Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-13 · Heft 28 (13.7.1906) · p. Seite 333

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
Seite 333 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228719--62758-3289928
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

333 Denkerstirn, das sinnende, ernste Auge, das milde und menschenfreundliche Lächeln um die feingeschuittenen Lippen — all' das, was dem Werke des Meisters einen solchen Reiz und undefinierbaren Zauber verleiht, war dem Original des großen Gelehrten, Forschers und Humanitätspropheten Menasse ben Israel eigen. . Ich habe schon erwähnt, daß Rembrandt van Ryn sein eigenes schönes Haus, das er wahrscheinlich 1639 ankaufte, in der Joddenbreetstraad im Judenviertel bewohnte — in jener Zeit etwas Unerhörtes für einen echten Christen, der den Mut hatte, sich im Ghetto niederznlassen, wo die Geknechteten, Verfehmten und Verachteten wohnten. Er, der über alle Vorurteile erhaben war und keine Spur von Religions- und Rassenhaß kannte, kümmerte sich eben nicht um die spöttischen Bemerkungen der Leute, die sich darüber mokierten, daß zu seinem intimsten Kreis die Juden und Jüdinnen im Ghetto gehörten. Nicht nur durch das Malerische der Erscheinung derselben, sowie durch seine Vorliebe für das Alte Testament fühlte er sich zu ihnen hingezogen, sondern auch durch seine warme, menschenfreundliche Gesinnung und seine echte und geläuterte Humanität. Es wird erzählt, daß er stundenlang im Ghetto und namentlich im Friedhof der Juden einherzustceifen beliebte, zeichnend und malend, und gern Einladungen zu den Sabbat-, Passah- und sonstigen Festen unserer dortigen Glaubensgenossen annahm, wobei er sogar die Zeremonien mitzumachen pflegte. Zu seinen intimsten Bekannten und Freunden zählte, wie schon erwähnt, der berühmteste Insasse des Ghettos, der große Me nasse ben Israel, der Amsterdamer Rabbiner — geboren 1604 in Lisiabon und gestorben 1657 in Middelburg — der, wie man weiß, schon im achtzehnten Jahre zum Rabbiner der altberühmten holländischen Judengemeinde berufen wurde. Rembrandt hatte große Verehrung für das umfassende Wissen und den edlen Charakter dieses seltenen Mannes, mit dem die namhaftesten christlichen Gelehrten seinerzeit, wie Gerhard und Isaak Vossius, Hugo Grotius, Kaspar Barlaeus und andere, in freundschaftlichem Verkehr standen und der sogar mit der gelehrten Königin Christine von Schweden persönliche und geistige Beziehungen unterhielt. Wiederholt konversierte der Maler mit dem Rabbiner, Gelehrten und Schriftsteller, und mit lebhaftem Interesse verfolgte er die Bestrebungen Menasse ben Israels für die Verbesserung der Lage der Juden in England. Bekanntlich war er schriftlich und auch persönlich beim englischen Parlament und bei dem Lord-Protektor Cromwell für die Wiederaufnahme der Juden in England tätig und hatte er den Angriffen der altenglischen Papistenpartei sein berühmtesin englischer Sprache erschienenes Werk: „Rettung der Juden" entgegengesetzt. Diese Schrift Meuasse ben Israels ließ Moses Mendelssohn durch seinen Freund Markus Herz ins Deutsche übersetzen, sie mit einer ausführlichen Vorrede begleitend, worin er die Vorsehung preist, „daß sie am Ende seiner Tage noch diesen glücklichen Zeitpunkt habe erleben lassen, in welchenr die Rechte der Menschheit in ihrem wahren Umfange beherzigt zu werden anfingen". Was zwei Jahrhunderte später Moses Mendelssohn gegen die Vorurteile seiner Zeitgenossen betreffs der Juden vorbrachte, hat schon Menasse ben Israel nicht minder eindringlich ausgesprochen: „Merkwürdig ist es, zu sehen, wie das Vorurteil die Gestalten aller Jahrhunderte annimmt, uns zu unterdrücken und unserer bürgerlichen Aufnahme Schwierigkeiten entgegenzusetzen. In jenen abergläubischen Zeiten waren es Heiligtümer, die wir aus Mutwillen schänden, Kruzifixe, die wir durchstechen und bluten machen. Kinder, die wir heimlich beschneiden und zur Augenweide zersetzen, Christenblut, das wir zur Osterfeier brauchen, Brunnen, die wir vergiften usw., Unglaube, Verstocktheit, geheime Künste und Teufeleien, die uns vorgeworfen, um derentwillen wir gemartert, unseres Vermögens beraubt, ins Elend gejagt, wo nicht gar hingerichtet worden sind." An Rembrandt van Ryns Sterbetag hat Israel die heilige moralische Pflicht, seiner in Ehren zu gedenken. Der Ssbbi von Lacharach. Ein Beitrag zur Charakteristik Heines. I. urch die alte, enge Judengasse zu Frankfurt a. M. geht ein Knabe an der Seite seines Vaters. Seltsame Gestalten und schauerliche Phantasien steigen in der Seele des Knaben auf beim Anblick jener hohen, schwarzen Häuser und des armseligen Volkes, das sie bewohnt. Noch lange bleiben diese Erinnermtgen in ihm haften. Etwa vier Jahre später') — aus dem phantastischen Knaben ist ein lebensfroher Jüngling geworden — sehen wir diesen wieder durch die armselige, häßliche Lehmgasse der finsteren uralten Stadt Bacharach schreiten. Und siehe da, die alten Phantasien und Geschichten steigen wieder vor seinem Geiste auf; die Verbindung zwischen den beiden Judengassen von Frankfurt am Main und Bacharach am Rhein ist ebenso rasch eingeleitet wie ausgeführt, und der Plan zu einem großen Dichterwerke liegt abgeschlossen im Geiste, ja noch mehr im Herzen des Jünglings, welcher Harry Heine heißt und ein Sohn jenes Volkes ist, „welches Israel heißt und sehr elend ist und auf den Gassen verspottet wird von den Söhnen des Glücks". Schwer lastete der Kummer über diesen Spott damals aus der Seele des Jünglings. Noch lagen die Erinnerungen an das patriarchalische Leben des Elternhauses in der Bolkerstraße zu Düsseldorf in ihm, noch klangen ihm die uralten Melodien der Synagoge im Ohre nach, noch hielt der Zauber der wehmütig heiteren Feste der Heimat ihn in seinein Banne, und so entstand der „Rabbi von Bacharach". Man muß, um dieses Werk zu verstehen, vor allem in die Jugend des Dichters zurückgehen. Heines Vater ist lins aus des Dichters Schilderungen zur Genüge bekannt. Er hatte eine grenzenlose Lebenslust „iminer himmelblaue Heiterkeit uud Fanfaren des Leichtsinns"?) Er hielt mehr von Soldaten und Pferden, von Schauspielerinnen und Kartenspiel, als von Gebetbüchern und Denkriemen, von Festen und Fasten. Indes würde man doch sehr fehl gehen, wenn man etwa daraufhin glauben wollte, daß Samson Heine diesen seinen Neigungen damals in Düsseldorf hätte öffentlich nachgehen können. Das jüdische Leben jener Zeit war noch zu patriarchalisch abgeschlossen. Die Macht der Rabbiner über die Gemüter war noch zu groß, als daß einzelne es hätten wagen dürfen, aus dem Bannkreise der Synagoge herauszntreten und über deren Gebote sich öffentlich hinwegzusetzen. Nur auswärts, auf Reisen, konnten die jüdischen Freigeister, zu Herren Samson Heine sich auch rechnete, solches wagen. Zu Hause — es muß dies ausdrücklich betont werden — wurde das jüdische Leben mit seinen Zeremonien und Festen streng innegehalten. Denn die Mutter ') 1815 kam Heine zuerst nach Frankfurt a. M., 1819 nach Bonn. Werke I, XV, XVII. Ich zitiere nach der zweiten Auflage meiner kritischen Ausgabe von Heines Werken in neun Bänden, Berlin 1894, G. Grote. •-) VIII, S. 405.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.