Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
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328 wenn solche Maßnahmen überhaupt angeordnet worden sind, nicht zlitage getreten. Die Polizei unterließ vom Anbeginn an nicht nur jede Maßnahme zur Unterdrückung des Pogroms, sondern entfesselte noch obendrein durch ihre niederen Organe wilde Leidenschaften. Die Polizei ordnete die Erschießung von Personen an, welche sie zu Revolutionären gestempelt; sie führte Vagabunden an, als diese plünderten und Juden ermordeten. Schließlich ist zu bemerken, daß die Militärobrigkeiten die Gewalt in der Stadt vor Verhängung des Kriegszustandes an sich genommen und die Stadt Schutzleuten und bewaffneten Soldaten ausgeliefert haben, die auf Weisung von Schutzleuten und Vagabunden oder nach eigenem Ermessen unbewaffnete Juden, die keinen Widerstand leisteten, erschossen. Von wem ist den« Gouverneur am 14. und 15. Juni die ihm zustehende Gewalt entzogen und diese den Militärbehörden übergeben worden? Diese Frage muß das Kriegsministerium ausklären! Dem Bericht der Abgeordneten liegen eine Reihe von Dokumenteit als Beweismaterial bei. Dagegen ist der Bericht der Regierung voll von JrrtümerN und tatsächlichen Unrichtigkeiten, gegen die auch ° seitens der Beteiligten schon Protest eingelegt ivurde. In dem Bericht heißt es zum Schlüsse: „Alle durch die Untersuchung gewonnenen Anhaltspunkte wurden bereits als Grundlage für die Maßregeln genommen, die zur Herstellung einer geregelten Tätigkeit der Ortsbehörden dienen sollen. Was die am Pogrom Beteiligten, ihre Mithelfer und Auswiegler anbelangt, desgleichen ihre Auffindung, Aburteilung und Bestrafung, so werden die Gerichte alle ihnen angewiesene Macht anwenden. Auch die Regierung wird ihrerseits alles tun, daß keine einzige an den Bialystoker Greueln mitschuldige Person der gerichtlichen Strafe entgehe. Voll Empörung weist die Regierung die in der Gesellschaft verbreiteten Gerüchte zurück, daß der Judenpogrom in Bialystok unter Mitwissen und Beteiligung der Ortsbehörden und der Truppen stattgefunden habe. Die Regierung hält es für ihre Pflicht, die Ueberzeugung auszusprechen, daß der Grund des beklagenswerten Ereignisses hauptsächlich in der Tätigkeit der örtlichen revolutionären Organisationen zu suchen sei." . Man sieht es nunmehr klar und deutlich ein, daß diese Tschinowniks unverbesserlich sind. Die Verhandlungen der Duma über den Pogrom sind ein Stück Kulturgeschichte. Die Reden der Abgeordneten Schtschepkin, Awakantsew, Jakobson des Priesters Afanaßjew sind im höchsten Grade charakteristisch für die Stimmung, die in Rußland gegen die Regierung herrscht. Der erste Redner wünschte, die Duma solle eine Miliz organisieren, um den Ausbruch von Pogroms zu verhindern und ein ‘ Gesetz beschließen, durch welches die Soldaten ermächtigt werden, augenscheinlich ungesetzlichen Befehlen ihrer Kommandanten den Gehorsam zu verweigern. Wenn sich die Duma machtlos erweise, werde Rußland es über sich ergehen lassen müssen, daß die europäischen Mächte einschreiten, und zwar nicht bloß aus Gründen der Humanität, sondern auch aus finanziellen Rücksichten. Die russische Regierung wiederhole die Politik der Türkei. Sie verfolge eine wahnsinnige innere Politik und muß sich deshalb eine Bevormundung gefallen lassen. Rußland selbst erscheine nicht gedemütigt; denn das russische Volk habe nichts gemein mit seiner Regierung, die das Vertrauen der Duma nicht besitzt. Der Priester Afanaßjew hielt eine Rede, worin er seinen Gefühlen des Schmerzes und der Entrüstung über die Bialystoker Ereignisse Ausdruck gibt, die er auch vom religiösen Gesichtspunkte aus verwerfen müsse. In den Seelen der russischen Gouverneure lebe nicht mehr Gott. Sie haben Christum vergessen und waten im Blute der Juden. Aber der Kelch der Geduld drohe überzugehen. Das russische Volk werde die Uebeltäter strafen. Das sind goldene Worte. Möchten ihnen nur rasch die Taten folgen! Inzwischen kommen fortgesetzt alarmierende Meldungen über bevorstehende Judenmassakers. Es heißt, daß namentlich in einer Anzahl Städte des westlichen und südlichen Rußlands eine wahre Panik unter den Juden über die Vorbereitung herrscht, welche zu den Pogroms anscheinend getroffen werden. Zum Teil mögen diese Befürchtungen übertrieben sein, aber es liegen doch auch Nachrichten vor, die sie vielleicht rechtfertigen. So hatten zwei Petersburger Journalisten, die Herren S. Zederbaum und I. Jordanski, eine Unterredung mit dem Vorsteher des vierten Polizeibezirks von Petersburg, Baratsch, die mit folgenden Worten des Polizeioffiziers schloß: „Was will Bialystok sagen! Hier in Petersburg wird demnächst noch eine ganz andere Judenmetzelei vor sich gehen. Und in meinem Revier werden wir ein solches Abschlachten arrangieren, daß kein einziger Judenjunge mehr am Leben bleibt!" — Da die Namen der bei der Unterredung Beteiligten genannt werden, so dürfte an der Wahrheit dieser geradezu haarsträubenden Mitteilung kaum zu zweifeln sein. Ob die Drohung des Polizeioffiziers sich verwirklichen wird, ja, ob sie überhaupt ernst gemeint, oder nicht vielmehr nur eine leere Wichtigtuerei war, um die Juden in Angst zu jagen, ist ja möglich, aber wie die Verhältnisse im russischen Reiche liegen, ist es ebenso gut glaubhaft, daß tatsächlich unter Mithilfe der Polizei auch in Petersburg eine Judenmetzelei vorbereitet wird. In welcher offenen Weise das schamlose Treiben zu einer Aktion gegen die Juden und die Intelligenz betrieben wird, enthält ein Brief, den das „Wiener Tageblatt" aus Sebastopol empfangen hat. Insbesondere geht aus ihm hervor, daß mail die Armee dazu benutzt, an den bevorstehenden Pogroms einen intensiven Anteil zu nehmen. In patriotischen „Druckschriften" wird nämlich zur Niedermetzelung der Juden und der Intelligenz aufgefordert. Die Flugblätter tragen Titel wie: „Die Juden und die Duma", „Der Thron in Gefahr", „Der Treueschwur und der Zar", „Nieder mit den Juden!" Der Brief nennt die Namen der Offiziere, welche als Organisatoren und Prediger von Pogroms agitieren. Es sind die Kapitäne Burakow, Workal, Soschinski. „In diesem Augenblick," so heißt es in dem Schreiben, „veranstalten die Offiziere selbst Versammlungen und Meetings der Soldaten, lesen ihnen die Flugschriften der „Schwarzen Hundertschaften" vor, sichern ihnen Freiheit ihres Tuns zu und Straflosigkeit für alles, was sich ereignen würde. Da die besten und vorgeschrittensten Elemente aus den Truppen entsernt worden sind, nur die finstere, schwerfällige Masse unserer gewöhnlichen Liniensoldaten zurückgeblieben ist, so wird die Wahrscheinlichkeit eines Pogroms immer größer und größer. Die Matrosen werden dieser Tage auf die See hinausgeschickt, da man fürchtet, daß für den Fall eines Pogroms die Matrosen zu den Arbeiter» und zur Intelligenz übergehen werden. Den Landtruppen werden Abdrücke der Telegramme über die Vorgänge in Bialystok verteilt. In diesen Depeschen werden die Juden des Schlenderns von Bomben, der Ermordung von Geistlichen, von Pilgern, Frauen und Kindern beschuldigt. Die Atmosphäre wird von Tag zu Tag schwüler. Auf dem Basarplatz in Narodnij Dom, wo hunderte von Barfüßlern, Bettlern und Hooligans speisen, auf den Kais und ini Hafen verteilen verdächtige Individuen aufreizende Flugblätter, die zum Pogrom, zu Massakers, zu Raub und Blutvergießen anfrufen." Nach solchen Vorgängen muß man sich allerdings auf neue Greueltaten gefaßt machen. Es ist dabei nur.unbegreiflich, welchen Nutzen sich eigentlich die Regierungskreise von ihnen noch versprechen.