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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-13 · Heft 28 (13.7.1906) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
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geführt, wie sie in den Landgemeinden für die Wahl der Ortsvorstände besteht. Bezüglich der Vermögensverwaltung und des Rechnungswesens der israelitischen Religionsgemeinden werden die Vorschriften der neueren Verwaltungsgesetze zugrunde gelegt. Den Gemeinden steht hiernach Selbstverwaltung unter Staatsaufsicht zu. Eine besondere Aufmerksamkeit erfährt zur Verbreitung religiös-sittlicher Bildung der Religionsunterricht der israelitischen Kinder und die Anstellung von Neligionslehrern. Kleinere Gemeinden sollen zu Schnlverbänden vereinigt und armen Gemeinden Zuschüsse zu den Schulkosten aus einer zu bildenden Zentralkasse der israelitischen Gesamtheit des Landes gewährt werden können. Zur Vertretung der Gesamtheit der Israeliten des Landes, sowie Verwaltung ihrer gemeinsamen Angelegenheiten soll ein israelitischer Oberrat berufen sein. Er kann durch den Hinzutritt gewählter, erstmalig vom Ministerium des Innern zu ernennenden Abgeordneten, sowie von Rabbinern erweitert werden. Die Ernennung der letzteren erfolgt durch das Ministerium des Innern, vorbehaltlich besonderer Regelung dieses Gegenstandes durch Statut. ft In der österreichischen Delegation wendete sich am 3. d. M. her Abgeordnete Dr. Straucher wieder in einer vortrefflichen Rede gegen die Ausführungen des Delegierten Dr. Kramarz über den Anteil der Juden an der russischen Revolution. Um ihm zu erwidern, ergriff der Klubgenosse des Delegierten Kramarz, der jungtschechische Abgeordnete Sileny, das Wort. 'Während in England die Regierung bestürmt wird, daß der Flottenbesuch in Kronstadt mit Rücksicht auf den Eindruck der Metzeleien in Bialhstok unterbleibe, und beide Häuser des Parlaments in bemerkenswerten Debatten ihren Abscheu vor diesen Vorgängen zum Ausdruck brachten, haben die tschechischen Delegierten in der österreichischen Delegation eine ganz eigentümliche Art, ihr Bedauern über diese Grausamkeiten und Bluttaten auszusprechen. Es muß betont werden, daß es sich um Mitglieder der sogenannten freisinnigen tschechischen Nationalpartei handelt. Wie freisinnig diese Herren sind, zeigt sich darin, daß der Kernpunkt in den Ausführungen derselben, wenn er aus allen Verhüllungen und Unaufrichtigkeiten herausgeschält wird, eine Entschuldigung, um nicht zu sagen Beschönigung, dieser Greueltaten ist. Dr. Sileny hat heute in der Tonart des Delegierten Kramarz den Juden die Schuld an den Vorgängen in Rußland insofern zugeschoben, als dieselben an der revolutionären Bewegung teilgenommen haben. Darauf ist die Antwort schon erteilt worden. Es wurde darauf hingewiesen, daß die Juden auch Menschen sind nnd daß es seine besonderen Gründe hat. wenn nicht die Revolutionäre, die keine Juden sind, sondern die Revolutionäre, die Juden sind, totgeschlagen werden. Dr. Sileny hat sich jedoch nicht damit begnügt, den „Schwarzen Hundert" in Rußland einen Milderungsgrund zu verschaffen; er hat auch mit derselben eigentümlichen Methode von den Juden in Mähren gesprochen und ihnen vorgeworfen, daß auch sie den nationalen Frieden im Lande stören. Sollten diese Bemerkungen dazu geeignet sein, den konfessionellen Frieden in Mähren zu unterstützen oder auch nur den nationalen Frieden, den die Tschechen jüngst mit den Deutschen geschlossen haben? Wozu hat Sileny die Analogie zwischen russischen und mährischen Juden gezogen? Ist er sich dessen bewußt gewesen, daß, wenn seine Auffassung in Mähreir eine stärkere Wirkung ausüben sollte, sich Leute finden könnten, welche die Analogie zwischen mährischen und russischen Juden fortsetzen und sie wenigstens im kleineren Maßstabe bis zum Schlußpunkte durchführen? Was der Delegierte Sileny gesagt hat, ist geradezu unverantwortlich uird zeigt wie viel Charakter in dem tschechischen Freisinn steckt. Die Herren wollen russischer sein als die Mitglieder der Duma, die als russische Nationalvertreter mit dem größten Abscheu über die Metzeleien von Bialystok sich ausgesprochen haben. Sie beschönigen, was selbst in Rußland niemand zu beschönigen wagt, wenigstens öffentlich nicht. In ganz Rußland findet sich kein so hartgesottener Altrusse, wie es unsere österreichischen Jungtschechen sind. Dieser freisinnigen Partei ist nicht allein der österreichische, sondern auch der russische Liberalismus verhaßt, und vielleicht schwärmt sie am meisten für Männer in Rußland vom Kaliber Trepows nnd Pobjedonoszews. ft Im englischen Unterhause besprach der Staatssekretär Sir Edward Grey die russischen Greuel. Er erklärte unter anderem: „Je weniger Raum die Erörterung einnimmt, die in diesem Hause über russische Angelegenheiten stattfiudet, desto besser ist es; wenn wir diese Angelegenheiten erörtern müssen, so wollen wir uns in ruhiger Weise darüber klar werden, wie sich die Lage verhält. Der Kaiser, die russischen Minister und das Parlament sind nicht verantwortlich für die Judenmetzeleien. Es ist behauptet worden, daß die russische Regierung an den Bialystoker Judenmorden beteiligt gewesen sei, aber ich habe eine glaubwürdige Mitteilung erhalten, nach der die Zentralregiernng weder gewußt noch stillschweigend geduldet hat, was in Bialhstok vor sich ging. Was die angeregten amtlichen Vorstellungen anbetrifft, so bin ich der Ansicht, daß es drei Parteien in Rußland gibt, nämlich die Reaktionäre, die Reformpartei und die Revolutionäre, und daß jede Einmischung eines Anßenstaates nicht die Reform- Partei stärken wird, sondern eine der beiden anderen Parteien." Die Bestimmtheit, mit der der Staatssekretär erklärt, daß die russische Regierung nichts von dem Pogrom gewußt habe, ist in dem Moment, wo die Duma das direkte Gegenteil beweist, geradezu unglaublich. Mau wird auch in London hoffentlich die Antwort nicht schuldig bleiben. ft Der Bericht über die Vorgänge in Bialystok, den die dorthin entsandten Mitglieder der russischen Reichsduma verfaßt haben, ist nunmehr veröffentlicht worden und stellt den schärfsten Gegensatz dar zu den Behauptungen und Auffassungen des Vertrauensmannes der Regierung, Senators Frisch. Es heißt in dem Bericht der Dumamitglieder, nachdem eine Anzahl Aussagen von Augenzeugen über jene blutigen Vorgänge aufgeführt sind: Vor allein ist die Planmäßigkeit des Programms hervorzuheben, die an die Strafexpeditionen in den Ostseeprovinzen und Sibirien erinnert. Der Tag ist genau vorher bestimmt, ebenso auch die Gelegenheit, bei der der Pogrom seinen Anfang nehmen soll, nämlich der Umzug der Kirchenprozessionen, wo mit der religiösen Stimmung der Menge gerechnet werden konnte. Doch wer war der Organisator? Der Gouverneur von Grodno, Küster, der noch vor dem Pogrom um Entfernung des Pristaws Scheremetift ans Bialystok, als den Haupthetzer, von einer jüdischen Abordnung gebeten war, verweigerte dies; er war auch am 15. Juni in Bialystok, als der Pogrom bereits im Gange war, ohne etwas zu tu», und fuhr von dort nach Wilna zum Generalgouvernenr. Entweder also wußte er von dem Pogrom und ließ ihm seinen Laus, oder er stand den Vorgängen infolge einer geheimen Gewalt ohnmächtig gegenüber. Als die Dumaabgeordneten Jakubzon und Scheftel am 15. Juni sich an den Minister des Innern mit der Bitte um Ergreifung von Maßregeln, um dem Morden Einhalt zu tun. wandten, wurde dieses zugesagt; ein Erfolg ist aber,

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