Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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aus dem Familienfeste eine allgemeine und schöne Feier, deren Verlauf zeigte, daß die uneigennützige und opferfreudige Hingebung an eine Idee, das mutige und energische Eintreten für diese auch selbst in unserer materiellen Zeit ihre rechte Würdigung finden. Schon der frühe Morgen brachte einen Berg von Depeschen und Glückwünschen vieler Vereine und Korporationen, Gemeinden und Einzelner. Die bloße Aufzählung würde die Leser ermüden, und so begnügen wir uns, die Tatsache zn konstatieren, daß alle, die Gelegenheit haben, das Wirken des Mannes zu kennen, sich beeilt haben, ihm zn diesem Tage ihre herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Besondere Freude machte natürlich dem Manne, dessen Universitätskarriere so vorzeitig unterbrochen wurde, eine Adresse der Professoren und Studenten der Universität Brüssel aus der Zeit seiner erfolgreichen Lehrtätigkeit an dieser Hochschule. Um 11 Uhr erschien eine Deputation des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes, und der zweite Vorsitzende, Direktor Dr. Minden, hielt eine sehr wirksame Ansprache an den Jubilar, die dessen Verdienste um den Gemeindebund würdigte. Eine silberne Präsidentenglocke als das Geschenk des Bundes, und eine schön ausgestattete Adresse legten Zeugnis davon ab, wie sehr die Verdienste Philippsons um diese Institution anerkannt werden. Sodann erschienen Deputationen des Kantorenverbandes, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, der Lesehalle des Lehrerverbandes, des Gesamtarchivs für die deutschen Juden, des Verbandes deutscher Juden u. v. a. Zuletzt traten im vollen Wichs Deputationen des Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur und der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung an, um dem verehrten Manne ihre studentische Huldigung darzubringen. Bis in den späten Nachmittag zog sich der Aufmarsch der Deputationen und Gratulanten hin. Dann vereinigte ein solennes Diner die Freunde des Hauses zu fröhlicher Tafelrunde. Am Abend fand ein allgemeiner Empfang in dem gastfreien Hause statt, dem die verehrte Gattin des Jubilars in so liebenswürdiger Weise vorsteht. Möge es Herrn Professor Philippson — in diesem Wunsch vereinigen sich alle, die ihn kennen und ehren — noch lange beschieden sein, in so tatkräftiger Weise wie bisher zum Wohle des Judentums und im Juteresse der Wissenschaft zu wirken und zu schaffen! ---- Berlin, 1. Juli. Beim Herannahen der Reisezeit ergeht an alle jüdischen Hausfrauen die Bitte, der Peah <Jirdische Brockensammlung) zu gedenken und ihr allen ausrangierten Hausrat, Kleidungsstücke, Flaschen, Kisten, Papier usw. zur Verfügung stellen zu wollen. Sie läßt diese Gegenstände, die für die Besitzerin wertlos, für ihre Pfleglinge aber von großem Nutzen sind, durch ihren Wagen abholen, so daß dem Spender daraus keinerlei Belästigung oder Kosten entstehen. Es bedarf nur einer Postkarte an ihre Adresse, in der die gewünschte Zeit der Abholung und möglichst Angabe der bereitliegenden Gegenstände mitgeteilt wird. Die Adresse ist: Peah, Jüdische Brockensammlung, Berlin C 2 Nene Friedrichstraße 5/6. 8. Berlin, 2. Juli. Am 27. v. M. ist hier nach langem Leiden im vollendetem siebzigsten Lebensjahre Herr Hugo Meyerstein gestorben, ein Mann, der seit vielen Jahrzehnten im öffentlichen Leben Berlins an so mancher Stelle sich sehr verdienstvoll betätigt und nach vielen Seiten hin eine segensvolle Wirksamkeit entfaltet hat. Hugo Meyerstein war Vorsitzender der ersten Sektion der großen Leder-Berufsgenossenschaft, war Mitglied der Steuereinschätzungskommisston, Vorstand der israelitischen Reformgemeinde und an der Leitung so mancher wichtigen Berliner Vereinigung beteiligt. In der Resormgemeinde war Meyerstein 16 Jahre lang Mitglied des Vorstands. Sein Pflichteifer, seine unermüdliche Tätigkeit, namentlich als Kurator des Gotteshauses, sichern ihm in diesem Kreise ein gutes Andenken. Die Leichenfeier für den Heimgegangenen fand am l.d. M. um V312 Uhr mittags im Tempel der Reformgemeinde in der Johannisstraße statt. Der Sarg war vor dem schwarz drapierten Altarraum aufgebahrt. Prediger Dr. Levin hielt die Gedenkrede, in der er die Verdienste des Dahingegangenen nur die jüdische Reformgemeinde würdigte. Im Anschluß an diese Trauerfeier erfolgte auf dem Friedhofe in der Schönhauser-Allee die Beisetzung. Am Grabe sprach Prediger Dr. Jelski. Eine Fülle von kostbaren Kranzspenden wurde am Sarge niedergelegt. Ein großer Freundeskreis, der besten altberlinischen Gesellschaft ungehörig, viele Gemeinschaften und Vereine werden dem Heimgegangenen ein treues und dankbares Angedenken bewahren. o. Bresttau, 3. Juli. Der hier, wie bereits in voriger Nummer gemeldet, abzuhaltende Ferienkursus in Religionswissenschaften für jüdische Lehrer wird am 5. Juli beginnen und ist aus eine Dauer von drei Wochen berechnet. Folgender Studienplan ist sestgesetzt worden: 1. Exegese der ersten Kapitel aus der Genesis: Sechs Vorlesungen (Dozent Dr. Brann): 2. Religionsphilosophie (Juda Halevi): Sechs Vorlesungen (Dozent Dr. Horovitz); 3. Geschichte der deutschen Juden (von der Zeit der Kreuzzüge bis zum Jahre 1348): Sechs Vorlesungen (Dozent Dr. Brann); 4. Homiletik (mit Hebungen): Sechs Vorlesungen (Dozent Dr. Horovitz); 5. Methodik und Didaktik des hebräischen Unterrichtes mit daran anschließenden Probelektionen: Sechs Vorlesungen (Dozent Dr. Brann); 6. Mischna (Berachoth): Zweimal wöchentlich lSeminarrabbiner Prosessor Dr.Lewh); 7. Talmudische Hagadoths (Ln jaakob) zweimal wöchentlich (derselbe); 8. Ritualien: Nenn Vorlesungen (Stiftsrabbiuer Dr Zuckermandel); 9. Zur Geschichte der Achtzehngebete: Vier Vorlesungen (Rabbiner Dr. Deutsch) und 10. für Kantoren: gesangliche und musik-theoretische Fortbildung (Oberkantor Ceriui im Verein mit Kapellmeister Elsner). Meldungen zur Teilnahme an deul Kursus sind an Lehrer Moops, Breslau VII, Sadowastraße 69, zu richten. 1. Cöln, 29. Juni. In einer außerordentlichen Generalversammlung der „Israelitischen Religionsgesellschaft Adass Jeschurun" wurde nach einer Rede des Rabbiners Dr. Carlebach und auf Antrag des Vorstandes der letztere einstimmig beauftragt, sofort den Gesamtaustritt aus der Synagogengemeinde wegen Einführung der Orgel zu veranlassen und die nötigen Schritte einzuleiten, bei der Behörde die Rechte einer eigenen Synagogengemeinde zu erlangen. Die Vorgeschichte des Beschlusses ist aber interessanter als dieser. Zuerst richteten die Herren ein Schreiben an den Gemeindevorstand, daß sie unter gewissen Bedingungen trotz ihrer Bedenken in der Gemeinde bleiben würden, d. h. wenn ihnen die ganze Aufsicht über die Schechitah und ein besonderer Teil des Friedhofes eingeräumt würde. Der Vorstand antwortete aus die Herausforderung natürlich mit einem entschiedenen Nein. Nun treten sie aus. Also Gewissensbedenken unter gewissen Bedingungen! Eine merkwürdige Orthodoxie! Indes sind durchaus nicht alle Mitglieder der Vereinigung aus der Gemeinde ausgetreten. i. Cleve, 24. Juni. Am 11. d. M. verschied hier, wie schon kurz gemeldet, Herr M. H. Jacobs im 88. Lebensjahr. Der Entschlafene hatte vierzig Jahre lang das Amt eines Vorsitzenden der israelitischen Gemeinden des Kreises Cleve bekleidet und dasselbe mit großem Interesse und seltener Uneigennützigkeit verwaltet. Auch bei seinen anderen Mitbürgern genoß er allgemeine Hochachtung und Wertschätzung, welchem Umstande es auch zuzuschreiben ist, daß er eine lange Reihe von Jahren Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums gewesen, und verdanken sowohl Stadt als auch Gemeinde dem Verblichenen sehr viel. Seine Wohltätigkeit, seine redliche Gesinnung, verbunden mit großer Intelligenz, haben seinem Namen weit über die Grenzen der Stätte seiner Wirksamkeit hinaus einen seltenen Klang verliehen. Die Beerdigung, die am 14. v. M. stattfand, legte Zeugnis davon ab, welcher Beliebtheit der Verstorbene sich hier erfreut hatte. Ein sehr großes Gefolge, wie es hier lange, selbst bei Andersgläubigen, nicht gesehen worden, geleitete die Bahre, und konnte man darunter auch Spitzen der Behörden, Notabeln der Stadt, sowie Herren der ersten Gesellschaftskreise bemerken. Sein Andenken wird nicht nur den Mitgliedern unserer Gemeinde, sondern auch der gesamten Bürgerschaft Cleves unvergeßlich sein. 0. Hanatt, 2. Juli. Die israelitischen Gemeinden im ehemaligen Kurfürstentum Hessen erstreben eine Abänderung der Gesetze betr. die Ve rh ältnisse der Juden Kurhessens vom 30. Dezember 1823 und vom 29. Oktober 1833. Es wird in einer Eingabe an den Minister des Innern die Staatsregierung ersucht, eine Aenderung der Gesetze dahin herbeizuführen, daß: 1. die jüdischen Kultussteuern in Form eines Zuschusses zu den Staatssteuern erhoben werden, 2. die Synagogenältesten und die Mitglieder der Vorsteherämter durch die Gemeinden gewühlt werden und daß denselben ein Kollegium von gleichfalls gewählten Vertretern beigegeben wird; 3. den Organen