Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228720--62767-3289938
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

70. Jahrgang. No. 29. Allgemeine Berlin. 20 Juli 1900. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenten ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner f>*. Ludwig Philippsorr. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Lss Lndr des Drrykusprozellks. Berlin, 17. Juli. er Kassationshof hat gesprochen, causa finita. Die Affäre, die man in ihren ersten Anfängen kanin beachtet hatte, bald aber zu beachten gelernt hatte, und die dann „die Affäre" par excellence geworden ist, ein Justizskandal, der die ganze Welt erfüllte und in Frankreich den Bürgerkrieg ausbrechen zu lassen drohte, hat nach zwölfjähriger Dauer ihr Ende gefunden. Wenn trotz der recht interessanten Verhandlungen vor dem höchsten Gerichtshof dieser Schlußakt fast mit Gleichgültigkeit verfolgt worden ist, so rührt das daher, daß die Unschuld des Helden der Affäre längst feststand, daß man wußte, daß diese Unschuld auch von Rechts wegen, d. h. auch formell festgestellt werden würde, man ferner wußte, daß dem begnadigten Dreysus nichts mehr passieren und auch infolge des Amnestiegesetzes den hochgestellten militärischen Schurken, die mit den gemeinsten Waffen gegen den jüdischen Kameraden gekämpft und kein Verbrechen, nicht Fälschung, nicht Meineid, nicht Richterbeeinflussung, nicht Mord, dabei gescheut haben, doch nichts angehabt werden konnte. Es hatte zuletzt sowohl das persönliche als auch das sachliche Interesse gefehlt, und es war nur noch, so zu sagen, ein lediglich formales Interesse geblieben. Allenfalls hatte noch die Frage interessiert, ob der höchste Gerichtshof das Urteil des Renner Kriegsgerichts einfach aufheben, oder ob er die totgehetzte Angelegenheit zu nochmaliger Verhandlung an ein anderes Kriegsgericht verweisen würde. Jede der beiden Möglichkeiten hatte etwas für sich und fand ihre Fürsprecher. Aber schließlich hat der Kasfationshof doch am 12. d. folgendes Urteil gefällt: Der Urteilsspruch des Kriegsgerichts von Rennes ist mit Einstimmigkeit für null und nichtig erklärt worden. Von einer Verweisung der Sache vor ein neues Kriegsgericht wird abgesehen. Zwei Tage darauf haben Kammer und Senat beschlossen, daß Picquardt und Dreysus wieder in die Armee ausgenommen werden, der eine als General, der andere als Major, und daß beide die Ehrenlegion erhalten sollen. Diese Beschlüsse haben in ganz Frankreich Hellen Jubel erregt! Frankreich hat sich durch dieses Urteil selbst geehrt, da eS in manchen Ländern arme Verfolgte geben mag, die weder einen Zola als Schützer, noch solche Richter als Befreier finden. Vor dem Kassationshofe hatte der Generalstaatsanwalt einmal ausgeführt, daß Frankreich und die ganze Welt auf die Entscheidung des Kassationshofes warteten, denn die Sache Dreysus sei eine universelle. Wenn das, zumal jetzt, auch übertrieben sein dürste, sicher nicht übertrieben ist, daß die Sache des Kapitäns Dreysus, ob er nun selbst viel für das Judentum und die Juden übrig hat oder nicht, in ganz besonderem Maße eine jüdische Sache ist. Denn wie der Verteidiger Mornard in der Verhandlung vor dem Kasfationshofe bemerkte, war die Hauptursache der Jrrtümer der Antisemitismus gewesen, der im Jahre 1894 die militärischen Kreise und sogar ganz Frankreich beherrschte. Wir möchten hinzufügen, daß es sich nicht immer bloß um Jrrtümer, sondern, namentlich als man erst auf die schiefe Ebene geraten war, um Verbrechen aus antisemitischen Motiven gehandelt hat, und daß man erst vielleicht nur den „undesirablen" Juden aus dem Generalstäbe hat entfernen wollen, später aber gegen ihn mit solcher furchtbaren Gründlichkeit vorging, weil man sich sagte, man werde, indem man den Juden vernichte, die Ju.den in der ganzen Welt tödlich treffen. L’appetit vient en mangeant ist ja ein französisches Sprichwort, und es bewahrheitete sich in dem Falle Dreysus nur zu sehr. Das haben auch unsere Antisemiten sehr wohl begriffen, und sie nahmen ohne weiteres Partei nicht sowohl gegen den Offizier, der beschuldigt war, militärische Geheimnisse an Deutschland verraten zu haben, als vielmehr gegen den Juden, der als Offizier sein Vaterland an dessen vermeintlichen Hauptfeind verraten haben sollte. In dem nicht verjudeten, sondern damals antisemitisch durchseuchten Frankreich merkte man bald, daß, indem man Dreysus traf, man die ganze Judenheit treffen konnte, und als man das gemerkt hatte, wollte man es auch, und da gab's kein Verbrechen mehr, das Antisemiten, die auch sonst nicht wählerisch sind, noch abschreckte, das Ziel zu erreichen. Denn das war klar, daß, wenn man schon jeden betrügerischen jüdischen Trödler der ganzen Judenschaft aufhalst, man erst recht ganz Israel nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen Welt verantwortlich machen würde für das Verbrechen des verräterischen jüdischen Offiziers. Das wußten die Juden überall sehr wohl und darum ihr ganz besonderes Interesse für die Affäre, noch ehe es so recht bei Nichtjudeu erwacht war. Und als mau begreiflicherweise seitens der wohlhabenden Familie des unglücklichen Offiziers alle Anstrengungen machte, die Wahrheit an den Tag zu bringen und dem Rechte zum Siege zu verhelfen, da waren die Antisemiten die ersten, die nicht nur etwa zu glauben Vorgaben, sondern allen Ernstes glaubten, daß die Juden der ganzen Welt einen viele Millionen zählenden Fonds aufbringen, um ihre eigene Position unter den Völkern der Erde zu verteidigen. Durch diese ihre Behauptungen bewiesen sie, wenn es noch eines besonderen Beweises bedurfte, wen sie eigentlich meinten, als sie so unbarmherzig auf den armen Dreysus losschlugen. In Wirklichkeit waren es — zu ihrer unvergänglichen Ehre sei es gesagt! — Christen, die nicht ohne große Gefahr für ihre Stellung, ihre Popularität, ja selbst ihre Freiheit und ihr Leben aus reinem Gerechtigkeits- -1» ■!l

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.