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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
Seite 324 (sequence 12)
Language
German
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-Je '• '-."W - 324 - die Nichte des Rabbi und fragte mich, ob ich auch Lesebücher in meinem Koffer habe, sie lese gerne Bücher, namentlich Romane. Ich wußte nicht, was Romane sind, und kannte nur Karl von Karlsbergs „Ueber das menschliche Elend" und den dritten Teil des „Rinaldo Rinaldini", der im Dorfe kursierte. Mein Vater führte mich noch zu einem alten Kriegskameraden, der mit uns verwandt war. Ich hatte gehört, wie Bruder Maier Einspruch gegen diese Einführung erhob; er sprach dann leise und heftig, aber der Vater achtete nicht darauf. Von dem Manne wurde Wunderliches erzählt. Er hieß mit Namen Jtzig Löb, bewohnte für sich allein das stattliche Eckhaus, wo er mehrere Dienstboten hielt und üppig lebte. Er lag den ganzen Tag auf einem türkischen Diwan, der aus lauter weichen Kissen bestand. Er trug einen goldgelben seidenen Schlafrock und dazu rote Sasfianstiefel. Da lag er auf dem Divan und las den ganzen Tag Romane. Reben dem Divan hatte er eine große Fuhrmannspeitsche, die er von Zeit zu Zeit in die Hand nahm und damit knallte. Wenn die Herde am Abend in die Stadt zurückkehrte, legte er sich mit einer noch längeren Peitsche unter das Fenster und gab jedem vorübergehenden Tiere einen Schmitz. Dann ging er schön gekleidet nach dem Museum vor dem Tor der oberen Stadt, kegelte dort im Sommer mit den Honoratioren, wozu auch der Fürst gehörte. Im Winter spielte er mit derselben- Gesellschaft Whist, bis ihn die Magd, ein schönes, großes Mädchen, die Tochter des Hirten, abrief. Sie trug ihm eine Laterne voran, in der drei Lichter brannten. Mau fabelte geheimnisvoll von den großen und verborgenen Reichtümern des Mannes. Er hatte eine einzige Tochter, die an den einzigen in Donaueschingen lebenden Juden verheiratet war. Jtzig Löb hatte gar keine Gemeinschaft mit den Juden in Hechingen. Er besuchte nie eine Synagoge, und das einzige, woran man erkannte, daß er noch ein Jude war, abgesehen von seiner koscheren Wirtschaft, bestand darin, daß er am Versöhnungstage sich nicht am Fenster sehen ließ. Jeden Tag, so erzählte man mit einem gewissen Schauder, jeden Tag ging Jtzig Löb in eine neben seinem Zimmer befindliche dunkle Kammer; dort wurde nie ein Fensterladen aufgemacht und nie durfte ein Dienstbote in das geheimnisvolle Gemach eintreten, so daß niemals darin gescheuert oder geputzt wurde. Ich hatte von allem diesem schon im Dorfe gehört, und als wir in das Haus eintraten, warmir's umsomehr, als käme ich wahrhaftig in ein Märchen, da uns eine kleine, bucklige, weißhaarige Frau im Flur begrüßte und uns bei Namen nannte. Es war aber keine Zaubergestalt, sondern das Minkele von Mühringen, das selbstverständlich auch weitläufig mit uns verwandt war, früher bei uns gedient hatte, und jetzt Köchin bei Jtzig Löb war. Wir kamen in den großen Ecksaal im ersten Stock. Da lag der Vielgenannte im goldgelben Schlafrock auf dem Sofa. Vor ihm saß in einem Lehnstuhl eine üppige Frauengestalt. Er sagte ihr: „Du kannst jetzt gehen". Sie ging ohne weiteres fort. Jtzig Löb richtete sich auf, reichte meinem Vater die Hand, dann nahm er die Peitsche und knallte leise damit, während er mit meinem Vater Kriegserinnerungen austauschte, die ich nicht verstand. Als mein Vater mich ihm empfahl, sagte er: „Du kannst jeden Freitag abend bei mir essen; komm' gleich heute. Kannst Du auch so schön singen wie Dein Vater?" Mein Vater bejahte für mich. Jtzig Löb wollte nun, daß ich ihni gleich etwas vorsinge, aber mir war so bange, als wäre ich, vom Elternhause verstoßen, in die weite Welt hineingesetzt. Wieder auf dem Hausflur, versprach das Minkele meinem Vater, auf mich acht zu geben, und die große Hirtentochter streichelte mir die Wangen und sagte: „Du bist ein ganz hübscher Bub." Auf der Straße sagte mir mein Vater, daß er nicht mehr mit mir in das Beth-Hamidrasch zurückkehre, er habe dort schon Adieu gesagt, und drunten im „Rößle" warteten der Bruder Maier und der Lehrer. Man müsse eilen, um noch zeitig vor dem Sabbat-Eingang heimzukommen. Mein Vater führte nüch an der Hand die Stiege hinab. Drunten am „Rößle" war das Pferd schon vorgespannt. Die Wartenden sagten ihm, man müsse eilen. Sie reichten mir kurz die Hand. Der Vater legte mir noch die Rechte auf den Kopf und benschte (segnete) mich, dann fuhr er mir nach seiner Art mit der Hand über das Haar und sagte: „Hab' keinen Jammer, Du hast ja selber gewollt." „Und auf die Feiertage kommst Du ja wieder heim", rief noch der Maier vom Bock, als der Vater aufstieg. Fort rollte das Bauernwägelein und wirbelte eine Staubwolke auf, ich rannte ihm nach. Dann stand ich still und sah der verfliegenden Staubwolke nach und weinte bitterlich. Ich fühlte es, ich war dem Elternhause, den: Heimatsorte entrissen, ich war in der Fremde allein, ineine Kindheit war dahin. 'Ä' Literarische Mitteilungen. Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland. Im Aufträge des Zionistischen Aktionskomitees bearbeitet vom Bureau für Statistik der Juden in Berlin-Halensee. Jüdischer Verlag, Charlottenburg. 1906. — Unter obigem Titel ist eine sehr zeitgemäße und für alle diejenigen, die der Lage der Juden in Rußland Interesse entgegenbringen, sehr erwünschte Arbeit erschienen. Das Bureau für die Statistik der Juden hat, vom Zionistischen Aktionskomitee beauftragt, auf Grund des jüngst vom russischen statistischen Zentralamte veröffentlichten Materials die Verhältnisse der russischen Juden in eingehender, wissenschaftlich exakter, dabei aber auch klarer und übersichtlicher Weise allseitig beleuchtet; dadurch ist zum erstenmal eine ausführliche auf zuverlässige Quellen beruhende Darstellung der sozialen Struktur der jüdischen Bevölkerung in Rußland geliefert. Gerade jetzt war die Erforschung der grundlegenden Tatsachen von ganz besonderer Wichtigkeit, da man, ohne sie zu kennen, kaum eine richtige Antwort auf die brennende Judenfrage daselbst finden kann. Sgrechsgal. Sehr geehrter Herr Redakteur! n der vorigen Nummer Ihres geschätzten Blattes ist ein Brief aus Hannover enthalten, der, mit Amitti unterzeichnet, sich den Anschein gibt, vom Standpunkt eines „objektiven Beobachters" ein unbefangenes Bild von den Vorgängen in der hiesigen Gemeinde zu liefern, an denen ich beteiligt gewesen bin. Der Brief aus Hannover ist aber keineswegs objektiv gehalten. Ich habe es unter meiner Würde gehalten, auf die früheren plumpen Angriffe zu antworten, und verschmähe es in gleicher Weise, auf diesen Artikel berichtigend einzugehen. Mein Charakter, und das, was ich zu leisten vermag und geleistet habe, liegt offen vor aller Augen, und ich fürchte nicht, daß derartige Elaborate mir in der öffentlichen Meinung schaden könnten. Betrübend aber ist es, daß durch derartige Dinge die Ehre einer der angesehensten deutschen Gemeinden in den Staub gezogen werden kann, zu deren schönsten Traditionen es bisher gehörte, die inneren Vorgänge nicht in die öffentlichen Blätter zu ziehen. Hannover, 1. Juli 1906. Hochachtungsvoll Dr. S. Gronemann, Landrabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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