geblieben! *

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