Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-13 · Heft 28 (13.7.1906) · p. Seite 332

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228719--62757-3289927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Judenviert el, im Ghetto der alten holländischen Stadt auf. Mit den charakteristischen, originellen und so ausdrucksvollen Insassen des Ghetto wurde er bald bekannt und befreundet. Aus ihrer Mitte wählte er seine Modelle, und diese, in absonderlich farbige Kostüme gesteckt, veranschaulichen uns die Welt des Orients. Diese Juden und Jüdinnen, diese Knaben und Mädchen, diese Jungen und Alten, diese ehrwürdigen patriarchalischen Greise des Amsterdamer Judenviertels be flügelten seine Phantasie mit der ganzen Romantik und der Phantastik der alten biblischen Zeit und verklärten die Realistik des Meisters mit dem Schimmer der Poesie. Wenn diese Kinder Israels ihm als Modell standen, mit prachtvollen Kleidern ilnd reichem Schmuck angetan, tauchte vor seinem geistigen Auge das Reich Israels mit seinen Propheten und Sehern, seinen Fürsten und Fürstinnen und seiner Macht und Schönheit ans, und wenn sie im Bettlergewand, gebückt und gedemütigt, mit verzerrten Zügen und tiefster Trauer erschienen, malte sich in seiner Einbildungskraft das Reich Israel in seinem Sturz, die babylonische Gefangenschaft, aber auch die ganze ruchlose mittelalterliche Verfolgung, deren die Juden in Spanien, Portugal und anderen Ländern ausgesetzt waren, bis sie auf dem freiheitlichen Boden der Niederlande im Ghetto Schutz und ein Asyl finden konnten. Gerade weil nicht nur seine Augen und seine Hand, sondern auch sein Herz bewegt wurde, wenn er mit diesen Parias der Menschheit, diesen Enterbten und Entrechteten der Vorsehung, freundschaftlich verkehrte, wenn er ihre vielen und großen Leiden und ihre so wenigen Freuden teilte, wenn er menschlich mit Leuten fühlte, au denen sich die Menschlichkeit so sehr versündigte, haben seine biblischen Gestalten etwas so ungemein Wahres, Ergreifendes, plastisch Anschauliches und Poetisches. „Seine Erzväter, seine Propheten und sein jüdisches Volk," sagt mit Recht ein Kunstkritiker, „sprechen und handeln, wie man zur Zeit des Malers sprach und handelte, sind getrieben, bewegt, gepeinigt und getröstet von denselben Leidenschaften, Empfindungen, Gelüsten und Hoffnungen, wie sie die damaligen Gemüter beseelten. Er übertrug den Urtext der Heiligen Schrift nicht wie die Italiener in Epopöen, und Tragödien, Sonette und Canzonen, sondern in schlichte holländische Prosa; und die Wunder des Orients gestalten sich als wirkliche Lokalbegebenheiten und wahre Geschichten. Die Gestalten Rembrandts sind daher nicht plastisch drapiert, nicht würdevoll gestellt, rhythmisch gruppiert wie diejeirigen der Italiener, welche antike Friese und Basreliefs zum Muster nahmen und die Juden mehr griechisch als hebräisch schildern: Rembrandt hält sich an das niedere Volk und behandelt das Vergangene und Entlegene, als ob es versetzt wäre in den Boden seiner Heimat und aus dem Volke käme, dem er angehvrte. Um so überzeugender trifft er das Innenleben, als in den niederen Schichten des Volkes die Empfindungen noch ungebrochen mit ursprünglicher Kraft zutage traten. Indem er für die Gestalten der Bibel an die Stelle idealer Typen Figuren aus den unteren Volksklassen setzte und für die Patriarchen des Alten Testaments seine Modelle nnter den malerischen Gestalten des Judenviertels von Amsterdam suchte, hat er seiner Vorliebe für Israel in beredter Weise Ausdruck gegeben. In seinen Bildern aus der Bibel und dem Orient offenbart sich ein dem Meister ganz eigentümliches Zusammenwirken von Eigenschaften: der realistische Sinn nämlich, der alles Leben in der Wirklichkeit sieht und findet, wie sie vor den Augen sich abspielt, verbunden mit einem tiefen malerischen Hang zum Phantastischen, der um die Realität doch wieder den schmückenden, prächtigen Mantel eines märchenhaften Zaubers zu werfen liebt. Dies eben, das Wunderbare — ein Stück gleichsam von den Schätzen aus Tausend und einer Nacht — einem greifbar nahe zu bringen, wie wenn es mit voller Gegenwart vor den Augen lebte, und dann wieder das alltäglich Wirkliche in eine zauberische Ferne zu rücken, in der es, gelöst von der Last irdischer Schwere, wie in dem schimmernden Lichte einer idealen Welt erglänzt, auftauchend gleichsam aus dem umhüllenden Dunkel — dies eben macht einen guten Teil von Reiubrandts eigentümlicher Kraft aus." Hieriir liegt auch das Ueberraschende, Wunderbare, Geheimnisvolle, das den Werken des Meisters einen so eigenen Reiz verleiht. Wirkliches Leben ist es, merkwürdig wahr in Ausdruck und Bewegung, das vor uns in leiblicher zugleich und seelenvoller Gewißheit erscheint, und doch wie heraufbeschworen aus einer lichteren, schöneren Welt, aus der es in die lmserige plötzlich gleichsam herüberleuchtet. Der realistische Künstler las die. Erzählungen der Bibel nicht nlit historischer oder gar archäologischer Auffassung, sondern durchaus naiv in unmittelbarer Gleichstellung mit den unmittelbaren Ereignissen seiner Zeit. Er identifizierte sich mit dem auserwählten Volke der Bibel und fühlte sich so unmittelbar Gott gegenüber, wie es Jakob oder Moses getan hatten. Er als Purlitaner knüpfte unmittelbar an jene Zeiten wieder an und betrachtete sich mit sonst sehr großem Realismus in religiöser Beziehung als Fortsetzer des biblischen Lebens. Sehen wir uns nun einige seiner biblischen Gemälde, die zahlreiche Galerien, Nationalmuseen,Pinakotheken, Schlöffer usw. des In- und Auslandes zieren und zu deren herrlichsten» Schmuck gehören, etwas genauer an. Aus der Reihe seiner Schöpfungen jener Welt religiösen Gefühls, des Zeitalters der hebräischen Lob- und Dankpsalmen, der altjüdischen Demut und Gottesfurcht, nennen wir die folgenden: „Der Engel Tobias, die Seine»: verlassend", „Jacob, die Söhne Josephs segnend", das prächtig charakterisierende Gemälde „Hochzeit des Simson", „Simson, seinein Schiviegervater drohend", „Die Blendung Simsons" und „Abraham, die Engel bewirtend". Mit besonderer Vorliebe behandelte er die Geschichte des Josephs, des Daniels und der Susann«. Berühmt ist a»»ch sein 1654 entstandenes Bild „Batseba, die Botschaft Davids einpfangend", ein Gemälde von ergreifender realistischer Wahrheit, packender Kraft, aber zugleich' auch von keuschester Auffassung zeugend. Das. Motiv zu seiner berühmten „Danea" in der Eremitage zu St. Petersburg scheint nicht der Mythologie, sondern dem Alten Testament entnomruen zu sein. Diese fromme Gestalt ist durch die Weichheit der zarten, warrues Leben aushauchenden Haut und die Wirkung von Licht und Schatten ebenso ausgezeichnet, wie seine „Batseba" durch die delikate Behandlung des Franenkörpers und den goldigen Ton. Auch seine „Susanna" entzückt durch die Pracht und Leuchtkraft der Färbung, durch die geistvolle Behandlung und die wunderbar »nystische Wirkung des Helldunkels. Doch nicht allein die biblischen Gestalten der Vergangenheit zauberte er auf die Leinwand, sondern auch jüdische Frauen, Mädchen und Männer unter seinen Zeitgenossen malte er mit wunderbar ergreifender Realistik, so z. B. die „Judenbraut", die der Vater aus seinem Hause entläßt, ein unübertroffenes Meisterwerk, von dem ein Kunstkritiker treffend sagt, daß es unter allen anderen Gemälden wie ein großer Bluinenstrauß oder wie ein Haufen bunter Edelsteine hervorleuchtet. Ein Kabinettstück der Bildnismalerei ist auch feine Schöpfung „Der Rabbiner". Nicht umsonst war er mit Menasse ben Israel, seinein von Juden und Christen zugleich gefeierten Zeitgenossen und Landsmann, dein damaligen Rabbiner in Ainsterdam, befreundet. Die geistvollen Gesichtszüge, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.