Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 334 —— hielt darauf und Samson Heine machte alles mit. Er war sogar Vorsteher der Chewra, die an jedem Morgen ausstand, um Psalmen zu rezitieren und Trauernde zu trösten. Betty Heine stammte aus einem frommen Hause, und sie erzog ihre Kinder in demselben Glauben. Wenn Heine von seiner Mutter berichtet, daß „ihr Glaube ein strenger Deismus war", so ist das nur sehr cum grano salis aufzufassen. Ich selbst besitze Briefe von Betty Heine in hebräischer Kursivschrift, ganz in dem hausmütterlichen Tone des damaligen jüdischen Frauenlebens gehalten, die eineil unzweifelhaften Beweis dafür abgeben, daß mindestens bis in die ersten zehn Jahre dieses Jahrhunderts das Leben im Elternhause Heines genau dasselbe war, wie das aller anderen Familien der jüdischen Gemeinde zu Düsseldorf. Auch noch in Lüneburg, also- bis in die letzten Lebensjahre des Vaters (1829) wurde im Hanse eine koschere Wirtschaft geführte) Heine berichtet in seinen „Memoiren" einmal, daß die längste Rede, die sein Vater gehalten, sich auf seine atheistischen Neigungen während der Gymnasialzeit bezogen hat. Sie lautete: „Lieber Sohn! Deine Mutter läßt Dich beim Rektor Schallmeyer Philosophie studieren, das ist ihre Sache. Ich meinesteils liebe nicht die Philosophie, denn sie ist lauter Aberglauben, und ich bin Kaufmann und habe meinen Kopf nötig für mein Geschäft. Du kannst Philosoph sein, so viel Du willst, aber ich bitte Dich, sage nicht öffentlich, was Du denkst, denn Du würdest mir im Geschäft schaden, wenn meine Kunden erführen, daß ich einen Sohn habe, der nicht an Gott glaubt; besonders die Juden würden keine Velveteens mehr bei mir kaufen, und sind ehrliche. Leute, zahlen prompt und haben auch Recht, an der Religion zu halten. Ich bin Dein Vater und also älter als Dn und dadurch auch erfahrener Du darfst mir also aufs Wort glauben, wenn ich mir erlaube. Dir zu sagen, daß der Atheismus eine große Sünde ist."* 2) Es ist nur wenig bekannt, daß das erste Gedicht Heines aus den religiösen Erinnerungen seiner Jugend hervorgegangen ist. Es ist das Gedicht „Belsazer". Noch in seinen letzten Lebensjahren erinnerte er sich desselben in einem Gespräch mit Ludwig Kalisch: „Und wissen Sie, was mich dazu inspiriert hat? Ein paar Worte in der hebräischen Hymne „Bachazoz halajla" (Um Mitternacht), die man, wie Sie wissen, an beiden Osterabenden singt."3) Diese Hymne gedenkt nämlich der auf die Geschicke der Juden sich beziehenden Ereignisse, die um Mitternacht vorgefallen, und in fünf Worten spricht sie von dem Tode des babylonischen Tyrannen, der infolge der Entweihung der Tempelgefäße in der Nacht hinweggerafft wurde. Der Widerstreit zwischen den altjüdischen und den Eindrücken des modernen Lebens, zwischen Tradition und Philosophie, übte auf die Charakterbildung Heines unzweifelhaft einen nachteiligen Einfluß ans. Es ging ihm, wie so vielen Männern, die zu Anfang des Jahrhunderts geboren wurden:' der Kinderglaube des Hauses blieb ihnen eine schmerzlich süße Erinnerung, ein unveräußerliches Erbe, von dem sie sich ihr ganzes Leben lang nicht freimachen konnten. Nur von diesem Standpunkt aus muß man das Leben und Schaffen Heines beurteilen. *) Freundliche Mitteilung des Herrn Landrabbiners Dr. Gronemann nach den Berichten alter Lüneburger. 2) Vlll. 480. 3) I. 65. Der Refrain lautet wörtlich: „Wajhi bechazi ha-lajla!“ (Und es war um Mitternacht.) Der Vorgang selbst wird in der Bibel (Daniel V. 1—29) erzählt. Vergl. L. Kalisch: Pariser Skizzen (Mainz 1881), S. 331. In Frankfurt a. M. und in Hamburg lebte Heine fast ausschließlich in jüdischen Kreisen; selbst bis auf die Universität nach Bonn begleiteten ihn die heimatlichen Erinnerungen. Einer seiner Freunde aus jener Zeit berichtet/) daß er damals sehr oft an schönen Sommernachmittagen in einem Kahn rheinaufwärts gefahren sei und mit besonderer Vorliebe in Bacharach verweilt habe. Dort weilte ja die Lorelei, und auch die besten Weine zog man in Bacharach am Rheine auf. Ohne Zweifel ist in solchen Stunden der Plan zum „Rabbi von Bacharach" entstanden. Man kann wohl behaupten, daß der „Rabbi" Heines prosaisches Erstlingswerk gewesen ist, und ich lege aus verschiedenen noch zu erörternden Gründen Wert auf diese Behauptung. Denn „Die Harzreise" wurde' erst im Oktober und November 1824 geschrieben; vom Roman schreibt er aber schon Ende Juni desselben Jahres2) wie von einer Arbeit, mit der er schon lange beschäftigt sei. Es ist keine Frage, daß der Aufenthalt in Berlin und der Verkehr mit dein . „jungen Palästina", vor allem mit Leopold Zunz, Moses Moser, Josef Lehmann und Immanuel Wohlwill, wesentlich die Stimmung beeinflußt hat, aus welcher der „Rabbi" hervorgegangen ist. Gerade in jener Zeit hat ja Heine auch seine Tragödie „Almansor" vollendet, in die er „sein eigenes Selbst" hineingeworfen mit samt „seinen Paradoxen, seiner Weisheit, seiner Liebe, seinem Hasse und seiner ganzen Verrücktheit". Der „Almansor" ist ein Klagelied des unterdrückten Judentums, eine Satyre auf das Renegatentum, welches damals gerade in gebildeten jüdischen Kreisen überhand nahm. Den Grundgedanken des „Rabbi von Bacharach" entsprechen die Verse ziemlich genau,' welche man wohl das Motto des „Almansor" nennen kann:3) „Geh' nicht nach Alys Schloß! Pestörtern gleich Flieh' jenes Haus, wo neuer Glaube keimt, Dort zieht man dir mit süßen Zangentönen Aus tiefer Brust hervor das alte Herz Und legt dir eine Schlang dafür hinein. Dorten gießt man dir Bleitropfen, hell und heiß, Auf's arme Haupt, das nimmermehr dein Hirn Gesunden kann von wildem Wahnsinnsschmerz. Dort vertauscht man dir den alten Namen Und gibt dir einen neu'n, damit dein Engel, Wenn er dich warnend ruft beim alten Namen, Vergeblich rufe. O, betörtes Kind, Geh' nicht nach Alys Schloß, du bist verloren, Wenn man in dir Almansorn wiedersieht." 6. K. y Friedrich Steinmann in seinem Taschenbuch für deutsche Literaturgeschichte (Münster 1884), S. 60 ff. Die Loreleisage nach Brentano! Zu Bacharach am Rheine — Wohnt' eine Zauberin usw. Godvi, II. 392. Das alte Lied über die drei Städte mit dem besten Weine ist bekannt. Zu Hochheim an dem Maine, — Zu Würzburg auf dem Steine, — Zu Bacharach am Rheine — Da sind die besten Weine. 2) VIII. 431. Unzuverlässig ist wohl die Mitteilung Fr. Steinmanns in seinem Buche über Heine (Prag 1857), S. 146, daß Heine schon im Jahre 1821 in Berlin an dem Werke gearbeitet habe. Die ganze Fassung der Notiz ist so komisch, daß sie keine» Glauben verdient. Im Jahre 1857 kennt er von der Schrift nur den Titel „Der Rabbi" und möchte sich vergewissern, ob fle etwa noch „handschristsweise" irgendwo in Berlin „beruhe", während das Werk schon seit 17 Jahren im „Salon" abgedruckt war. 3) II. 13 ff.