Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 338 -— gefühl sich des Verfolgten annahmen und für die Wiederaufnahme des Verfahrens und schließlich für die Berufung an den obersten Gerichtshof eintraten. Es sei nur an die Scheurer-Kästner, Zola, Oberst Picquardt und noch viele andere erinnert. Aber es würde zu weit führen, würde mehr wie eine Nummer dieses Blattes in Anspruch nehmen, wollten wir die ganze sich während eines Zeitraumes von zwölf Jahren abspielende unselige Affäre Dreyfus hier von neuem aufrollen- Es hieße auch infandum renovare dolorem, wollten wir den ganzen Schmutz auswühlen, der in dieser Angelegenheit von Generalen, Ministern, Senatoren, Deputierten und dem ganzen antisemitischen Plebs in all diesen Jahren zusammengetragen, alle die ungeheuren Verbrechen, die begangen worden sind, wieder erzählen. Bei dem Jntereffe, mit welchem man in der ganzen zivilisierten Welt die Dinge verfolgt hat, und bei dem tiefen Eindruck, den alle die Ungeheuerlichkeiten auf die Zeitgenossen gemacht haben und die darum noch in aller Gedächtnis sind, wäre dies auch im Grunde überflüssig. Es seien daher nur „die neuen Tatsachen" aufgezählt, die schließlich zu der Revision geführt haben. Das oft erwähnte „Petit bleu“ (Rohrpostsendung), das Oberst Panizzardi an den Obersten von Schwarzkoppen geschickt hatte über den Transport der Truppen im Falle einer Mobilmachung, war nicht, wie das Renner Kriegsgericht annahm, im Jahre 1894 geschrieben, sondern erst im Jahre 1895, also zu einer Zeit, da Dreyfus sich bereits auf der Teufelsinsel befand. Das Schriftstück über verschiedene Artillerieregimenter, das Dreyfus der deutschen Regierung ausgeliefert haben sollte, und das aus dem Bureau, in welchem er beschäftigt gewesen, verschwunden war, ist im Kriegsministerium aufgefunden worden. Der Buchstabe D, durch den Dreyfus bezeichnet werden sollte, hatte ursprünglich gar nicht dagestanden, sondern war, nachdem ein anderer Buchstabe ausradiert worden war, hingesetzt worden. Weiter hat sich herausgestellt, daß verschiedene Aktenstücke, die zugunsten Dreyfus sprachen, dein Kriegsgericht in Rennes nicht vorgelegt worden sind. Ferner ist inzwischen ein Dokument gefunden worden, aus dem hervorgeht, daß Dreyfus nicht das ihm zugeschriebene Geständnis abgelegt hat. Endlich hat man Grund zu der Annahme, daß in Rennes ein Zeuge (Cernuschi) falsches Zeugnis abgelegt habe. Man hätte nun glauben sollen, daß jeder, der nicht aller menschlichen Empfindung bar, dem noch eine Spur von Gerechtigkeitsgefühl übrig geblieben ist, sich hätte freuen müssen, daß die Sonne die unzweifelhaft gegen einen Unschuldigen verübten Verbrechen endlich an den Tag gebracht hat, daß die Ehre eines Menschen, der infolge eines Justizmordes, hier nicht im Sinne eines bloßen Jnstizirrtums, sondern der brutalen Erdrosselung des Rechts, lange Zeit die furchtbarsten körperlichen und seelischen Qualen ausgestanden hat, endlich wiederhergestellt werden sollte. Allerdings macht die Heuchelei die übliche billige Verbeugung vor der Gerechtigkeit und behauptet, „natürlich" sich zu freuen, das Recht nun doch Recht bleibe. Das geschieht auch in den deutschen Antisemitenblättern, aber fragt mich nur nicht, wie? Jndeffen auch ungefragt wollen wir es festnageln, weil es zu bezeichnend ist. War es ja auch schon bezeichnend für diese Preßorgane, daß, als selbst der deutsche Botschafter, ja sogar der deutsche Kaiser die Unschuld des unglücklichen Kapitäns erklärt hatten, und als eine Fälschung nach der anderen bekannt geworden war, sie noch immer Schulter an Schulter mit den verbohrtesten drehfusfeindlichen Blättern in Frankreich kämpften. Als sie sich genötigt sahen, zuzugeben, daß „aller Wahrscheinlichkeit nach ein Fehlspruch des Gerichts vorliege", waren sie nicht etwa befriedigt darüber, daß dieser Rechtsirrtum endlich gut gemacht werden solle, in ihren Augen bleibt vielmehr noch „nur die Agitation, die' für Dreyfus nach deffen Verurteilung einsetzte", und an der, wie bekannt, sich die erlesensten Geister, in der Tat mit der Zeit alle „Intellektuellen" im Lande beteiligten, eine — „Schmach", und sie denken an alle die vielen Rechtsirrtümer, „über die das Leben hinweggeflutet", während, wenn es einen Fehlspruch gegen einen Angehörigen des jüdischen Volkes gelte, es sich aller Orten „regt." Uebrigens würde es unseres Erachtens den Juden keineswegs zur Unehre gereichen, wenn sie etwa mehr als andere sich alle erdenkliche Mühe gäben, Fehlsprüche gegen sie aufzudecken. Im Namen des Rechts begangenes Unrechts ist stets ein großes Unglück nicht bloß für das betroffene Individuum, sondern auch für die Allgemeinheit. In diesem Falle handelte es sich aber, wie gesagt, nicht bloß um einen Rechtsirrtum, sondern um eine unter gesetzlichen Formen und unter Mißbrauch der richterlichen und der Staatsgewalt verübte Vergewaltigung, um einen ungewöhnlich gemeinen, raffinierten, juristischen — „Pogronr". Und dieser sollte obendrein nur die Handhabe bieten, um überall gegen die Juden vorzugehen. Bald genug würde es geheißen haben, in Frankreich, bei uns, überall: „Die Juden sind Verräter; Juden darf kein Posten in der Armee, im Staate anvertraut werden." Die Juden hatten sonach allen Grund, soweit sie es überhaupt konnten, sich in diesem Falle auf das allerlebhafteste für den Sieg des mit diabolischer Niederträchtigkeit verfolgten Glaubensgenossen ins Zeug zu legen. Und da nicht bloß Juden das wußten, und da nicht Juden allein von der Wichtigkeit und Heiligkeit des Rechts überzeugt sind, sondern mit Ausnahme der Antisemiten alle andern auch, so fand der Appell für Dreyfus überall ein lebhaftes Echo, „regte es sich allerorts für ihn, und flutete das Leben nicht über ihn hinweg". Wir begreifen sehr wohl den Schmerz der Antisemiten darüber, daß, wie die Bialystoker Hooligans und Pogrombeamten, so die Pariser Generalstäbler mit ihren unerhörten Verbrechen den Juden nur vorübergehendes, wenn auch sehr großes Leid zuzufügen vermocht, schließlich aber sich nur selbst geschadet. Denn es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß die Reorganisation des französischen Generalstabs und die Trennung der Kirche vom Staat in Frankreich die unmittelbare Folge des Dreyfusprozesses sind, aber nicht im Sinne derer, die ihn in Szene gesetzt haben. Und so werden auch die russischen Judenschlächtereien unzweifelhaft Folgen haben, die den russischen Veranstaltern der Pogroms und ihren antisemitischen Freunden und Gönnern bei uns ganz und gar gegen den Strich gehen. So will es auch göttliches und menschliches Recht, und darum freuen sich alle Freunde der Gerechtigkeit, und ganz besonders freuen wir Juden uns, daß endlich und gründlich die größte Schandtat des vorigen Jahrhunderts, spät aber schließlich doch, soweit als möglich, wieder gut gemacht worden ist, darum ist das Urteil von der höchsten Bedeutung. Es drückt den Verfolgern das Brandmal der Schande auf die Stirne und zerstört für alle Zeiten die Legende von diesem Verrat eines Juden bis auf die letzte Wurzel.