Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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335 Der Jude non Lsllenltedt. Ein Märchen von Mathilde von Leinburg. II. An dem Saale wimmelte es von zierlichen, nur spannelangen Gestalten, ganz leise und gedämpft drangen die Klänge eines Trauermarsches an Eliels Ohr und aus dem Gewühle kam endlich eine kleine goldene Sänfte zum Vorschein, in der der König dieses kleinen Volkes mit tieftrauriger Miene saß. Die Wichtelmännchen setzten die Sänfte gerade vor Eliel nieder, schwenkten ihre Zipfelmützchen und riefen so laut sie es vermochten: „Heil! Heil Dir! Heil!" Eliel dachte, das gelte natürlich dem König und sah voll Interesse zu, was nun wohl geschehen würde. Da stieg der alte König bedächtig aus seiner kostbaren Sänfte heraus, stellte sich vor Eliel hin und sprach also: „Heil Dir, Heil! Du bist nach Jahrhunderten wieder der erste Mensch, dem wir sichtbar geworden sind und der mit uns sprechen kann. Denn wisse, nur wer vollkommen reinen Herzens abends nüchtern durch den ersten Tautropfen hindurch sieht, der kann uns erblicken und unsere Sprache sprechen. Ach, wie sehnsüchtig haben wir auf einen solchen Menschen geharrt, der unsere Sprache verstände, damit wir ihm unser Leid klagen können und er uns helfe! Es kamen die Jahre und schwanden dahin, doch keines hat den Retter uns gebracht. Heil Dir und uns, daß wir uns heute noch erblickt, denn morgen, Sonntag, schon wenn die Mittagsglocken zu läuten beginnen, wäre unser Leben geendet und nie hättest auch Du dann zu solchem Reichtum gelangen können, wie wir . ihn Dir verschaffen, wenn Du uns beistehst. Willst Du mich anhören?" Eliel fand vor lauter Ueberraschung keine Worte, er nickte bloß zustimmend und erhob sich aus seiner liegenden Stellung, denn es schien ihm nicht artig, vor einem Könige so bequem am Boden dazuliegen. Er setzte sich aufrecht, neigte den Kopf nach abwärts, daß er das zarte Stimmlein besser vernehmen könnte, und der König Hub an zu erzählen: „Du hast wohl schon von uns gehört, von uns geheimnisvollen Bewohnern des Harzes, die wir Tag und Nacht unermüdlich beschäftigt find, aus dem Gesteine kostbare Erze und seltene Kristalle herauszuklopfen und heimlicherweise gute Menschen damit zu beglücken. Sage doch selbst, wäre es da nicht unendlich traurig für die Menschheit, wenn wir nun auf einmal aufhörten zu sein. Wenn all die wertvollen Schätze die in dem lieblichen Harzgebirge versteckt sind, nie mehr zutage gebracht werden könnten? Denn die unbeholfenen riesenhaften Menschen sind ja nicht imstande, soviel'aufznspüren wie wir." „Freilich, freilich, das wäre freilich sehr schade," stimmte Eliel bei. Seine Worte waren aber zu laut gewesen, so daß der arme kleine König davon umgeblasen wurde und zu Boden purzelte. Erschrocken halfen ihm die zunächst Stehenden wieder auf die Beine und der Oberst-Hofmarschall runzelte die Stirn und drohte Eliel mit seinem goldenen Stabe. Ganz zerknirscht über seine Ungeschicklichkeit hielt sich dieser nun die Hand vor den Mund und wagte kaum mehr zu atmen, während der König betrübt fortfuhr: „Wir müssen aber aufhören zu existieren, wenn Du mir meine Krone nicht verschaffst, denn ohne seine Krone kann ein König nicht leben und mit ihm vergeht sein ganzes Volk. Mir als König der Wichtelmännchen sind hundert Jahre Frist gewährt, meine Krone zu erlangen — diese Frist ist morgen zu Ende. Da werden es hundert Jahre, daß wir hier im Walde ein fröhliches Fest feierten zu Ehren der Hochzeit meines jüngsten Sohnes. Wir.waren ganz vertieft in Sang und Spiel, der tückische Himbeerwein hatte wohl auch das Seinige dazu beigetragen, daß wir ganz vergessen hatten, nach dem Himmel und seinen Wolken zu sehen. Auf einmal blitzte es, donnerte es, der Regen prasselte hernieder und in wilder Flucht mußten wir, schon ganz durchnäßt, schleunigst davonrennen, um unsere Wohnungen in den Stämmen der Bäume zu erreichen. Erst am abend entdeckten wir mit Schrecken den Verlust meines Königskrönleins. Ich hatte es wohl, weil es so schwer am Kopfe war, beiseite gelegt, und dann in der Eile des hastigen Aufbruchs vergessen, es.wieder aufzusetzen. Verzweifelt suchten ich und mein ganzes treues Volk das Krönlein wiederzufinden, doch umsonst. War es in dem durchweichten Waldboden versunken, hatte es ein vorbeigehender Mensch hineingetreten oder gar gefunden und mitgenommen — wer konnte es uns sagen? Ich schickte Tag und Nacht auf Kundschaft aus, mein halbes Königreich habe ich zum Lohn bestimmt — das Krönlein blieb verloren. Erst nach Jahrzehnten brachten mir zwei kleine Wichtelgassenjungen triumphierend die freudige Botschaft, sie hätten das Krönlein in der Klosterkirche zu Ballenstedt gesehen. Die kleinen Knirpse waren aus Neugierde zum Kirchenfenster hinaufgeklettert, um einmal zu gucken, wie es da drinnen eigentlich aussehe, und da erblickten sie, wie sich die großen Menschen in einer Nische der Kirche eine kleine künstliche Landschaft aufgebaut hatten mit Bäumen und Wasser und allerlei Getier. Auch kleine Menschlein hatten sie sich verfertigt, so groß wie wir, aber ohne Zipfelmützen. Eine schöne Frau mit einem holdseligen Kindlein auf dem Schoße hatten sie in einen Stall hineingesetzt, wo doch nur Tiere hineingehören, und vor den Stall hatten sie gleich drei Könige auf einen Fleck hingestellt, sogar einen ganz schwarzen darunter. Und, denke Dir nur, einer dieser hölzernen Könige hatte wirklich mein Krönlein auf dem Kopse. Wahrscheinlich war es einer dieser kindischen Klosterbrüder gewesen, der das Krönlein im Walde gefunden hatte und es dann gleich zu seinem Spielzeug verwendete. Hole mir nun dieses Krönlein aus dem Kloster, dann sollst Du und Deine Kinder und Kindeskinder zeitlebens mit Reichtum überschüttet werden." „Kann ich das Krönlein doch nicht stehlen! Warum holt Ihr Euch es denn nicht selbst?" wandte Eliel ein. „Das ist ja eben unser Unglück," jammerte der König, „daß wir Wichtelmännchen geweihten Boden nicht betreten dürfen. Wäre das unserem Geschlechte nicht so streng versagt, wir hätten nicht ein Jahrhundert lang auf einen Menschen warten müssen!" „Ich bin ein Jude — auch ich darf nicht in die Kirche hinein!" „Ja, bist Du denn gar kein Mensch? Sind Juden keine Menschen?" fragte der König ganz enttäuscht. Er bat die Aeltesten seines Reiches um Erklärung, doch die sahen ganz erstaunt drein, strichen nachdenklich ihre silberweißen Bärte und schüttelten ernsthaft ihre Köpfe darüber, daß nicht alle Menschen Menschen fein sollten. Nun fing der greise König an zu klagen, denn jetzt war auch seine letzte Hoffnung, sein Krönlein wieder erhalten zu können, zunichte. Das ganze Volk jammerte mit ihm und fürchtete sich schrecklich vor dem morgigen Tod.